VNinfo Adventskalender #11: 40-nichi 40-ya no Ame – Regenschauer auf dem Schlachtfeld

Heute gibt es den 11. Titel unseres Adventskalender-Specials. Dabei handelt es sich um ein Spiel, was ich mir diesmal selbst ausgesucht habe. Nach dem Querschläger …in white hatte ich eigentlich vorgenommen nichts mehr von ZIGZAG zu reviewen für diese Serie, aber dann fiel mir dennoch einer der ersten Titel der Gruppe ins Auge. Und verdammt ist der gut, zumindest zum Teil! Wir stellen wir euch heute die Kriegs-Visual Novel 40-nichi 40-ya no Ame vor, eine kurze zweistündige Visual Novel ohne Entscheidungen, die es aber von ihrem Thema her sehr in sich hat.

40-nichi 40-ya no Ame (40 Days and 40 Nights of Rain) wurde damals im Januar 2007 auf der japanischen Website von ZIGZAG veröffentlicht und ist seitdem leider in der Originalfassung nicht mehr verfügbar. Dafür gibt es seit dem 21. Juni 2014 schon, eine passable englische Übersetzung des Spiels, die vom Visual Novel Recode Project 6YDIA gemacht wurde. Bislang habe ich noch nichts von dieser Gruppe gehört, aber es scheint sie haben hauptsächlich damals ZIGZAG-Releases übersetzt. Auf der VNDB-Seite könnt ihr für dieses Spiel einen präservierten Mediafire-Link benutzen, um euch die englische Version herunterzuladen.

Handlung

Es regnet über den Zeitraum von 40 Tagen und 40 Nächten. Zwei Menschen treffen einander: Die eine ist ein armes Mädchen ohne jegliche Familie oder Bezugspunkte, der andere ein Zinnplatten-Soldat. Und so regnet es ohne Ende in Sicht, auf dem Schlachtfeld.

Meinung

Am besten sollte man ohne jegliche Spoiler in diese Visual Novel gehen, doch ich weiß, dass man als potentieller Leser zumindest ein paar Anhaltspunkte braucht, damit das Interesse geweckt wird. Bei diesem Spiel befinden wir uns in einem brutalen Kriegsszenario und spielen einen vom Kriegsgeschehen völlig aufgelösten Soldaten, den man nur als Tin Soldier bezeichnet. Der Grund dessen ist, dass man auf dem Schlachtfeld zu rasch stirbt und man deshalb keine Zeit damit verschwendet Leute beim Namen zu nennen, die sowieso nur als Kanonenfutter taugen. Am Anfang des Spiels sehen wir wie unser Zinnsoldat gezwungen ist einen anderen Soldaten feindlicher Faktion zu erschießen, Tod ist ihm allgegenwärtig, deshalb interessiert es ihn nicht wirklich.

Später jedoch begegnet er dem Mädchen auf dem Cover des Spiels. Ihr Name ist Kyrie. Sie scheint schwach und völlig durchnässt und bricht mehrmals beim einfachen Gehen zusammen. Unser Zinnsoldat entscheidet sich dazu dem Mädchen aufzuhelfen und trägt sie in eine Stadt mit Überlebenden, wo er und seine mutigen Taten selbst stadtbekannt sind, damit sie so etwas wie eine Familie kennenlernt und jemanden findet, der sich um sie kümmert. Das Mädchen ist der bestehende Rest Menschlichkeit, die in diesem Kriegssetting völlig außer Acht gelassen wurde, sie weckt auch menschliche Instinkte oder gar den echten Namen es Zinnsoldaten, Yuu.

Aufbau und Gestaltung

Das Spiel selbst ist durch mehrere Sektionen getrennt, die immer wieder mit einem weißen Fade-out/Fade-in und einem Kapiteluntertitel eingeleitet werden. Generell fällt am Look der VN auf, dass hier auf ein cineastisches Erlebnis hingestrebt wurde, was z.B durch die dicken weißen Filmbalken oben und unten verdeutlicht wird. Auch ist der Text narrativ schlau im NVL-Stil präsentiert und das Writing selbst ist aus der Sicht eines alles überschauenden, auktorialen Erzählers geschrieben, was uns von dem Geschehnis auf dem Schlachtfeld oder gar den Interaktionen der Charaktere distanziert.

Der gnadenlose Regen

Das Hauptaugenmerk des Spiels liegt auf dem Regen, denn der Regen ist gnadenlos. Egal wie viel Blut vergossen und Tod auf dem Schlachtfeld verursacht wird, es wird unaufhörlich weiterregnen. Hier ist auch die Position des Erzählers wichtig, da es wirkt, dass wir als Leser aus der Position des übermächtigen Regens die Geschehnisse überblicken. Im Spiel wird mehrmals deutlich erwähnt, dass der dauerhafte Regen eine Strafe Gottes sein muss.

Englische Version crasht 🙁

Leider konnte ich das Spiel nicht komplett beenden, da die Spieldatei immer nach ein paar Stunden Spielzeit an einem bestimmten Moment (meistens einem Kapitel fade-out oder gar zum Zeitpunkt der Credits) sich aufgehängt hatte. Somit kann ich euch nicht sagen, ob es eine wichtige Aftercredits-Szene gibt. Sollte das der Fall sein gerne bescheid sagen oder mir eine funktionelle Version des Spiels schicken.

Visuelles

Das ganze Spiel ist ist düsteren, ausgewaschenen Grautönen gehalten, da die Visuals mit im Antlitz des Regens komplementieren sollten. Dies führt dazu, dass alles trist und ausgegraut wirkt und auch beim Spieler etwas am Nervenkostüm feilt. Ich habe mir nicht nur ein paar Mal dabei erwischt wie ich fast eine Träne vergossen hätte, wenn es eine tiefgängige Beschreibung des Ablebens einer unschuldigen Familie eines Soldaten zu lesen gab. Leider stören die Filmbalken doch sehr, da sie in grellem Weiß gehalten sind und somit einfach wie ein Fremdkörper auf dem Screen aussehen.

Außerdem kann man das Spiel wie auch schon bei …in white nicht auf Vollbild schalten, da es weder ein Extra-Menü, noch Optionen, noch die Möglichkeit gibt per Alt+Enter auf Vollbild zu schalten. Dies nimmt mir als Fullscreen-Player natürlich jede Immersion, da ich halt meinen bunten Discord oder Desktophintergrund noch sehen kann. Leider sehr schade, dass ZIGZAG darauf nichts gibt dem Spieler bei seiner Immersion behilflich zu sein.

Was stark heraussticht sind natürlich die CGs mit Kyrie dem weißhaarigen Mädchen um das sich das Spiel dreht. Bei jedem Szenenübergang sehen wir ein CG wo sie entweder in einem Long-Shot auf einer Wasseroberfläche spielend zu sehen ist, oder einen Portrait-shot ihres Gesichts mit ihren strahlend blauen Augen. Die Farbgebung der Heroine kontrastiert stark mit dem in grau-gehaltenen Weltbild, zerrüttet von Chaos und Krieg, das das Spiel propagiert.

Audio

Was Audio angeht sticht hier ein unterschätztes Musikinstrument gerade hervor. Das Xylophon. Nahezu alle Tracks enthalten eine Variation eines Xylophonspiels und das erzeugt den Effekt, dass die Töne quasi in unbeständigen Zeitabständen wie Regentropfen fallen. Persönlich bin ich ein großer Fan von dieser soundtechnischen Untermalung und wünsche mir mehr Xylophonmusik in Visual Novels. Stattdessen ist es allgegenwärtig in meinem geliebten Deutsch-Rap, wo es nicht hingehört, aber das ist ein anderes Thema :/

Sounddesign finde ich persönlich schlecht umgesetzt, da sie es nicht hinbekommen haben die Tracks zu loopen. Es gibt Momente da liest man ganz immersiv: „Der Regen wollte gar nicht aufhören, so sehr strömte es herab.“ …und zehn Sekunden später hört der Regeneffekt auf. Auch sind diese Regeneffekte sehr inkonsistent in das Spiel eingebaut, manchmal finden sie statt; manchmal nicht. Stattdessen hören wir übermäßig übersteuertes Schussfeuer, Donnergrollen und einschlagende Bomben. Meine Ohren hätten das sanfte, oder auch rauschende Prasseln des Regens mehr genossen.

Stimmen gibt es leider keine. Auch ist es manchmal sehr schwer herauszufinden welcher Charakter gerade spricht, da es keine Namensplaketten gibt, da das Spiel ja im NVL-Style geschrieben wurde.

Lokalisierung

Die Lokalisierung des Spiels schwankt leider doch sehr. Als ich das Spiel zuerst begann war ich überwältigt von der hautnahen und wortgewandten Beschreibung des Krieges in Übersetzung. Es kam nicht ganz an das japanische Writing ran, war jedoch nicht marginal schlechter. Allerdings wurde später dann immer mehr klar, dass man sich am Anfang viel Mühe gegeben hat und gegen Ende immer mehr zu staucheln begonnen hatte. Wir diskutierten auf dem Server ein paar Screenshots und unser JP-Wunderkind Daru meinte, dass er selten bei einem Screen so sehr cringen (zusammenzucken) musste, wie bei dem folgenden.

Fehler sind offensichtlich hier, leider ist das so die generelle Qualität des späteren Teils.

Fazit

 

ZIGZAG hat sich mit diesem Spiel bei mir wieder reinwaschen können, da ich nach …in white gar nicht mehr so angetan von ihren Werken war. Das Spiel vermittelt einem auf großartige Weise wie schlimm der Krieg sein kann, was für Entscheidungen man dort treffen muss und wie vergänglich doch das Leben ist, wenn alles um einen rum auf Krieg getrimmt ist. Es taugt gut etwas als eine existenzialistische Erzählung und es hat einen starken Effekt auf den Leser, der den beiden (Zinnsoldat und Kyrie) auf ihrem kurzweiligen, gemeinsamen Pfad durch die vom Krieg verseuchte Welt folgt. Ich habe mich persönlich an den Anime Somali to Mori no Kamisama erinnert, weil dort dasselbe Konzept herrscht. Diese VN ist aber alles, nur kein Iyashikei.

Autor: Hata-tan

Hi, ich heiße Hata-tan oder Ramon (25) und studiere Japanologie und Englisch an der Goethe Universität Frankfurt am Main. Ich lese Visual Novels seit 2011 und habe bis dato um die 180 Visual Novels gespielt. Ich werde euch regelmäßig mit News und Reviews versorgen. Nebenbei arbeite ich als QC für JAST USA und diverse Fanprojekte und mache meinen Teil der VN.Info-Übersetzungsprojekte. よろしく~