VNInfo Adventskalender #7: Lynne – Minderwertigkeitskomplexe wegen eines Namens

In Japan zählt die sieben als die Zahl des Glücks und des Wohlstandes, doch heute haben wir ein Spiel für euch bei dem das Glück gar nicht erst auf der Speisekarte steht. Hin- und wieder gibt es auch Werke aus der westlichen Visual Novel-Community, die sowohl gratis als auch richtige Perlen sein können. Leider, wie das mit Perlen so üblich ist, findet sie nicht jeder auf den ersten Blick. Wir wollen euch heute einen solchen Edelstein nahebringen: Dabei handelt es sich um das kostenlose Lynne von der talentierten Entwicklerin Ebihime.

Ebihime stellte dieses Spiel erstmals am 30.Oktober 2017 ins Lemmasoft Renpy-Forum ein und beschrieb es als einen Halloween-Titel über das gruseligste Thema der Welt: Ein Teenager zu sein.

Mittlerweile gibt es von Lynne auch eine Portugiesische und eine Russische Version … aber keine Deutsche :/

Als ich das erste Mal von dem Spiel erfuhr, wie üblich durch Zaka, stellt er es mir als Denpa-esk vor. Das stach natürlich neben anderen interessanten westlichen Titeln wie Historia oder Spellbroken hervor und weckte sofort mein Interesse. Denpa-Spiele (jp. Radiowellen 電波) lassen sich als Genre erklären, bei dem man meistens mit Wahnsinn, Depressionen oder Halluzinationen zu tun bekommt, was dazu führt, dass die Protagonisten, speziell der Erzähler und seine Erzählweise, unzuverlässig werden. Jedoch ist es gar nicht so leicht ein solches Werk umzusetzen, weshalb es nur eine Handvoll Denpa-Visual Novels auf dem Markt gibt. Im Westen gibt es sogar noch weniger von ihnen.

Als bekannte Titel zählen u.A. die großen drei Denpa-Spiele Japans: Sayonara o Oshiete – comment te dire adieu, Tsui no Sora – oder sein „Remake“ Subarashiki Hibi ~ Furenzoku Sonzai und Jisatsu 101 no Tame no Houhou.  Im selben Zug wird oft auch Liar-Softs Kusarihime ~euthanasia~ erwähnt. Kann sich Lynne mit diesen großen Brocken aus Japan messen, oder schafft es gar etwas ganz eigenes?

Handlung

Die fünfzehnjährige Lynn Harper lebt ein äußerst hartes Leben und wegen der anstehenden GCSE-Abschlussprüfungen (General Certificate of Secondary Education) wird es nur noch schlimmer. Ihre Eltern streiten ständig; ihre Schwester Jas ist vor kurzem erst ungewollt schwanger geworden; eine ihrer einzigen Freundinnen ist plötzlich mit einem Mann mittleren Alters in einer Fernbeziehung … All diese unangenehmen Situationen lagern sich wie ein riesiger Berg auf Lynns Psyche ab. Sie macht sich Sorgen, dass sie in ihren Prüfungen versagen, und ihre Eltern aufs Übelste enttäuschen wird.

Um das ganze noch etwas schlimmer zu machen, leidet sie seit einiger Zeit an wiederkehrenden Alpträumen, die in ihrer Natur unheimlich und brutal sind. In ihnen taucht ein Mädchen auf, was Lynn sehr ähnlich sieht und einen ähnlichen Namen wie sie trägt: Lynne.
Es ist nur ein Buchstabe mehr, doch für Lynn bedeutet es die Welt. In ihren Augen hat Lynne alles, was sie nicht besitzt: Reiche Eltern, ein sorgenfreies Leben, gute Noten – kurz: Sie ist das Ideal von Lynn, das sie nie werden kann.

 

Doch Lynne möchte ihr nicht mehr aus dem Kopf gehen. In der Realität, in der Schule, in ihren Träumen … überall sieht sie Lynne. Diese Obsession plagt sie mehr als alles andere. Mit der Überfixierung auf Lynne beginnt auch ihre eigene Selbstwahrnehmung und Realität zu bröckeln.

Wird Lynn es heile durch ihre Prüfungen schaffen, oder wird ihr Verstand dabei von ihren Ängsten zerfressen werden?

Meinung

Klasse Einführung

Ich sage es laut heraus: Lynne ist absolut phänomenal. Grandios. Ein Geheimtipp.

Es fängt damit an, dass die erste Szene, Lynns erster Traum, bereits alles hat, was eine gute unheimliche Szene braucht. Wir befinden uns ihn einer ranzigen, öffentlichen Toilette und sprechen darüber wie eklig doch menschliche Körper sind und wie der Raum aussehen würde, wenn auf einmal unser eigenes Blut an den Wänden und den Spiegeln kleben würde. Perfekter Einstieg: Klaustrophobischer Raum, Pfui und Ekel und die morbide Kuriosität der Protagonistin ihren eigenen Tod im Kopf zu simulieren. Von Anfang an erzeugt das Spiel im Lesers Angespanntheit durch das Framing der richtigen Atmosphäre. Durch eine solche Traumsequenz erhascht man die Aufmerksamkeit des Spielers. Ihr Traum endet damit, dass Lynn das Mädchen, das ihr so ähnlich sieht, im Spiegel vor ihr erblickt, während eine hauchende Stimme ihr in den Nacken atmet – uns übrigens auch. (´;ω;`)

Fantastisch an dem Spiel ist, dass es jegliche Atmosphäre, die es erzeugen will, perfekt trifft.  Das Sounddesign des Spiels und das Artwork tragen zu hohem Maße dazu bei. Der Soundtrack ist auch über jeden Zweifel erhaben und völlig unique. Ich habe noch nie so etwas gehört.

Charaktere

Die Charaktere in Lynne sind allesamt Versager. Abschaum der Gesellschaft und doch Teil von ihr. Sie alle entwickeln auf ihre Weise eine Abhängigkeit gegenüber einer anderen Person, die sie ihrer Autonomie beraubt. Lynn wird psychisch abhängig von dem Mädchen, das sie für ihr eigenes Upgrade hält; ihre Schwester Jas (Jasmine) lässt sich von dem nächstbesten Typen auf einer Party schwängern; die Kindheitsfreundin Susannah ist ein Naivling wie sie im Buche steht und lässt sich auf fragwürdige Taten vor der Webcam für ihren Lover am anderen Ende der Welt ein.

Auch gibt es einen interessanten weiteren Charakter: Ein Goth-Girl namens Von (Yvonne), die mit Jas befreundet ist, aber der Familie eigentlich nur Probleme bringt. Der Vater hasst sie und findet, dass sie ein schlechter Einfluss auf seine Tochter Jas ist. Auch bezeichnet sie sich selbst als Teil von Wicca, was ein satanischer Kult ist. Leide wird hier mit dem Stereotyp, dass Goths unbedingt satanische Tendenzen aufweisen, herumgewedelt, dessen Pauschalisierung ich nur ungerne sehe. Jedoch wird dieser Teufelskult später in einer anderen Traumsequenz noch einmal relevant, deshalb ist er erwähnenswert.

Lynns Eltern streiten beide nur noch. Es wird auch subtil erwähnt, dass sie schon seit ewigen Zeiten keinen Sex mehr hatten. So ziemlich jeder Charakter im Spiel leidet an etwas, manche mehr; manche weniger. Es erreicht sein Ziel: Das Spiel macht mich traurig. Ich leide auch.

Sanity-Meter Mechanik?

Was mich noch trauriger gemacht hat war, dass Lynn all diese unvorteilhaften Situationen in denen sich die Personen um sie herum befinden, auf sich selbst zu beziehen beginnt. Dies geht mit einer Anzeige einher, die oben in der rechten Ecke des Bildschirms positioniert ist: Das Stressmeter. Das Steigen zeigt sich durch ein gelegentliches Pop-Up auf dem Bildschirm.

Da Lynne aber (gewollt)eine Kinetic Novel ist, ist dieses rein kosmetisch und zeigt nur den allgemeinen Gemütszustand von Lynn an, denn das ist der springende Punkt: Ihr seid hilflos und müsst zusehen wie sich Lynns Zustand verschlechtert – unweigerlich. Auf der einen Seite macht dies möglich den Zeitpunkt, an dem sich das Spiel seinem Ende neigt vorauszuahnen. Was passiert, wenn es die 100% erreicht?

Unglaublich nachvollziehbar für jeden

Wer schon einmal mit Minderwertigkeitskomplexen, Performanceängsten oder gar Depression zu kämpfen hatte wird wahrscheinlich die meisten Phrasen, die Lynn von sich gibt aus dem eigenen Mund selbst schon gehört haben. Dies macht das Spiel für Leute, die selbst Erfahrung mit solchen Dingen haben durchaus attraktiv. Vielleicht erkennt man sogar Aspekte seiner eigenen Lebenssituation wieder. Ich persönlich hatte diese Symptome nicht in dem Maße, wie Lynn sie hier präsentiert. Jedoch kann ich schon verstehen wie es ist, wenn man sich dafür schämt bei etwas, z.B., einem Test zu versagen oder einfach nicht den Erwartungen einer Respektsperson zu entsprechen.

Aber wovon kommt die Obsession mit diesem Mädchen, was Lynn ja eigentlich gar nicht kennt. Lynn führt in der Geschichte an, dass sie neidisch darauf ist, was Lynne hat, das sie nicht hat und geht in der Hinsicht sogar auf den subtilen Unterschied zwischen ihren beiden Namen ein, was sie mit einem Scrabble-Vergleich versucht zu beweisen. Es zeigt sich, dass sich Lynns Obsession mit Lynne schon früh auf einem gar absurden Level befindet.

Alles in allem lässt sich sagen, Ebi-himes eigene Beschreibung des Spiels passt wie die Faust aufs Auge. Diese Visual Novel behandelt das gruseligste Thema von allen: Ein Teenager zu sein und dabei aufzuwachsen; eine Zeit der wir uns alle stellen mussten/müssen.

Länge

Es tut mir im Herzen weh das zu sagen, aber Lynne ist meiner Meinung nach viel zu kurz und dort liegt viel verschenktes Potential. In mancher Hinsicht fühlt es sich an wie eine Demo, bei der viele Nebenhandlungen angeschlagen werden. Auch bleibt das Spiel ziemlich offen in vielerlei Aspekten: Was passiert jetzt mit Jas Baby? Wird Lynn über ihre Obsession mit Lynne hinwegkommen? Merkt Susannah, dass ihr Lover sie nur ausnutzt? Bessert sich die Familiensituation? Das sind nur ein paar der Fragen, die ich mir stelle. Leider wird am Ende nur der Lynn/Lynne Handlungsstrang wirklich thematisiert.

Writing

Allgemeines

Sowohl das Writing als auch die Gestaltung des Spiels ist großartig. Anfangs erinnerte es mich an das Design von Undertale mit viel weißer Schrift auf schwarzem Grund und klar abgeschnittenen Textfeldern und Bildfeldern. Der Text wird zentriert dargestellt und fokussiert die Augen des Lesers auf die Bildmitte. Auch ist zu erwähnen, dass der Text immer mit einem typischen Textscrolling-Soundeffekt einherkommt, der anfangs sehr nervtötend, aber später zur zweiten Natur wird.

Echte Marken

Mir fällt auf, dass Ebihime sich nicht zu schade ist im Spiel echte registrierte Markennamen zu erwähnen. Da das Spiel frei und kommerziell irrelevant ist, kann sie sich das meiner Meinung nach auch erlauben. Ich bin es nur gewohnt in Visual Novels einen Buchstabendreher in Markennamen zu haben und nicht mit Nico Nico, The Jeremy Kyle Show oder Warmongers Brot.

Illusionen und Träume

Am Neugierigsten war ich von Anfang an auf die Traumsequenzen und diese lassen nichts zu wünschen übrig. Wenn man sich mal mit Traumdeutung beschäftigt hat, dann wird man wissen, dass eine allgemeine Kategorie von Alpträumen ist, dass man z.B. alleine vor einem Publikum steht und performen muss – manchmal ist man dabei sogar nackt. In Lynnes Fall gibt es auch eine solche Traumsequenzen, bei der dann ihre Angst zu versagen in unheimlichen Metaphern ausgedrückt wird, die einen selbst vor Ekel zusammenschrecken lassen. In den Traumsequenzen geschieht meist etwas, was sowohl dem Spieler als auch Lynn großes Unbehagen bereitet, und das wird dann in allen Details deutlich beschrieben, dass einem ganz flau wird beim Lesen.

Wortwahl

Wie oben erwähnt strotzt das Spiel vor kreativer Metaphern und interessanter Wortwahl. Sowohl außerhalb, als auch innerhalb der Traumsequenzen werden sehr eindrucksstarke und polarisierende Worte genutzt. Die Metaphern und Beschreibungen der Räume werfen einem Bilder in den Kopf und alle fünf Sinne des Menschen werden bei der Beschreibung der Situationen beansprucht. Generell sind Autoren selten, die sich mit Gerüchen und Geschmack auseinandersetzen. Dabei sind das wohl die einprägsamsten Sinneswahrnehmungen, meiner Meinung nach.

Visuelles

Man gewöhnt sich schnell an die Darstellung des Spiels, die wie oben genannt vom UI her sehr an Undertale erinnert. Die Visuals des Spiels sind ähnlich an alten 16-Bit Spielen orientiert, in denen man die einzelnen Licht- und Schatteneffekte mit einzelnen Pixeln darstellt. Es sieht aus als wäre jeder der Hintergründe eigenhändig ge-pixelt worden – wahrscheinlich ist es ein Photoshop-Filter. Es wird einem auch öfters auffallen, dass die Hintergründe leicht animiert sind und die Farben und Licht bzw. Schattenintensität ändern. Manchmal saß ich einfach da und schaute mir an wie sich der Himmel bunt und danach wieder zurück zu seiner Ausgangsfarbe veränderte, oder ein einsamer Vorhang im Wind wehte. Zauberhaft!

Vor den Hintergründen stehen gut designte Charaktersprites, die eine dünne weiße Outline haben und so gut hervorstechen. Die Charakterdesigns sind variabel, bis auf Lynn und Lynne, die einander wie ein Ei dem Anderen gleichen.

Audio

Soundtrack

Hier kommt der Punkt, der das Spiel so unglaublich gut für mich macht. Der Soundtrack ist ein Meisterwerk. Für das was Lynne im Spieler erreichen will ist dieser Soundtrack perfekt, 1+ mit Sternchen! Ich kann ihn gar nicht beschreiben, deshalb hört ihn euch einfach komplett selbst an. Er hat etwas Surreales, etwas Außerweltliches. Völlig hin und weg.

Ich gehe soweit zu behaupten, dass der Soundtrack sowohl das unheimlichste und gleichzeitig attraktivste am Spiel ist.

Sounddesign

Das Sounddesign des Spiels erzeugt Gänsehaut – so viel ist sicher. Es komplementiert auch ideal mit dem Geschriebenen. Ich will eigentlich gar nicht zu viel sagen, denn es trägt alles zur genialen Atmosphäre des Spiels bei. Ich werde bald Alpträume von manchen soundtechnischen Untermalungen bekommen. Der ganze Soundtrack hat auch eine gute Länge. Von billigen 30 Sekunden-Loops darf man gar hierbei gar nicht sprechen.

Ending

Da Ebi-himes beabsichtigt hat, dass man an Lynns Misere nichts ändern kann, hat sie aus dem Spiel eine Kinetic Novel gemacht. Dies verdeutlicht auch wie machtlos man in dieser Phase des Aufwachsens ist. Am Ende des Spiels gibt es eine Konfrontation zwischen Lynn und Lynne mit einem unerwarteten Ausgang. Das Ende wird bei vielen Leuten böse aufstoßen, da bin ich mir sicher.

Fazit

Von allen VNs, die wir euch in dem Adventskalender vorgestellt haben, war Lynne die Beste. Sie verkörpert genau das, was von einer guten Horror-VN erwartet wird. Ebi-himes hat einige andere großartige Spiele (Sweetest Monster, Black Berry Honey, The Fairy’s Song), aber dieses kleine Gruselspiel hat mir bisher am besten gefallen. Dieser Soundtrack und die visuelle Darstellung wird mich noch einige Zeit begleiten, nämlich immer wenn ich Leuten dieses Spiel vorstellen werden. Jeder sollte es gespielt haben.

Uneingeschränkte Empfehlung.

Autor: Hata-tan

Hi, ich heiße Hata-tan oder Ramon (24) und bin ein Student der Japanologie an der Uni Frankfurt am Main. Ich spiele Visual Novels seit 2011 und habe bis dato um die 170 Visual Novels gespielt. Ich werde euch regelmäßig mit News und Reviews versorgen. Ich hab meine Finger überall drin ;) よろしく~