VNInfo Adventskalender #4: Tatakareta Hae (Like a Swatted Fly) – Eine Fliege findet ihr Ende

Nachdem Zakamutt den Boten für die ersten drei Türchen dieses Adventsspecials gespielt hatte, ist es an der Zeit auch seinen (unregelmäßig erscheinenden) Übersetzungen etwas Spotlight zu gönnen. In diesem Sinne stellen wir euch heute die Doujin Visual Novel Tatakareta Hae (Like a Swatted Fly) von Kanshin Soft vor, die von der gemeinen Vergewaltigung einer nichtsahnenden Krankenschwester durch einen Krankenhausinsassen handelt.

Zu,dem gibt es eine kleine Geschichte zu erzählen. Zakamutt hat vor einigen Jahren eine kleine Übersetzungsgruppe aufgemacht, die verschiedene kleinere Spiele wie Shinobi Harisenbo, Asu Owaru Sekai, Sono Zen’ya, Ichigo-chan to Kyuugo-kun übersetzt hatte. Heute arbeitet er mit vollem „Elan“ (bei Zaka heißt das ca. 20 Lines am Tag, gestreckt auf 2 Jahre) an der Übersetzung von Watashi wa Kyou Koko de Shinimasu. Heute behandeln wir Tatakareta Hae einfach aus dem Grund, dass er Screenshots des Spiels auf Discord gepostet hatte und ich sehr angetan vom Schreibstil war. Worum es geht wusste ich bis dahin noch nicht. Er hatte seine eigene Geschichte darüber, wie er zu dem Spiel kam, auf seinem Memeshii Blog veröffentlicht.

Während des Durchspielens – es hat nur 181 Zeilen (2500~ Worte) – bin ich sogar noch auf ein paar winzige Verbesserungsmöglichkeiten für den Text gestoßen, aber sonst war es nahezu perfekt geschrieben. Zaka wollte einen bestimmten Stil verfassen, und das ist ihm auch gelungen.

Das heißt „men’s restroom“, Zaka! Der versteckt sich ja nicht in mehreren Kabinen.

Handlung

Yoshida Shuu war gezwungen, seinen Sitz in der Legislative der Präfektur aufgrund eines Skandals aufzugeben, der durch seine diskriminiernden Kommentare gegenüber Homosexuellen verursacht wurde.

Er beschließt, eine Weile im Krankenhaus zu bleiben und sich krank zu stellen, um die Hitze abklingen zu lassen. Doch das Krankenhaus entpuppt sich als ein erbärmlicher Bienenstock lesbischer Ausschweifungen!

(So denkt er jedenfalls.)

Er beschließt, dass eine Bestrafung angebracht ist – und es bleibt ihm nichts anderes übrig, als die verdammten Lesben mit seinen eigenen zwei Händen und seinem dritten Bein umzupolen

(Das denkt er jedenfalls.)

„Ich werde diesen verfluchten Jungfrauen beibringen, wie wunderbar Sex mit einem Mann ist“, denkt er sich.

>Yoshida denkt, dass alle Lesben Jungfrauen sind.

Meinung

Lokalisierung:

Like a Swatted Fly ist nur sehr kurz, deshalb muss jede Zeile perfekt ausgearbeitet sein, damit sie nicht das Gesamtbild stört. Das ist Zaka hier wundervoll gelungen, denn jeder Satz ist gut ausformuliert und formatiert. Dazu gehört beispielsweise, dass er sich beim Übersetzen der Zeilen an einem Metrum orientiert hatte. Der Begriff Metrum sollte einigen noch damals aus den (gehassten) Gedichtsinterpretationen in der Schule geläufig sein. Klassische Metren (Versmaße) sind Jambus, Trochäus, Daktylus, Anäpast.

Natürlich muss man das im Japanischen auf Mora (Silbenabschnitte) und nicht auf Worte anwenden, und in diesem Zusammenhang hat der Übersetzer oftmals monosyllabische Worte gewählt, wenn mehrsilbige Worte sinniger gewesen wären. Ich hatte mit ihm lang und breit jede meiner Anmerkungen ausdiskutiert und es scheint, dass er sich wirklich Gedanken um jede Zeile gemacht hat – so wie ein Übersetzer es sollte.

Ja, Sex ist toll… aber habt ihr schon mal mit eurem Kumpel intensiv über Grammatik diskutiert?

Auch ist der Schreibstil gespickt mit etwas älter wirkenden Worten. Er hat sich zwar nicht zur Aufgabe gemacht, dass die Zeilen wie ein Gedicht wirken, doch hat er hier und da sehr treffende Begriffe verwendet, die man nachschlagen muss  wie u.A. „pernicious“, „blathering“, „matters not one whit“, „sophistry“, „fomenting“ oder „sapphic debauchery“. Das verwendete Vokabular ist sehr breitgefächert und ich denke, dass es das japanische Original übertrumpft.

Auch ist anzumerken, dass er darauf geachtet hatte den Text an ausgewählten Stellen im Textblock einzurücken. In dem klassischen NVL-Schema, in dem Like a Swatted Fly eschrieben ist, trägt dies zur Übersicht und Strukturierung des Textes essentiell bei.

Subjunctive erlaubt diesen Satz richtig zu sein „it was only natural that she think…“

Auch lernte ich durch diese Visual Novel eine, mir bislang unbekannte englische Grammatikform, die sich als „subjunctive Form“ schimpft. Dies gab mir Vietnam-Flashbacks an den Französischunterricht mit dem subjonctif, dem ich in keiner Weise wiederbegegnen wollte. Warum nur, Zaka, warum?

Thematik

Natürlich kann man die Zusammenfassung der Handlung lesen und gleich die Polizei rufen, da hier sowas wie Vergewaltigung, Homophobie und Misogynie präsentiert wird. Jedoch ist dieses Spiel keinesfalls verherrlichend, sondern verurteilt diese Verbrechen und Tendenzen aufs Schärfste dadurch, dass das Karma Yoshida sichtlich einholt.(自業自得)

Was passiert müsst ihr natürlich selbst lesen, aber es hat mit dem Titel des Spiels zu tun. Im übrigen ist eine der letzten Zeilen auch die schreibtechnisch eindrucksvollste Szene.

Audiovisuelles

Textdarstellung

Die Darstellung von Like a Swatted Fly, die durch Zakas Textstruktur untermalt wird, ist im NVL-Stil gehalten (Glossarbeitrag NVL). Ich habe selbst schon einige nach NVL-Art designte Spiele gespielt (Sayonara o Oshiete, Higurashi no Naku Koro Ni, Neighbour) und jedes Mal wurde ich davon überzeugt, dass eigentlich der bessere Stil zum Erzählen einer Geschichte dieses Format ist. ADV-Design, heißt mit klassischer Textbox, wirkt mehr immersiv, als ob man selbst einen Charakter spielt. NVL hingegen lässt den Spieler als eine außenstehende, beobachtende und wertende Entität das Geschehnis verfolgen. Ich denke, dass dieser Erzählstil den Leser von den handelnden Charakteren distanzieren soll und ich würde gerne mehr moderne Visual Novels/Eroge in diesem Stil sehen.

Visuals

Grafisch ist das Spiel recht anspruchslos, was schon am Startbildschirm erkennbar ist. Dieser sieht aus, als hätte man ihn in 5 Sekunden gemacht, denn darauf befinden sich nur zwei Schriftzüge in Standardschriftart. Auch gibt es zwischen den Szenen keine Übergänge, sondern sie beginnen abrupt, und enden abrupt. Meiner Meinung nach verschenktes Potential.

Musik

Man würde es nicht denken, aber von den drei Tracks (Startbildschirm, H-Szene und Rest) sticht der wirklich bedrohliche Track des Startbildschirms hervor, der genauso gut aus einem ClockUp Spiel stammen könnte. Ich fühlte mich bei diesem Track leicht an Uehara Ichinoryuus Meisterstück Oppression von Euphoria erinnert. Es ist ein angsteinflößendes, monotones Schlagen gegen Metall im Hintergrund zu hören, gefolgt von Claps und Geräuschen als würde man Metall über den Boden ziehen.

Der zweite Track ist simples Klaviergeklimper mit hohen und tiefen Noten und nicht der Rede wert.

Der dritte Track spielt in der H-Szene mit der Krankenschwester Aiuchi und dieser übertreibt es völlig mit dem Distortioneffekt der E-Gitarre, die da spielt. Wenn man sich auf den Track konzentriert könnte man sich an Doom erinnert fühlen. Unironisch, dieser Track ist ein Banger.

H-Szene

In der einzigen H-Szene des Spiels sehen wir Krankenschwester Aiuchis Vergewaltigung, die in drei Teilen vollzogen wird. Zunächst wird sie von hinten durchgenommen, während ihre Arme gegen ihren Willen gehalten werden, danach wird sie von unten auf der Toilette getan und zu letztens ejakuliert man in sie, während sie auf den Boden gedrückt wird. Im Endeffekt nichts, was man nicht schon tausendmal in anderen Eroge gesehen hat. Natürlich spielt nicht jeder dunkle Eroge, deshalb könnte es für den ein oder anderen schockierend sein.

Für mich ist eher schockierend wie wenig Sinn diese Hentai-Szene doch macht, da Yoshida selbst keine triftigen Gründe nennt. Weder verspürt er Rache, noch hatte sie ihm etwas getan. Es ist nicht verständlich warum Yoshida es tut.

Der Gedanke liegt nahe, dass Yoshida wegen Irrsinn ins Krankenhaus eingeliefert wurde. Da er, meiner Meinung nach, ein unzuverlässiger Erzähler ist, kann man ihm nämlich nichts von dem glauben, was er sagt. Natürlich lässt die Kürze des Spiels nicht zu, dass man sich mehr fundierte Gedanken über die Handlung macht; das soll man auch wahrscheinlich nicht.

Die H-Szene wird im ADV-Stil präsentiert.

Ending

Like a swatted fly

Man kann es sich vielleicht schon denken, aber Yoshida stirbt am Ende.

Dies ist wichtig, denn es dreht natürlich die ganze Geschichte um. Er stirbt nachdem er in die Krankenschwester ejakuliert hat, indem er auf den Rücken fällt, dort reglos liegen bleibt und stirbt. Woher kennen wir ein solches Szenario als deutsche Literaturfans? Richtig: Gregor Samsa in Kafkas Verwandlung. Allein diese diese Assoziation hat für mich das Spiel ein wenig aufgewertet.

Nachdem Yoshida gestorben ist kommt noch eine wichtige Information ans Licht: Das Krankenhaus vertuscht den Vorfall, damit sie nicht ins Kreuzfeuer der Gesellschaft geraten. Im Gegenzug ihres Schweigens, erhält Aiuchi eine ordentliche Kompensation vom Krankenhaus.

Hier kann man jetzt vieles reininterpretieren: Beispielsweise, dass Yoshida seinen Samen in die Krankenschwester gespritzt als verzweifelten Versuch sich an die Welt zu binden. Er starb ja nicht wegen nichts, also liegt es nahe, dass er ein Herzproblem oder eine andere unheilbare Krankheit gehabt haben muss. In einem anderen Aspekt könnte man interpretieren, das Spiel kritisiert, dass in Krankenhäusern Menschen auf verschiedene Weisen verenden und diese quasi wie zerklatschte Fliegen behandelt werden. Sollte das Krankenhaus wirklich ein psychiatrisches sein, dann ist die Möglichkeit da, dass ein Patient sich an seiner Pflegerin vergeht. Der Begriff „Swatted Fly“ drückt hier aus, dass Yoshida nichts mehr als eine Fliege im Krankenhausapparat ist.

Like a swatted fly ist ja auch nicht die erste Geschichte, bei der Fliegen als Wegwerfindividuuen metaphoriert werden, im Deutschen gibt es z B. das Idiom: „Sterben wie die Fliegen“.

Natürlich kann das auch alles Unsinn sein, jedoch ist es wichtig, grade bei kurzen und bedeutungsschwangeren Texte jede Zeile hermeneutisch zu analysieren. (Close Reading)

Vielleicht hätte ich einfach in meiner Literaturklasse nicht Catherine Mansfields The Fly lesen sollen …

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Fazit

Like a Swatted Fly hat eine großartige Übersetzung und deshalb solltet ihr es lesen. Es sind wirklich weniger als 10 Minuten, wenn man nicht jede Zeile explizit mit seinem Übersetzerkumpel diskutieren würde und daher kaum zeitaufwendig.

Autor: Hata-tan

Hi, ich heiße Hata-tan oder Ramon (25) und studiere Japanologie und Englisch an der Goethe Universität Frankfurt am Main. Ich lese Visual Novels seit 2011 und habe bis dato um die 180 Visual Novels gespielt. Ich werde euch regelmäßig mit News und Reviews versorgen. Nebenbei arbeite ich als QC für JAST USA und diverse Fanprojekte und mache meinen Teil der VN.Info-Übersetzungsprojekte. よろしく~