VNInfo Adventskalender #8: GFxF (Girls Fiction FiXin Fight) – Leftietwitter als Visual Novel

Heute gibt es auf die Schnelle etwas bei dem ich kein Experte bin, aber ich versuche mein Bestes es so taktvoll wie möglich zu behandeln. In einem eskapistischen Medium wie Visual Novels oder Anime neigen viele Otaku dazu die Themen Politik, Identität, Sozialkritik oder gar, das als SJW-Domäne verrufene Genderthema so gut wie möglich auszublenden. Diese Themen gelten als viel zu realistisch und menschlich, dass man diese auf fiktionale Charaktere und Settings anwenden sollte. Sie stellen dem Eskapismus, den diese Medien anfeuern sollen, ein Bein, da sie Erinnerungen an die kalte Realität wecken, was von den Leuten, die einfach nur ihr Entertainment wollen, ungewollt ist.

Ein großer Teil der Menschen, die sich selbst als Minderheit fühlen  – in diesem Fall Verfechter linksgerichteter Ideologien oder Akademiker, die sich oft mit der LGBTQ+ Bewegung überlappen – möchten oft, dass man sich mit den tiefgängigen und sozialkritischen Aspekten, die Medien mit sich bringen auseinandersetzt und sie auf das wahre Leben anwendet, damit andere die anekdotischen Schwierigkeiten derjenigen Minderheit nachvollziehen können und sie sich dort – als Mitmenschen – repräsentiert fühlen.

In jedem Medium gibt es Leute, die sich mehr mit Repräsentation beschäftigen als wirklich ein gutes Produkt zu machen. Deshalb wäre es gut, wenn man hin- und wieder mal etwas finden könnte, was die Brücke zwischen politischen Aussagen und Gameplay schlagen kann ohne allzu „preachy“ zu werden. Der heutige 8. Vertreter unseres Adventskalenders Girls Fiction FiXin Fight jedoch ist keine allzu gute VN, sondern mehr ein identitätspolitischer Debattierclub, der zugegeben einige Aussagen tätigt über die es sich nachzudenken lohnt.

Handlung

Zwischen den Charakterszenen gibt es diese Infodumps. Diese sind ausnahmsweise mal nicht voller Politik und erlauben eine Ruhepause vom hitzvollen Debattieren

Wir schlüpfen in die Rolle der antisozialen und zurückgezogenen Mona, die sich den Mut fasst und einem Schulclub beitritt. Sie selbst ist interessiert an Frauen und tritt deshalb dem GLAM-Club (Girls’s Love for Anime and Manga) bei. Dort bleibt sie eigentlich die ganze Zeit im Hintergrund und traut sich nicht etwas zu sagen – mimt die unauffällige, stumme Schönheit.

Das Spiel hat teilweise gute Aussagen, die aber von Gewäsch mit langen akademischen Worten und Konzepten verwässert werden

Der Club besteht zwar nur aus 3 Mitgliedern: Hana, Riley und Mona, aber sein Name ist Programm. Die Liebe, die Gründungsmitglieder Hana und Riley für Anime & Manga teilen, beflügelt sie dazu sich tief in das Medium einzudenken und dessen tiefen kulturanthropologischen Themen herauszuarbeiten und die Eigenschaften fiktionaler Werke zu hinterfragen. Das Problem ist nur: Die Geschmäcker der beiden sind grundverschieden, was immer wieder zu hitzigen Auseinandersetzungen und Debatten führt.

Mona selbst möchte sich oft genug einmischen, doch ihre zurückgezogene Persönlichkeit hält sie davon ab. Sie will auf keinen Fall die Bekanntschaft mit Riley und Hana aufs Spiel setzen.

Die hitzköpfigen Debatten nehmen kein Ende. Mona bekommt langsam genug, denn eigentlich trat sie nur bei, damit sie sich unter anderen lesbischen Mädchen wohlfühlen kann.

Charaktere

Meinung

 

Dieses Spiel ist nahezu ein einziger Debattierclub über verschiedene Aspekte der Repräsentation von Lesben/Yuri in Fiktion. Es mehrere große Thematiken um die sich der Dialog innerhalb der Stunde Spielzeit dreht: Magical Girl Anime, die Idolindustrie und ihre Darstellung in Fiktion, von ekligen Männern ge-catcalled zu werden und zuletzt eine kritische Auseinandersetzung ob Yuri im Mainstream normalisiert werden sollte.

Zu jedem Thema, was in dem Spiel angeschlagen wird könnte ein Gender Studies-Student ganze Abhandlungen verfassen, da ich jedoch ein simpler Japanisch-Student bin und von dieser ganzen Thematik nicht genügend Verständnis habe, kann ich nur kurz allgemein bewerten:

Persönlich bin ich ein Fan von der tiefgehenden Analyse von Metanarrativen und soziokulturellen Thematiken, aber ich finde, dass man es damit nicht übertreiben sollte und schon gar nicht seine Interpretation anderen Leuten aufdrücken sollte. Jede Interpretation steht in einem völlig subjektiven Licht und sollte als solche behandelt werden.  Auch ist es nicht gut, wenn man konträre Meinungen, die nicht dem eigenen Weltbild entsprechen ausblendet, wie die beiden Mädchen es in diesem Spiel tun. Riley steht auf Badass-Yuri und verabscheut fluffige Repräsentation wie Händchenhalten; Hana ist sehr extrem in ihrer Sichtweise, dass alles süß und fluffig sein muss. Beide haben völlig gegensätzliche Geschmäcker. Mona steht zwischen den beiden, wenn sie etwas sagt, und stellt die Stimme der Vernunft da, die sich aber im Laufe des Spiels aufgrund ihrer antisozialen Persönlichkeit viel zu wenig meldet.

Mona selbst ist ja im Club aus eher egoistischen Gründen, nämlich Lesben rummachen zu sehen. Derselbe Grund aus dem übrigens auch der normale Spieler Yuri-VNs spielt. Nur die wenigsten befassen sich mit den identitätspolitischen Themen, die hinter Yurifiktion liegen – Mona ist ein ein guter Spiegel für den Leser des Spiels, speziell auch weil sie später im Spiel aufgrund von Äußerlichkeiten falsche Einschätzungen macht.

Popkulturelle Referenzen soweit das Auge reicht

Was Repräsentation angeht kommen Anime-Fans hier voll auf ihre Kosten. Man merkt auch, dass Szenariowriter PunishedHag ein ordentliches Repertoire an Anime, der ans weibliche Publikum addressiert ist, kennt und wahrscheinlich auch konsumiert. Da die richtigen Franchisenamen, anders als bei Lynne gestern, hier nicht genannt werden, muss der nicht so versierte Hobbyotaku erst einmal überlegen oder gar nachschlagen welche Anime hier indirekt genannt werden. Eine Auswahl: Lyrical Magical Girl Nanoha, Senki Zesshou SymphoGear, Love Live, Idolmaster, Pinky Momo, Revolutionary Girl Utena und natürlich Sailor Moon.

In der Anime-Community bereits bekannte Thematiken

Beim Durchspielen dieser VN wird man sich wahrscheinlich sich an alte Zeiten in Diskussionsforen zurückerinnern, da die Themen, die hier im Hinblick auf einzelne Anime angeschnitten werden nicht wirklich neu sind. Es gibt sowohl akademische Papiere über einige der identitätspolitischen Themen als auch zahlreiche Anituber, die sich schon mit beispielsweise ob Madoka eine Dekonstruktion des Magical Girl Genres, oder ob in Idol-Anime ein falsches Bild der Industrie vorgegaukelt wird, beschäftigen. Ich würde sagen, ob man sich in Foren oder auf Twitter herumschlägt, die meisten Otaku werden während des Diskurses der drei Mädchen ihre eigenen Gedanken mit dem Spiel abgleichen können.

Liest sich wie Twitter

Die Developer dieses Spiels sind sich bewusst, dass was sie da gemacht haben Twitter-Debatten, die in Renpyfiles gepackt wurden, gleicht. Mona erwähnt sogar mal, dass sich das Geschnatter von Hana und Riley wie kompetitives Blogposting anfühlt. Hier liegt aber auch der Charme des Spiels. Jeder sollte mit Social Media genug vertraut sein, dass man solche Debatten tagtäglich auf der Timeline live und in Farbe verfolgen kann. Hier ist das ganze nur etwas eloquenter formuliert, erlaubt mehr Zeichen und lässt sich nicht sidetracken, damit man einem Gedanken auch mal bis zum Ende folgen kann

Linksideologische Echokammer

Es fällt klar auf, dass der Writer dieses Spiels links ausgerichtet sein muss und ein Blick auf ihren Twitteraccount bestätigt das auch. Im Spiel häuft sich Kapitalismuskritik, Feminismus (ohne Kritik), LGBTQ+ Rechte – Politik noch und nöcher. Ich möchte den Themen auch nicht ihre weltliche Relevanz absprechen, ganz und gar nicht. Ich bin mir nur sicher, dass konservativ eingestellte Menschen oder gar was man als Nazi schimpft dieses Spiel als Grund missbrauchen könnten das Team dahinter anzugreifen und es in Grund und Boden zu haten. Ich stelle mir vor, dass ein solches Spiel auf Steam effektiv ein Mixed Rating erhalten würde. Zumal auch Statements gemacht werden wie: „Gamer sind an Lesben gewöhnt und uns mal mehr akzeptieren. Sie masturbieren ja ständig zu uns.“ – ich kann mir vorstellen, dass sowas bei den Gamern nicht gut ankommt.

Es scheint mir, dass gar nicht geplant war, dass jeder das Spiel spielen soll. Einige der Aussagen, die die beiden Mädchen treffen kommen mir wie das Gemurmel einer Echokammer vor, die nur Leute die linksideologische Thesen unterschreiben wirklich so akzeptieren können – das bestätigt natürlich meinen Vergleich mit Twitter.

Nicht alles ist schwarz oder weiß

Zum Glück ist es nicht immer so ganz schwarz oder weiß, denn die beiden Mädchen können auch hin und wieder mal einen Kompromiss in ihren Streitigkeiten finden oder gar verlieren. Es fühlt sich jedoch so an, dass keine der beiden Seiten mit solchen Kompromisslösungen zufrieden ist. Die Anspannung, die ständig herrscht lässt einen schon, bevor es beginnt, erahnen, wann es das nächste Mal zur Sache geht.

Alles in allem gefielen mir die Debatten und weckten Interesse mich ein bisschen mehr mit der Thematik zu beschäftigen. Gerade aber diese kleine Jabs gegen Männer und Gamer hinterlassen jedoch einen faden Beigeschmack ohne den das Spiel auch ausgekommen wäre.

Selbstreflexion?

Beim Lesen der Produktbeschreibung des Spiels traf es mich dann. Dieses Spiel soll eine selbstreflektierende Satire sein, was man daran sieht, dass der Club von den Machern selbst als „hellish“ betitelt wird. Hier raus deute ich, dass man sich bewusst ist wie nervig politisch motiviertes Gebrabbel für den normalen Max Mustermann sein kann. Wenn man diese Selbsterkenntnis nun auch aufs echte Leben übertragen würde, dann gäbe es weitaus weniger Stress auf unseren geliebten Socialmedia-Plattformen.

Visuelles

Diesmal haben die Hintergründe einen anderen Filter als bei den Spielen, die ich sonst so covere. Sie haben weniger Kontur und die Farben verlaufen ineinander über die Ränder hinaus. Viel Varietät bei den Hintergründen gibt es auch nicht, denn die meiste Zeit befinden wir uns im Clubraum, einem seperaten Essensraum oder in der Gedankenwelt der diskutierenden Mädchen. Wenn die Clubzeit vorbei ist sehen wir auch noch das Background-CG der Universität, aber mehr ist jetzt auch nicht zu holen. Das BG-Artwork selbst wurde von @Jaoaoaoaoao gefertigt.

Die Sprites sind von @Prince und eigentlich ganz cute. Speziell Hana mit ihren Wutausbrüchen und ihrer gelegentlichen Smugness gefallen mir ganz gut. Mona selbst gefällt mir nicht so. Ihr Kopf sitzt nicht richtig und ist unförmig.

Audio

Klingt nach Musik, die man in Fruityloops zusammenbastelt. Viele Boops und Beeps und ein eingängige Drums bisschen Chip-tunig. Leider keine richtige Direktion würde ich sagen. Es ist wild zusammengewürfelte Musik ohne Thema.

Endings

Es gibt im Spiel ein paar Entscheidungen, die auch zu drei verschiedenen Endings führen. Insgesamt hat das Spiel drei Entscheidungen mit drei Auswahlmöglichkeiten – also insgesamt 9 Entscheidungen.

3 Endings

Die drei Endings führen entweder dazu, dass entweder Hana oder Riley mit Mona zusammenkommen wollen oder beide. In dieser Hinsicht werden die Mädchen auch weitaus offener und versauter … beginnen plötzlich von Sex und Dreiern zu reden, die man aber nie sieht. Das Spiel ist ja All-Ages und wahrscheinlich wollte man dem männlichen Publikum, was man vorher runtergemacht hat keinen Gefallen gönnen. Dafür gibt es jeweils ein cutes CG für jedes Ending.

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Fazit

Wie gesagt wäre es schön gewesen, wenn man ein Spiel gemacht hätte was ohne Erschaffen eines Feindbilds auskommt. Aussagen wie „Tanya the Evil is Fascist Shit“ oder „Gamer sind an Lesben gewöhnt, weil sie immer zu uns fappen“ sind keine leichten Angriffe gegen eine Community, der sich diese LGBTQ-Gamedevs eigentlich anbiedern wollen. Bis auf ein paar fragwürdige Aussagen, habe ich kein Problem mit den Themen, die das Spiel anschneidet, muss diese aber auch nicht bestätigen oder gutheißen. Es gibt meiner Meinung nach in 2020 kein Problem mit der Repräsentation homosexueller Beziehungen in Spielen und es ist äußerst ironisch, wenn die LGBT-Menschen der Gegenwart dazu beitragen, dass Spiele in denen Homophobie und andere gesellschaftliche Missbildungen noch thematisiert werden und quasi als Normalzustand der Gesellschaft gesehen werden, produzieren. Idioten gibt es immer und wird es auch immer geben, aber es ist nicht von der Hand zu weisen, dass die Gesellschaft als ganzes Kollektiv sichtlich toleranter geworden ist.

Bitte hört doch auf eure Identität so herumzuschwingen. Die meisten Leute akzeptieren euch bereits (z.B. die Homoehe ist bereits in 28 großen Ländern der Welt erlaubt, zuzüglich Deutschland) und diejenigen, die das nicht tun werdet ihr auch nicht überzeugen können. Idioten sind überall vertreten und Dummheit ist des Menschen größte Bürde.

Autor: Hata-tan

Hi, ich heiße Hata-tan oder Ramon (25) und studiere Japanologie und Englisch an der Goethe Universität Frankfurt am Main. Ich lese Visual Novels seit 2011 und habe bis dato um die 180 Visual Novels gespielt. Ich werde euch regelmäßig mit News und Reviews versorgen. Nebenbei arbeite ich als QC für JAST USA und diverse Fanprojekte und mache meinen Teil der VN.Info-Übersetzungsprojekte. よろしく~