Was macht eine Visual Novel zu einem Meisterwerk?

Wenn man sich im Bereich Visual Novels mit anderen Fans unterhält, kommt oft die Frage auf, was für eine Bewertung man verschiedenen Titeln geben würde. Das ist bei VNs eben nicht anders, als es bei praktisch allen anderen Formen von Medien, wie z.B. Musik, Büchern oder Filmen, auch der Fall ist. Klar, in der Regel vergibt jeder eine Note von 1-10, aber was genau ist es, was eine Visual Novel zu einer 10/10 oder eine andere nur zu einer 8/10 macht? Worauf kommt es uns in Kunstwerken, egal welches Medium, drauf an? Mit meinem ersten Artikel für visual-novel.info, möchte ich darüber aufklären, wie ich die zuvor genannten Fragen persönlich beantworten würde und eventuell kann ich sogar anderen hiermit helfen, ihre eigene Perspektive für VNs und Medien im Allgemeinen, besser zu verstehen.

Unterhaltung, Bedeutung und Technik in Kunst.1400 x 900 End of Evangelion Wallpaper: evangelion

Ich bin zu dem Entschluss gekommen, dass die Absicht von praktisch jedem Werk, egal in welchem Medium, in drei Kategorien einteilbar ist. Natürlich erfüllt eigentlich jedes Werk diese drei Zwecke/Absichten zu einem gewissen Grad, doch lässt sich, meiner Meinung nach, oft die Konzentration auf eine der drei Kategorien erkennen. Die drei Hauptabsichten von Kunst sind für mich: Unterhaltung, Bedeutung und Technik. Wenn das noch etwas zu abstrakt klingt, kann ich hierfür gerne auch ein paar Beispiele nennen. Die meisten Sitcoms, sind demnach darauf ausgelegt unterhaltend zu sein und nicht ein bedeutsames Werk zu sein, das durch seine Message überzeugt. Gleichermaßen gibt es aber auch viele TV-Serien/Anime, die versuchen etwas auszusagen und nicht den Zuschauer lediglich unterhalten (z.B. Neon Genesis Evangelion). Dasselbe gilt also auch für Technik, wobei es viele Werke gibt, die durch ihre Aufwändigkeit oder ihr technisches Geschick überzeugen wollen, was der Fall bei vielen Filmen oder besonders bei Bauwerken ist. Ich hoffe ihr versteht was ich meine.

Der Punkt ist jedenfalls, dass dies natürlich auch auf Visual Novels zutrifft und mir bei VNs und Fiktion allgemein die Bedeutung, also die Message, bei weitem am Wichtigsten ist. Praktisch alle meine Favoriten, sind meine Favoriten, weil ihre Botschaft bei mir hängengeblieben ist und in einigen Fällen, haben mich diese sogar so sehr beeinflusst, dass sie die Art, wie ich denke und meine Einstellung zu Dingen im Leben positiv verändert haben. Eine VN kann spannend oder lustig sein, hochqualitativ produziert sein und einfach durch den Spaß, den man damit hat, unterhalten, aber wenn sie mir nicht viel zum Denken gibt und nichts wirklich aussagt, ist es sehr unwahrscheinlich, dass sie einer meiner Lieblingswerke wird. Kurz gesagt, ist das auch der Hauptgrund, warum Muv-Luv Alternative für mich nicht dem Test der Zeit, seitdem ich es beendet habe, standgehalten hat. Über diese Differenzierung ist es mir selbst erst bewusst geworden, was es ist, das ein Werk für mich Weltklasse macht. Natürlich ist dies 100% subjektiv, aber ich bewerte deshalb danach, wie gut eine VN etwas aussagt.

Umsetzung ist alles.

Demnach sollte es wahrscheinlich auch keinen mehr überraschen, dass z.B. SubaHibi (Wonderful Everyday ~Diskontinuierliches Dasein~), eines meiner absoluten Favoriten und definitiv eine 10/10 ist. Ich verzichte hier natürlich auf Spoiler, aber einfach gesagt, konzentriert sich praktisch die gesamte VN darauf, ein Statement über Freude am Leben zu machen und so ziemlich alles, was in ihr passiert, geschieht, um diesen Punkt zu verdeutlichen. SubaHibi ist auch ein gutes Beispiel dafür, dass es viel mehr darauf ankommt, wie eine Message ausgedrückt wird, als was die Message selbst ist. Die Aussage „Live happily!“, klingt für einen Außenstehenden selbstverständlich wahrscheinlich sehr schlicht und nach nichts Besonderem, doch wer die VN gespielt hat, weiß, was für eine Komplexität hinter so einem einfachen Satz steht und was SubaHibi macht, um ihn eindrucksvoll wirken zu lassen. Auf die Umsetzung kommt es an. Allgemein ist der Schluss eines fiktiven Werks deshalb meistens das Wichtigste für mich, da dies in der Regel der Punkt ist, wo die Message finalisiert wird, das Development kulminiert und – besonders im Fall von SubaHibi – alles was vorher kam rekontextualisiert wird. Da mir – wie gesagt – sowieso relativ egal ist, wie sehr ich unterhalten bin, kann ich auch ein Auge zudrücken, wenn das Kapitel „It’s My Own Invention“ sich in die Länge gezogen hat. Die paar Stunden, die ich eventuell lieber etwas anderes gelesen hätte, stehen absolut nicht im Vergleich zu der Zeit, die ich nach Beenden SubaHibis damit verbracht habe, über die VN nachzudenken und von ihr beeindruckt zu sein.

Schlusswort

Wenn man, wie ich, viel über Medien diskutiert und sich kritisch mit ihnen auseinandersetzt, finde ich es sehr nützlich, sich darüber im Klaren zu sein, was für Werte und Präferenzen man hat – besonders damit andere deine Ratings nachvollziehen können, selbst falls sie selbst etwas anders bewerten würden, was eben auf eine andere Verteilung von Werten und Präferenzen zurückzuführen ist. Es ist natürlich auch vollkommen legitim kein festes Rating-System zu haben und einfach frei nach Gefühl Ratings verteilt. Ich habe lediglich für mich selbst herausgefunden, dass ich mit meinen eigenen Bewertungen am Zufriedensten bin, wenn sie alle auf einer leicht zu vergleichbaren Basis wie dieser beruhen.

Das wäre eigentlich größtenteils, wie ich fiktive Werke bewerte. Hoffentlich habe ich mich nicht zu kompliziert ausgedrückt und ihr könnt meine Perspektive nachvollziehen. Ich finde es immer interessant zu hören, was andere an z.B. VNs am meisten schätzen. Auch wenn man verschiedene Präferenzen hat, kann man, indem man sich erklärt, andere Meinungen besser verstehen und besonders so gezielt besser Empfehlungen geben und bekommen, da man eine bessere Vorstellung hat, ob eine Person eine gewisse VN mögen würde oder eben nicht. Ich hoffe ich konnte euch hiermit etwas zum Denken über eure eigenen Werte anregen und vielleicht fällt es euch nun ja leichter, darüber im Klaren zu sein, was eine VN zu einem neuen Favoriten machen würde. Bis zum nächsten Mal!

Autor: artolympus