VNInfo Adventskalender #16: Tsuki no Terasu – Das Scheinen des Mondes und ein Ring

Gender. Dies ist ein Wort, welches in weiten Kreisen der Gamer-Community heute einen erstmal etwas schlucken lässt. Es ist ein Thema was die meisten Leute gar nicht in ihren Spielen verarbeitet haben wollen und deshalb so gut wie möglich ausgewichen wird. Manche Spiele versuchen einem eine Meinung zu diesem kontroversen Thema auch aufzudrängen – und versagen dabei. Es gibt es nun mal Menschen, die sich in ihren Körpern nicht wohlfühlen und dadurch keinen richtigen Platz in der Gesellschaft finden, weil diese diejenigen, die zwischen den Stühlen sitzen nicht hineinlässt. Abwertend werden diese Menschen heute von vielen als Trannies oder Transtrender bezeichnet. Statt solcher kindischen Beleidigungen sollten sie als das bezeichnet werden was sie sind: Transmenschen.

In Japan zählen Leute, die nicht zu binären Geschlechtsgruppen gehören immer noch als kontrovers oder gar abstoßend, was auch anhand einiger öffentlicher Reaktionen der japanischen Freeware-Community zum heutigen Spiel beweisbar ist.

Heute soll es in dem Spiel, was wir aufgrund unseres gelegentlichen Reading Circles aufgegriffen haben um eine solche Person gehen. In dem Spiel für den 16. Tag des Adventkalenders namens Tsuki no Terasu (Das Strahlen des Mondes), geht es um eine solche Person namens Mai, die zusammen mit dem Protagonisten in einer Newhalf Bar (Ein Hostclub für Non-Binäre/Transsexuelle/Crossdresser) in Japan arbeitet und er sich mit ihr, ihrer Identität und ihrem Dasein anfreundet. Dennoch ist es das was er will?

Tsuki no Terasu ist damals von der Doujin-Gruppe Sakura Mint am 31. Juli 2007 in Japan veröffentlicht worden und konnte sich aufgrund seiner damals noch total neuen Thematik einige Kritik, sowohl positiver als auch negativer Art einfangen. Es ist ein Freeware-Spiel, was es heutzutage leider nicht mehr gibt, da die alte Seite von Sakura Mint nicht mehr existiert. Das Spiel könnt ihr dennoch hier herunterladen.

Die englische Übersetzung von Insani, einer auf Doujin-Werke spezialisierten Übersetzungsgruppe, lässt sich noch im Internet finden.

Insani gab eine äußerst treffende Beschreibung über die erstmalige Rezeption des Spiels, die wir euch nicht vorenthalten möchten

Als dieses Werk ursprünglich veröffentlicht wurde, rief es eine Vielzahl von Reaktionen hervor, die von offener Abscheu über verhaltene Neugier bis hin zu warmem Lob reichten. Es stimmt – man kann den Geschmack und die Vorurteile seiner Leser nicht berücksichtigen. Doch als Autor hofft man, dass die Leute ab und zu über den Tellerrand hinausschauen, sehen, wie andere durch die Ritzen im wackeligen Fundament dieser Welt schlüpfen, und darauf mit Mitgefühl reagieren. Deshalb war ich sehr glücklich, als ich herausfand, dass dieses Stück von NaGIsa, einem angesehenen unabhängigen Schöpfer und Kritiker von Freeware-Visual Novels, mit einer Empfehlung ausgezeichnet wurde.

Handlung

Wir schlüpfen in die Rolle eines unbenannten Erzählers und verfolgen sein typisches Leben auf der Karriereleiter der japanischen Arbeitswelt, das abrupt durch eine genetisch bedingte, körperliche Schwäche (Muskeldystrophie) unterbrochen wird. Da er nicht mehr dem Arbeitstempo standhalten kann wird er sang- und klanglos aus seinem Job entfernt und sieht vor sich keine Zukunft mehr – Japans Konzept vom Lifetime-Employment (shushin koyô) hilft ihm dabei auch nicht weiter.

Er muss kündigen und sich einen anderen Job suchen, was in Japan kaum gut angesehen ist und ihn dazu bringt sehr weit unten neu anfangen zu müssen.

Als ein Freeter beginnt er dann in einer New Half-Bar (Ein Host Club für Non-Binäre/Transsexuelle/Cross-dresser) Arbeit zu finden und neben der merkwürdigen Gäste, den Performern und der Big Mama, läuft ihm wie zufällig ein „Mädchen“ über den Weg, die er nur mit seinem geringen Vokabular als Engel bezeichnen kann – es ist die wunderschöne Mai.

Mai hat, anders als der Protagonist, auch eigene Probleme, denn Mai ist eine sogenannte Newhalf, die (pejorative) japanische Bezeichnung für Transmänner mit teilweise oder vollständiger, operativer Neuanpassung des Geschlechts. Diese Gruppe von Menschen werden in Japan immer noch teilweise diskriminiert und müssen sich, aufgrund der intoleranten Gesellschaft und des Drucks, der auf sie ausgeübt wird, mit zwielichtiger Arbeit in Clubvierteln durch die Gegend schlagen. So endete Mai auch als Top-Entertainer in der Host Bar und lernte den Protagonisten kennen.

Beide sind gesellschaftliche Außenseiter, also haben sie keine andere Wahl als näher zueinander zu finden und sich gegenseitig zu unterstützen wo es geht. Dadurch bildet sich schnell eine Freundschaft, und mehr bahnt sich an.

Doch das Wichtige ist gar nicht voneinander abhängig zu werden, sondern einen Ort zu finden an den man gehört.

Meinung

Aufbau

Das Spiel besitzt fünf Kapitel, die immer mit einem CG des Mondes eingeleitet werden. Der Name des Kapitels steht dann auch konstant in der unteren linken Ecke des Spiels.

Tsuki no Terasu (Moonshine) ist eine kurze Visual Novel mit nicht mehr als 2 bis 3 Stunden, die unserem Reading Circle einigen Spaß bereiten konnte. Ich kann schon von hier sagen, dass das kontroverse Thema Gender hier mit delikatester Wortwahl angerührt wird und es keinerlei möglicherweise offensiven, direkten Anfeindungen gegenüber Transgender im Spiel gibt.

Hier war aber schon das erste was uns auffiel: Die Verwendung der üblichen Pronomen unterscheidet sich in diesem Spiel von vielen anderen. Es ist auffallend konsistent, dass sich Mai als Atashi (was ein weiblich-anmutendes Pronomen ist) bezeichnet, aber im Fließtext als 私 (watashi) geschrieben wird. Hier fiel uns auf wie der Autor diese Situation ausdrücken möchte, nämlich die Zerrissenheit sich selbst als weiblich zu bezeichnen, aber dafür ein in der Gesellschaft unauffälliges Pronomen zu benutzen.

Was mir eindeutig gefiel waren die Umstände unter denen sich der Erzähler und Mai näher kommen. Über einen Zeitraum von zwei Wochen fangen wir in der Wohnung des Protagonisten an, erleben wie er aus der Gesellschaft ausgegrenzt wird, gehen dann nach draußen zur Arbeit und kommen kaum noch zur Wohnung zurück bis wir nach den zwei Wochen nochmal unsere Wohnung, aber in Begleitung von Mai betreten. In der Zwischenzeit haben wir nämlich mit Mai so einiges unternommen, darunter die Teilnahme an einem Gesangswettbewerb, ein gemeinsamer Besuch in einem Freizeitpark, eine Kirschblütenschau im Frühling, ein Kinobesuch und noch einiges mehr.

Auffällig ist, dass Mai aufgrund ihrer Ausgegrenztheit in der Gesellschaft manchmal von den Mitbürgern mit denen Mai zu tun bekommt diskriminiert wird, so nimmt Mai nicht aktiv an einem Song-Contest teil und läuft stattdessen weg. Somit wir können mit den Zuschauern nicht Mais wunderschönes Lied Tsuki no Terasu teilen.

Tsuki no Terasu

Dieses Spiel beinhaltet einen gleichnamigen Track, der von der wundervollen und berühmten Yanagi Nagi vorgetragen wird. Dieses Lied ist ein zentrales Motiv des Spiels, das auch oft genug innerhalb der Szenen wiederholt wird. Erstaunlicherweise ist der Song sogar wichtig genug, dass er innerhalb des Textes mit den Lyrics überlappt, wenn man etwas wartet. Ein erstaunliches Detail, das den Song noch mal so viel wichtiger macht in der Gesamtbetrachtung, da dieser Track von Mai selbst mehrmals gesungen wird.

Yanagi Nagi - Tsuki no Terasu

Erfahrungen aus dem Reading-Circle (Schwierigkeit)

Der Schreibstil des Spiel verwendet viele Farben, komplexe Begriffe und Expressionen, die wir oft nachschlagen mussten. Dabei ist das allgemeine Japanisch im Spiel gar nicht so schwer. Trotzdem haben wir uns an einigen Stellen etwas abmühen müssen, speziell weil es Charaktere wie die kleine Schwester des Protagonisten gibt, die in kindlichem Slang sprechen und Wörter lang ziehen, so dass man sie nicht mehr so leicht entziffern oder parsen kann. Auch gibt es ein absolutes Übermaß an Lehnwörtern, die in Katakana geschrieben sind. Diese brachten uns so einige Male ins Holpern.

Ending-Sequenz (Speedrun Any%)

Eine weitere Schwierigkeit, die uns beim Reading Circle aufgefallen ist, ist eine Storysequenz, die nach dem Durchrollen der Credits stattfindet. Dort gibt es eine kurze Erzählung über den Bruder (Protagonisten), der von seiner Schwester ein Geschenk bekommt und es auspackt. Es entpuppt sich als ein Schmuckstück, dessen Signifikanz nach Inbetrachtnahme der Handlung eine gewisse Bedeutung hat. Das Problem an dieser Szene ist es nur, dass diese in einem ungeheuren Tempo automatisch durchscrollt. Wir mussten die gesamte Sequenz aufnehmen und langsam Stück-für-Stück abspielen, damit wir überhaupt der Szene folgen konnten. Ein befreundeter, sehr guter Japanischstudent auf unserem Server meinte, dass diese Sequenz selbst für Japaner zu schnell sein könnte. Wir fragen uns echt, was Sakura Mint sich dabei gedacht hat.

Zur Lösung hat unser bester Zakamutt einen Patch für NScripter erstellt mit dem ihr diese Sequenz auf normaler Geschwindigkeit spielen könnt. Diese funktioniert nur für die japanische Version.

tsukiterasu-patch-v1

Analyse

Aufgrund der Kürze des Adventskalenderformats können wir euch hier keine super ausführliche Analyse des Spiels anbieten. Das brauchen wir aber auch nicht, da die Mitglieder von Insani auf ihrer Website, wo ihr das Spiel bekommen könnt, bereits mehrere ausführliche Erklärungen in Form von kleinen Essays gegeben haben wie das Spiel zu interpretieren ist und welche wichtigen Betrachtungsweisen man während des Spielens entwickeln sollte. Außerdem gibt es dort noch ausführliche Anmerkungen zur Übersetzung, die ihr euch nicht entgehen lassen solltet.

Visuelles

Das Spiel ist im NVL-Stil gehalten mit Text, der über den ganzen Bildschirm verteilt erscheint. Die Lines sind sinnvoll voneinander abgetrennt und erscheinen manchmal in Teilen oder als ganze Blöcke. Die Visuals sind durchschnittlich, manchmal stechen sie wirklich schön hervor, manchmal fallen sie eher in den Hintergrund, weil man sich auf den Text konzentriert. Nur das End-CG hat mich komplett gecatcht, da es nach dem Beenden des Spiels wirklich wunderschön anzusehen war.

Audio

Audiotechnisch finde ich, dass das Spiel seinen Zweck erfüllt. Die Musik stört nicht, aber ist jetzt auch nicht wirklich unglaublich melancholisch oder aufreizend. Das bereits angesprochene Hauptthema: Tsuki no Terasu von Yanagi Nagi sticht aber sehr heraus. Es ist ein wirklich wunderschöner Song, in seiner Art vergleichbar mit dem To aru Ryuu no Kami no Uta von Dra+Koi.

Auch ist anzumerken, dass Mai von einer unbekannteren Synchronsprecherin synchronisiert wird. Auf VNDB ist sie als Kana gelistet, hat aber außer Mai in Tsuki no Terasu noch nichts anderes gesprochen hatte. Es ist schön, dass das Spiel synchronisiert ist, da das bei Doujin-Games gar nicht so selbstverständlich ist.

Fazit

Obwohl wir jetzt nicht die tiefgründigste Analyse des Spiels machen konnten, bin ich dennoch der Meinung, dass mehr Leute den Titel spielen sollten. Mit zwei Stunden Spielzeit und einer englischen Übersetzung gibt es eigentlich keinen Grund dieses kleine melancholische und transfreundliche Spiel nicht zu spielen.

Die Anfeindungen, die Mai erfährt gehen nicht vom Protagonisten aus, weshalb man sich keine Sorgen machen muss, dass das Spiel in irgendeiner Weise offensiv sein könnte. Generell finde ich, dass das Thema der Transsexualität hier sehr delikat behandelt, und einem nicht groß ins Gesicht geschoben wird. Deshalb kann man es nur weiterempfehlen.

Außerdem ist die Musik klasse! Ich meine… Hallo? Yanagi Nagi singt?!

Autor: Hata-tan

Hi, ich heiße Hata-tan oder Ramon (25) und studiere Japanologie und Englisch an der Goethe Universität Frankfurt am Main. Ich lese Visual Novels seit 2011 und habe bis dato um die 180 Visual Novels gespielt. Ich werde euch regelmäßig mit News und Reviews versorgen. Nebenbei arbeite ich als QC für JAST USA und diverse Fanprojekte und mache meinen Teil der VN.Info-Übersetzungsprojekte. よろしく~