Master Magistrate

Master Magistrate (bzw. „Ouka Sabaki“, wie es im japanischen Original heißt) ist eine Krimi-Visual Novel, die während der letzten Jahre der Edo-Zeit in Japan spielt.

Entwickelt wurde sie von dem Doujin-Studio Irodori, welches die VN 2017 in Japan herausgebracht hatte und dort auch schnell eine Fangemeinde fand.

Das verwundert nicht, denn Master Magistrate hebt sich deutlich von anderen, gewöhnlicheren Visual Novels auf dem Markt ab; das historische Setting, die qualitativ hochwertige audiovisuelle Inszenierung und vor allem das Gameplay, das an andere interaktive Mystery-Adventures wie die Ace Attorney-Serie erinnert, hinterließen bei den japanischen Spielern einen so großen Eindruck, dass Hobibox sich die Vertriebsrechte für den englischen und chinesischen Markt sicherte.

Dabei ist Master Magistrate nicht der erste Versuch von Hobibox in unserem Visual Novel-Markt Fuß zu fassen. Zuvor lokalisierten sie die Visual Novel Your Diary, welche für ihre fürchterliche englische Übersetzung berühmt berüchtigt wurde. Hobibox nahm sich diese Kritik zu Herzen und sorgte dafür, dass wir es dieses Mal mit einer professionellen Übersetzung zu tun haben.

Zwar hat ShiraVN, die Gruppe, die für die Übersetzung verantwortlich ist, bisher keine namhaften Credits errungen, allerdings lässt die Early Access Version des Spiels, die an 17.09.2019 auf Steam veröffentlicht wurde, unsere Sorgen wegblasen; die Übersetzung ist sehr gut.

Wo wir bei Early-Access sind: Bisher kann man die ersten drei Kapitel des Spiels auf Steam spielen.

Das komplette Game besteht aus vier Kapiteln, die sozusagen die „Common Route“ umfassen, sowie Charakterrouten, die daran anknüpfen. Um eine Vorstellung über das Ausmaß der VN zu haben: Kapitel 4 ist in etwa so groß, wie Kapitel 1 bis 3 zusammen. Und die Charakterrouten sind dann noch einmal länger, als alle vier Kapitel. Aber das heißt nicht, dass die Early Access ein kurzes Vergnügen wäre: Allein an den ersten drei Kapiteln, die wie gesagt etwa ein Drittel ausmachen, wird man mindestens 20 Stunden sitzen.

Da das komplette Spiel später mehr kosten wird, als es die Early Access derzeit tut, können interessierte Leute ruhig bereits zugreifen, auch wenn noch nicht alles verfügbar ist. So spart man sich etwas Geld und hat trotzdem bereits eine Menge Content, den man genießen kann, wenn man nicht noch ein Jahr warten möchte, bis dann alles verfügbar ist.

Protagonist von Master Magistrate ist Shimei Ooka, der neu ernannte Magistrat in Nakamachi.

Die Aufgabe eines Magistraten wird den Spieler nicht nur dazu führen Tatorte zu untersuchen und Beweismittel zu sammeln sondern auch die Gerichtsverhandlungen zu leiten.

Master Magistrate ist dabei natürlich nicht nur ein Krimi-Adventure sondern auch ein, wie man es bei einer Visual Novel erwarten würde, Charage. Es gibt fünf Heldinnen, die Shimei unter die Arme greifen können und in der Vollversion ihre eigenen Routen (mit Hentai-Szenen) haben.

Ohne dabei zu viel verraten zu wollen, so ist die Charakterisierung hier besonders gelungen, gerade wenn man diese VN mit anderen aktuellen Charage vergleicht. Jeder Charakter verfügt über eine ausgearbeitete Persönlichkeit und Individualität und existiert nicht nur, um dem Protagonisten hinterherzujagen. Das Gleiche kann auch über die Nebencharaktere gesagt werden. Jeder einzelne Charakter, auch ein weniger wichtiger, ist vertont (ja, auch die Männer) und das Charakterdesign ist detailliert und verrät bereits viel über die jeweilige Person und ihre Eigenheiten.

Die drei Kapitel werden kontinuierlich besser. Um ehrlich zu sein ist der Anfang ziemlich zäh. Viel Zeit wird damit verbracht, die Charaktere vorzustellen und das Gameplay zu erklären. Wie bei Phoenix Wright ist auch der erste Gerichtsfall nicht sonderlich spannend, da er eher dazu dient, dem Spieler zu zeigen, wie alles funktioniert. Auch der Anfang des zweiten Kapitels braucht einen Moment um in Fahrt zu kommen, weil längere Slice-of-Life Sequenzen und die obligatorischen Fanservice-Szenen das Pacing etwas verlangsamen, auch wenn dies nötig ist, um den Spieler mit dem Setting und den Charakteren vertraut zu machen.

Und das Engagement wird auch belohnt, sobald das zweite Kapitel an Fahrt gewinnt. Bis zum finalen Cliffhanger in Kapitel 3 bietet Master Magistrate dann perfekte Unterhaltung für VN-Fans und Murder Mystery Enthusiasten. Und da die Kapitel zunehmend länger werden, ist das auch der bei weitem größte Teil der Early Access-Version.

Das komplette Spiel wird etwa über 200 CGs verfügen, wobei nur etwa 45 davon Hentai-CGs sind (was ich als extrem positiv ansehe).
Die hohen Production Values kann man nicht nur bei den CGs sehen sondern auch bei den Hintergründen, die für eine VN extrem detailliert ausfallen und perfekt in das historische Setting passen.

Für mich allerdings war das visuell eindrucksvollste die Manga-ähnlichen Retellings der Morde (ähnlich wie in Danganronpa, nur künstlerischer):

Neben dem tollen Artwork hat auch der Soundtrack viel Lob in der Heimat bekommen. Auch hier wird wieder das historische Setting ernst genommen und so weckt jeder Track Assoziationen zum alten Japan.

Leider wird die Engine der VN den hohen Production Values nicht gerecht. Wählt man eine andere Auflösung als die Originalauflösung, so kriegt man es mit heftigem Aliasing zu tun. Der Vollbildmodus ist nicht virtuell sondern wird die Auflösung des Betriebssystem ändern, was das gelegentliche heraustabben zur Qual macht. Auch andere Komfortfeatures fehlen wie das manuelle Belegen von Maus- oder Keyboardtasten.

Es wird noch etwa ein Jahr dauern, bis die Vollversion in Englisch veröffentlicht wird. Bis dahin kann ich jedem, der Interesse hat, die Early Access Version ans Herz legen. Master Magistrate ist eine tolle VN, sicherlich eine der besten, die in den letzten Monaten in Englisch erschienen ist. Auch wenn sie bisher nur drei Kapitel umfasst, ist der Preis angemessen, vor allem, wenn man bedenkt, dass man dafür dann in einem Jahr auch das komplette Spiel nachgeliefert bekommt und dass die Vollversion etwas teurer werden wird.

Post Author: Tyr