VNInfo Adventskalender #2: Gogatsu no Sora – Klavierspielende Miko und das harte Leben

Heute öffnen wir das zweite Türchen unseres Adventsspecials und präsentieren euch ein ganz anderes Genre als gestern mit Boku to Iu Mono. Da das Spiel doch etwas länger war als erwartet kommt dieser Artikel unpünktlich, aber immer noch am 2. Dezember.

 

Heute stellen wir euch Gogatsu no Sora vor. Dieses Spiel ist von der Amateurgruppe Scrubbing im Jahre 2005 im Internet veröffentlicht worden und ist bis dahin das einzige Spiel der Gruppe. Im Jahr 2014 veröffentlichte man noch in Zusammenarbeit mit ten†cross sowohl eine japanische Android-, als auch iOS-Version im Jahre 2014. Bis dato hat man dann nichts mehr von ihnen gehört, jedoch sind die Spiele noch zugänglich. Erfreulich ist auch, dass das Spiel bereits von der Übersetzungsgruppe insani ins Englische übersetzt wurde. insani geben auch auf ihrer Website, wo ihr Patches ihrer Übersetzungen laden könnt, einige Hintergrundinformationen über den Schaffensprozess und die Geschichte dieser kleinen Doujinspiele, die wir für euch einmal hier übersetzt haben:

Gogatsu no Sora ist ein Werk mit einer unüblichen Hintergrundgeschichte. Zunächst für den Adobe Flash Player geschrieben und Kapitel für Kapitel im Frühjahr 2005 veröffentlicht, wurde es später im August des selben Jahres auf die N-Scripter Engine geportet und ist genießt seitdem hohes Ansehen. Anders als andere Flash-Games besitzt dieses Spiel eine ordentliche Länge – es dauert rund 2 bis 4 Stunden um das gesamte Werk zu lesen. […]

Trotz der Übersetzung, und dank Zaka, habe ich das Spiel jedoch auf Japanisch gelesen, was trotz meines moderaten Lesetempos ganze 6 Stunden gedauert hat (Ohne Extra-Szenario). Man kriegt hier also wirklich was für sein Geld – ach ne, ist ja gratis! Wie toll ist das denn?

Handlung

Wir schlüpfen in die Rolle von Mizoguchi Haruki, ein frisch graduierter Büroangestellter, der endlich einen Arbeitsplatz gefunden hat, sich bei diesem aber immer noch in der Probezeit befindet. Er leidet unter einem psychologischen Phänomen, was sich als Gogatsubyô (Mai-Krankheit) bezeichnet. Gogatsubyô ist keine ernstzunehmende medizinische Krankheit, sondern eher eine Art depressiver Blues, der sich mit dem japanischen Arbeitslebensrhythmus erklären lässt:

Gogatsubyô (Mai-Krankheit)

In Japan beginnt das neue Semester im April (bei uns übrigens auch) und diese Zeit ist für japanische Firmen der beste Zeitpunkt neue Mitarbeiter zu suchen oder Leute neuen Abteilungen zuzuordnen. Die neuen eingestellten Mitarbeiter zeigen überdurchschnittlich Motivation für ihren Job, doch diese Euphorie verschwindet bereits nach dem ersten Monat wieder, einfach weil sie sich noch den abrupten Wechsel ins Arbeitsleben gewöhnt haben oder bis dato keine Bekanntschaften außerhalb der Arbeit aufgebaut haben. Vom Arbeits- und Schaffensdruck in Japan ganz zu schweigen.

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Unter dieser Kondition leidend, schlurft Haruki zur Arbeit und kommt an einem Schrein vorbei; einem Schrein aus dem Pianomusik dringt. „Wie ungewöhnlich“, denkt er sich und setzt sich draußen auf die Steintreppe und lauscht den beruhigenden Klängen des Pianos. Doch die Neugierde packt ihn wer da gerade diese wohligen Klänge spielt…

Im Inneren sitzt ein Mädchen, ein Schreinmädchen (Miko) um genau zu sein in ihrem Hakama und spielt ein Lied nach dem anderen. Ihr Name, so wird Haruki erfahren, lautet Kamiake Minori und sie ist die Tochter des Schreinmeisters des Kamiake-Shintoschreins.

Da das Pianospielen ihn beruhigt, kehrt Haruki den Folgetagen der Goldenen Woche, der ersten wirklichen Freizeit, die man als japanischer Mitarbeiter hat, zum Schrein zurück und beginnt sich mit ihr anzufreunden.

Du hast mir jetzt schon zum vierten Mal was ausgegeben, ne?

Doch Minori ist ganz und gar kein so unschuldiges Mädchen, denn sie hat eine sehr scharfe Zunge und scheint in Konversationen die zu sein, die mit ihren frechen Sprüchen und Gemeinheiten gerne mal für die nötige Komik sorgt. Dabei wollte sich Haruki doch bei ihr ausweinen.

Im Laufe dieses langen Mais lernen sich die beiden kennen und werden mehr als nur entfernte Bekannte, da sie trotz ihrer Gleichgültigkeit für die Probleme des Anderen doch einige Gemeinsamkeiten haben: Nämlich, dass sie sich nicht wie ein Teil der Gesellschaft fühlen.

Werden sie zueinander finden oder gar zusammenkommen?

Aufbau

Das Spiel selbst hat 6,5 Kapitel. Ein Extra-Kapitel und zwischen den Kapiteln gibt es immer wieder Übergänge von Tag zu Tag. Der Hauptteil des Spiels folgt den Ereignissen des Monats Mai.

Kapitelzahl Kapitelname Japanisch Deutsch
1 Gogatsubyô 五月病 Maikrankheit
2 Katsukibare 五月晴れ Maiwetter
2.5 Kanshou 間章 Interlude
3 Samidare 五月雨 Maischauer
4 Gogatsusai 五月祭 Maifest
5 Satsukitsutsuji no saku koro ni 五月躑躅の咲く頃に Wenn die Azalee blüht
6 Sessei 節制 Mäßigkeit

Meinung

Obwohl ich persönlich selbst mit nahezu 25 Jahren und (dank Corona & der Zeit, die VN-Info in Anspruch nimmt) noch nicht festangestellt bin, konnte ich unglaublich gut zu dieser VN relatieren. Ich hatte schon einige kleine Jobs gehabt, die mir in den ersten Wochen so viel Spaß gemacht haben und mich denken ließen ich würde diese auch länger machen. Doch sobald klar wurde, dass man in diesem Wagecuck-System der Welt nur ein winziges Zahnrad in einer Maschine ist, danach die Flinte ins Korn geworfen und nur das Nötigste gemacht während ich mir ständig gedacht habe: „Wieso das ganze?“

Jeder kennts: nachdem die „Flitterwochen“ vorbei sind, wars das erstmal mit der Motivation. Ob in der Liebe oder im Job, Gogatsubyô ist echt und es betrifft uns alle.

Gogatsubyô ist aber nicht die einzige Thematik, die im Spiel angeschnitten wird. Beide Protagonisten sind eigentlich Teil der Gesellschaft: Haruki ist ein White-Collar Angestellter und Minori eine Hochschülerin, doch leider wollen sie gar nicht so recht in das System passen. So führt das Abschiedsgespräch mit einem Mitarbeiter, der seinen Job kündigt dazu, dass Haruki selbst keinen Sinn in seinem Job sieht und ihn wegwerfen möchte. Parallel dazu lebt Minori ihr leichtes Schulleben und hat ihr typischen Frauengeschnatter mit ihren Freundinnen.

Beide haben aber eine Gemeinsamkeit: Es kümmert sie nicht; genauso wenig kümmert sie die Probleme des Gegenübers, auch wenn sie sich ja eigentlich gut verstehen.

So gibt es Szenen in denen Haruki einfach nur zum Schrein kommt, um im Glanz der untergehenden Sonne im Gespräch mit ihr über seine Probleme im Leben zu venten. Minori kontert dann beispielsweise seine Zweifel am Job nur mit „Na dann kündige doch einfach.“

Ich glaube sie peilt gar nicht, was sich in Harukis Welt abspielt…

Beim Spielen fällt einem schnell auf, dass die ganze Geschichte eigentlich mit typischen Tropes einer aufkeimenden Liebesgeschichte gefüllt werden könnte, doch sowohl der Dialog, als auch das Verhalten der beiden ist so gar nicht tropisch: So gehen sie beispielsweise gemeinsam Einkaufen, prügeln sich um den letzten Meerrettich im Angebot und das ganze kulminiert darin, dass sie bei Haruki zu Hause ein Mahl mit seinem Hassgericht kochen. Man spürt, dass die beiden sich gut verstehen, aber Liebe ist da keine dahinter. In einer anderen Szene kurz danach schmiegt sie sich betrunken (sie ist übrigens erst 15) an Haruki an und setzt sich auf ihn.

Neeeee. mir gehts prächt *hicks* ig!

Jeder würde jetzt eine heiße H-Szene erwarten, doch das Spiel subvertiert die typische Folge von Aktion -> Reaktion und Haruki trägt sie stattdessen auf dem Rücken nach Hause. Diese sind nur zwei von vielen Szenen, die den typischen Romance-Tropes widersprechen.

Eigentlich ist es schon klar, aber es handelt sich bei dem Spiel dennoch um eine Geschichte von zwei Akteuren mit Age-Gap (15 & 22) und obwohl dies im Spiel nicht genau ausgeführt wird, handeln die beiden bewusst mit Distanz zueinander. Sie sind eben nur gute Freunde.

Humor

Wie angesprochen ist Minori sehr scharfzüngig und sorgt oft für die Komik im Dialog. Dabei ist sie aber nicht „smug“ sondern trägt ihre Kommentare gelassen vor. Generell gibt es in ihren Interaktionen oft kleine Witzchen und sarkastische Disses. Aber auch vor Slapstick wird nicht zurückgeschreckt wenn Haruki mal wieder eins mit dem Besen auf die Birne bekommt. Bei vielen Szenen konnte ich herzhaft lachen, bei den meisten anderen zumindest kichern.

Audiovisuelles

Visuelles

Wie schon gestern gibt es hier wieder einen Mix aus Fotographien mit Wischeffekt und Bildrauschen zu bewundern. Als Fan von Sayonara o Oshiete – comment te dire adieu bin ich natürlich komplett von den Hintergründen, die vom orangegelben Sonnenlicht des ewigen Sonnenuntergangs getüncht sind am meisten angetan. Die anderen überzeugen mit kräftigen Farben.

Der Himmel und auch die Natur ist sehr ansehnlich – speziell im Extra-Szenario.

Audio

Wie man bereits ahnen dürfte ist das Spiel von unten bis oben mit Piano-Soundtrack gespickt. Dieser dudelt aber nicht nur im Hintergrund vor sich hin, sondern wird auch dementsprechend intensiv je länger er läuft. Die Tracks sind keine kurzen Loops, sondern ganze Klavierstücke, so dass man später sobald man die Musikgalerie freischaltet quasi ein ganzes Klavierkonzert aus Minoris Feder präsentiert bekommt. Jeder Track ist unglaublich beruhigend und kommt dem „Iyashikei“ Konzept, was dem Spiel als Idee zugrunde liegt zugute.

Iyashi-Kei 癒やし形

In Japan bezeichnet man als Iyashi, was man hier quasi als Beruhigung bezeichnet. Sie gehen sogar darüber hinaus und sprechen Iyashikei eine Heilungswirkung der Seele zu. Heutzutage in der geschäftigen Welt in der durch Social Media, Internet und Medien immer alles schnelllebiger wird muss man sich mal eine Pause gönnen und einfach nur die Welt genießen. Dafür hat Japan einen ganzen Markt geschaffen, der bei uns vielleicht nur von Esoterikern und ASMRtists allgemein belächelt wird, aber eigentlich wirklich wichtig dort drüben ist. Zu Iyashikei gehören beispielsweise Animeserien wie Sewayaki Kitsune no Senko-san oder Flying Witch, die noch mal eine Stufe über seichtes Slice-of-Life gehen. Diese Anime sollte man nicht bingen, sondern einfach nach einem harten Arbeitstag genießen. So entfalten sie ihre beste Wirkung.

Aus persönlicher Erfahrung kann ich sagen, dass Gogatsu no Sora den Iyashikei-Vibe sehr gut rüberbringt, was sich schon darin bestätigen lässt, dass ein Nervenbündel wie ich in der Lage war das ganze Spiel konzentriert in einem Stück durchzuspielen.

Belohnungen fürs Durchspielen

Es gibt ein anderes Hintergrundbild für den Startbildschirm, wenn man das Spiel durchgespielt hat, zusätzlich mit Zugriff zu den CGs und der Musikgalerie.

Extra-Szenario: Hachigatsu no Yuki

Es gibt noch nach Beendigung des Spiels ein Extra-Szenario, bei dem man gemeinsam Campen geht. Dieses werde ich an einem anderen Adventstag vorstellen.

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Fazit

In Gogatsu no Sora steckt weitaus mehr Arbeit als ich auf den ersten Blick erwartet habe. Es ist ein klares Beispiel dafür, dass man Visual Novels, die nicht von großen Studios gemacht wurden nicht ignorieren sollte, und dass es kleine Edelsteine sind, die man ausgraben und der Welt präsentieren muss. Man muss insani definitiv dafür danken, dass sie dieses Spiel übersetzt haben und mna kann es nur jedem empfehlen, der einfach mal vom stressigen Leben eine Pause braucht – vielleicht findet ihr euch in Haruki und Minoris kleiner Etüde wieder.

Autor: Hata-tan

Hi, ich heiße Hata-tan oder Ramon (24) und bin ein Student der Japanologie an der Uni Frankfurt am Main. Ich spiele Visual Novels seit 2011 und habe bis dato um die 170 Visual Novels gespielt. Ich werde euch regelmäßig mit News und Reviews versorgen. Ich hab meine Finger überall drin ;) よろしく~