VNInfo Adventskalender #6 – Shimaisou – Gerüchte, Mobbing und eine Massenmörderin

Tag 6 kommt wieder spät heute, da ich meinen neuen Laptop komplett einstellen musste und lange Datenübertragungen von 800 GB an Material auf externe Festplatten nur mit USB2.0 Support machen musste. Aber genug über mein uninteressantes Alltagsleben und direkt zu einem der interessantesten Doujin-Titel, die ich bisher spielen durfte: – Shimaisou -.

– Shimaisou – ist eine Doujin-Visual Novel, die wir bereits in unserem Erfahrungsbericht zu Reading Circles kurz angesprochen hatten. Mittlerweile bin ich endlich mal dazu gekommen sie durchzuspielen. Ich muss von vornherein sagen, dass das Spiel mit sehr interessanten Twists und tiefgängigen Dialogen einherkommt, deshalb werde ich über Kapitel 2 hinaus nichts spoilern – auch nicht in Spoilerkästen, da ich will, dass ihr genauso weggepustet werdet wie ich.

– Shimaisou – ist eine vergleichsweise kurze Kinetic Visual Novel (ohne Entscheidungen). Kreiiert wurde sie von F.T.W im Jahre 2014, zunächst erschienen als physisches Spiel und später als Downloadversion auf der F.T.W-Seite. Bis dato sind auch schon zwei direkte Sequels – Shimaisou -II- und Shimaisou -III- – erschienen. Die Downloadversion ging erst dieses Jahr im November live.

Bisher sind diese Spiele noch nicht übersetzt, aber schwierig ist der Text nicht. Wenn jemand Lust hat wäre dieses Spiel ideal, um sich ein paar Übersetzungsfähigkeiten anzueignen. Wie auch immer, legen wir los!

Handlung

Es war ein kalter Wintertag. Der Wind weht kräftig, die Luft fast gefroren… ein Mädchen auf dem Dach. Sie fällt herunter wie eine Puppe, der die Fäden gezogen wurden, unter einem lauten Krachen, auf den Boden der Kagome Seishin-Mädchenschule. Es war Chikaku, die Zwillingsschwester unserer Protagonistin Tooku.

Diese Schule soll als heiliger Hort für die Mädchen dienen – ein Paradies für die Lämmer, die diese Schule beherbergt. Die Mädchen leben fortan hier – isoliert von der Außenwelt. Genau wie dieser Ort verschloss sich auch Tookus Schwester Chikaku vor der Außenw<elt, doch eines Tages holte die Gravitation sie ein und sie liegt seitdem im Krankenhaus im Koma.…

Jetzt macht sich Tooku mit Shizuku Mizuumi  dazu auf den wahren Grund hinter Chikakus Sturz vom Dach zu ergründen. Sie findet heraus, nachdem sie die Chefin des Clubs für Schulaktivitäten danach fragt. dass Chikaku möglicherweise von ihren eigenen Mitschülern (Schülern der Mondklasse 月組) gemobbt wurde. Später soll Tooku noch am lebendigen Leib erfahren wie weit das Mobbing der Klasse gehen kann.

Doch sind sie schuld an Chikakus Sturz vom Dach? Was ist wirklich geschehen?

Charaktere

Charaktere

001
Houmoku Tooku

Die erzählende Hauptfigur dieses Werkes.
Sie geht in die Mondklasse ins erste Schuljahr auf der Kagome Seishin Mädchenschule
Houmoku Chikakus Zwillingsschwester
Sie wohnt gemeinsam mit ihrer Schwester in einer eigenen Wohnung.

002
Houmoku Chikaku

Geht in die Schneeklasse im ersten Jahr der Kagome Seishin Mädchenschule
Zwillingsschwester von Houmoku Tooku
Sie wohnt gemeinsam mit ihrer Zwillingsschwester in einer eigenen Wohnung.

003
Rinka Shizuku

Geht in die Mondklasse im ersten Jahr an der Kagome Seishin-Mädchenschule.
Tookus Klassenkameradin
Gut befreundet mit den Houmoku-Schwestern

004
Rindou Tsui

Geht in die Mondklasse im zweiten Jahr der Kagome Seishin-Mädchenschule.
Leiterin des Schülerbüros der Schule.
Unterhält ein Liebesverhältnis mit Chikaku.
Besteht darauf, dass Tooku dem Schülerbüro beitritt.

007
Odoriba Misaki

Geht in die Schneeklasse ins erste Jahr der Kagome Seishin-Mädchenschule.
Chikakus Klassenkameradin.
Gut mit Nisui befreundet.

005
Tsubaki Shijuuku

Geht in die Vogelklasse im ersten Jahr an der Kagome Seishin-Mädchenschule
Vizeleiterin des Schülerbüros.
Verliebt in Tsui.

006
Haneoto Nisui

Geht in die Schneeklasse ins erste Jahr an der Kagome Seishin-Mädchenschule.
Klassensprecherin der Schneeklasse
Chikakus Klassenkameradin

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Meinung

Darstellung von Mobbing

– Shimaisou – kommt mit einem ungewöhnlichen und nachvollziehbaren Plot daher. Zunächst wird uns klargemacht in welchem Verhältnis die einzelnen Charaktere zueinander stehen und was äußerst wichtig ist, ist der Subtext, der in den Szenen herrscht. Aus kleinen Gesten wie zu nahe an der Liebhaberin einer anderen Person stehen, kann dazu führen, dass die Schule auf einmal die abenteuerlichsten Gerüchte über einen verbreitet. So passiert es beispielsweise, dass Tooku und Chikaku bezichtigt werden fremde Männer zu Hause zu sich einzuladen und sich mit ihnen zu prostituieren. Durch solche Gerüchte sinkt Tookus gesamtes Ansehen in der Klasse gegen den Nullpunkt und sie muss sich böse Briefe, Todesdrohungen und stechenden Blicken aussetzen. Auch muss sie aufpassen, damit sie nicht Opfer der Übergriffe der Mitschüler wird.

Tooku möchte niemanden unfreiwillig in ihr Mobbingproblem mit hineinziehen, deshalb verschweigt sie das Thema solange es geht. Natürlich schafft eine gute Freundin wie Shizuku durch diese Fassade durchzuschauen und zu ihr zu stehen. Gemeinsam konzentrieren sie sich darauf, dass sie die Wahrheit hinter dem Sturz und dem verbundenen Mobbingfall aufgeklärt wird.

Ich finde, dass das Mobbing, was sowohl Chikaku als auch Tooku erleben sehr hautnah präsentiert ist. Jeder, der schonmal gemobbt wurde – ich eingeschlossen – wird mit Grauen beobachten wie nahe es einem geht.

Vorhersehbarkeit der Handlung

Leider ist es etwas vorhersehbar welche Charaktere für das Mobbing verantwortlich sind; einfach aus der Art heraus wie miteinander interagiert wird. Es wird schon früh foreshadowt, welche Charakter Tooku gegenüber Sympathie oder Antipathie empfinden. Natürlich muss man dafür den Subtext verstehen können und wer mit wem ein Verhältnis unterhält.

Hanamiko Hito

„Tooku, gewöhnst du dich schon an die Leichen?“

Was aber eine ganz normale dramatische Slice of Life Story sein soll wird aber plötzlich in eine etwas Chuuni-wirkende Handlung subvertiert. Das wird durch das Auftauchen eines kleinen Mädchens mit Namen Hanamiko Hito eingeleitet. Diese taucht eines Nachts auf nachdem Tooku alleine Shizuku hinterherläuft, um ihr das Handy, das sie bei ihr vergessen hat zurückzugeben. Ein völlig abrupter Angriff auf Tooku mit anschließendem Bildschirmfade-out entpuppt sich als Finte, denn schon Minuten später sitzen die beiden am Esstisch. Hier lernen wir was für eine Art Charakter Hanamiko Hito ist – eine Massenmörderin, die es liebt Menschen zu quälen und zu töten. Jedoch ist Tooku keines ihrer Opfer, noch nicht.

Hier entpuppt sich aber auch die Differenzen zwischen dem Hauptcharakter und Tooku, da Tooku eher so eine Art (im Englischen würde man es goody two-shoes nennen) ist und versucht einer blutrünstigen Mörderin wie Hito klarzumachen, dass Morden falsch ist.

Mit Verlaub ist Hanamiko einer der interessantesten Charaktere des Spiels, da sie einen entscheidenen Einfluss auf Tooku für den Rest des Spiels ausübt. Und der hat es in sich.

Namensgebung der Charaktere

Es sollte schon aufgefallen sein, aber alle Charaktere haben sehr ausgefallene Namen, die miteinander in Beziehung stehen. Am ehesten wird einem noch das Antonym der beiden Zwillinge Chikaku und Tooku auffallen, was nah und fern bedeutet. Andere Charaktere haben auch Namen, die sich in ihrer Rolle in der Gesamthandlung reflektieren.

Yuri-Vibes überall

Bis jetzt habe ich noch gar nicht erwähnt, dass – Shimaisou – ein Yuri-Spiel ist. Man sieht natürlich keine H-Szenen, da das Spiel als All-Ages Titel produziert ist, jedoch sind die Yuri-Vibes zwischen Tooku, Shizuku, der Clubleiterin und auch mit Hanamiko nicht zu unterschätzen. Speziell der Zusammenhalt von Tooku und Shizuku hat mir am Besten gefallen.

Spiellänge

Langsam sollte ich davon wegkommen den VNDB Ratings, speziell bei Doujin-Games, zu glauben. Da dort das Spiel mit weniger als zwei Stunden gelistet war, habe ich stark getrödelt und erst am Nachmittag angefangen zu spielen. Ich konnte ja nicht ahnen, dass das Spiel mindestens dreimal so lang wird. Es ist definitiv möglich es in einem Zug durchzuspielen, aber man sollte sich schon mindestens 5 bis 6 Stunden dafür Zeit nehmen – Es gibt einen Prolog, fünf längere Kapitel und einen Epilog.

Audiovisuelles

Visuelles:

Eines will ich schon mal vorwegnehmen: – Shimaisou – hat gar keine speziellen CGs. Somit gibt es auch kein Extramenü in dem ihr Momente, die ihr im Spiel erlebt habt, noch einmal sehen könnt. Die Handlung spielt sich einzig und allein in reinem Text mit sich leicht verändernden Sprites ab. Das bedeutet, dass ihr dauernd aufmerksam lesen müsst, weil ihr euch nicht an der visuellen Untermalung orientieren könnt.

Es lohnt sich definitiv, wenn man keine Schwierigkeiten damit hat Gesichtsausdrücke zu deuten. Hier ist anzumerken, dass sich höchstens die Münder der Sprites leicht bewegen. Wie in der im Anime-Genre unüblich, sind die Gesichtsausdrücke kaum überzeichnet, weshalb man aus subtilen Details, wie leichtem Anheben des Mundwinkels, die Charaktere deuten soll.

Die Sprites selbst sehen wie kleine Bobbleheads mit Köpfen größer als der Körper aus  – nicht ganz super-deformed, aber nah dran. Dies schafft speziell bei Hito und auch bei anderen Charakteren später den Kontrast zu erschaffen, den man auch z.B. Higurashi hat, indem harmlose. jung aussehende Charaktere brutale Morde begehen, die man ihnen gar nicht zutrauen würde.

Die Hintergründe des Spiels sind wieder Fotos auf die verschiedene Filter drübergelegt wurden und dadurch ein künstliches, körniges Bild entsteht. Generell ist das UI, sowie die Szenen draußen in einem konstanten Blaustich gehalten. Die Schriftart ist komplett weiß, was manchmal bewirkt, dass man sie nur schlecht lesen kann. Ein klares Problem mit der Farbgebung ist festzustellen und das zieht das Spiel etwas runter.

Audio

Auch hier wird wieder fleißig auf dem Klavier herumgeklimpert, was in der Schule, der ja als Hort der Wonne für die „kleinen Schafe“ bezeichnet wird. Das erzeugt eine entspannte Atmosphäre. In intensiven, spannenden Momenten wird die Musik eher unangenehm gruselig, und schafft das Gefühl, dass gleich etwas sehr Einschneidendes passiert. Speziell die Momente in denen ein Twist oder ein innerer Monolog stattfinden, werden von passender Musik untermalt – es reicht, aber ist jetzt kein Meisterwerk der Komposition.

Fazit

Auch wenn ich jetzt nicht über das Ende sprechen wollte ist Shimaisou definitiv seine Zeit wert. Was als Mystery über den Suizidversuch der Zwillingsschwester anfängt wird zu einer gnadenlosen Reise in die Psyche eines leicht beeinflussbaren Mädchens und trägt seine mörderischen Twists. Wenn ihr Japanisch lesen könnt, dann könnt ihr bald unseren Reading Circles beitreten in denen wir möglicherweise das Spiel gemeinsam lesen und etwas über Grammatik plaudern wollen. Wir würden uns freuen, wenn ihr da mitmacht.

Autor: Hata-tan

Hi, ich heiße Hata-tan oder Ramon (25) und studiere Japanologie und Englisch an der Goethe Universität Frankfurt am Main. Ich lese Visual Novels seit 2011 und habe bis dato um die 180 Visual Novels gespielt. Ich werde euch regelmäßig mit News und Reviews versorgen. Nebenbei arbeite ich als QC für JAST USA und diverse Fanprojekte und mache meinen Teil der VN.Info-Übersetzungsprojekte. よろしく~