VN als Anime, zum Scheitern verurteilt?

Wie es sicherlich bei vielen Neueinsteigern war, wurde mein Einstieg zu VNs nur durch Anime ermöglicht. Wahrscheinlich hatte man in der Kindheit Dragonball, Naruto, One Piece oder ähnliches gesehen und hat sich später als Teenager ins Internet begeben, um entweder alte Folgen nochmal neu zu erleben, oder neue Folgen, welche bisher noch keine offizielle deutsche Übersetzung hatten sich im voraus anzusehen. Dabei ist man vielleicht auf andere völlig unbekannte Serien gestoßen. Sehr viele Unbekannte. Sehr, SEHR viele Unbekannte. Davon waren vielleicht die meisten gut oder ansehenswert, einige jedoch sehr komisch, gefüllt mit Doppel-D Moe und eher schlecht. Bei mir war das im Alter von Knapp 13 und ich war gerade eben mit dem Anime „Umineko no naku koro ni“ fertig geworden. Mir hatte der Zeichenstil, die Charaktere und die Prämisse gefallen, jedoch scheitert es natürlich bei den meisten Erzählungen an der Story und Umsetzung. Vor allem schien mir das Konzept eines Charakters, welcher wenn er rote Wörter spricht die Wahrheit sagt verfremdend, da jeder wichtige Satz im Bild eingefügt werden musste. Einige waren nach meiner ersten Aussage über Umineko wahrscheinlich schon sehr entsetzt,

DENN EIGENTLICH IST UMINEKO EINE VISUAL NOVEL!

Das fand ich unglücklicherweise erst nach 26 Folgen Sinnesfolter raus. Vielen dank auch Studio Deen. Die Meinung über die Visual Novel-Fassung(en) ist allgemein doch recht positiv, was unter anderem damit zu tun hat, dass die Textmechanik nun auch Sinn macht und das Spiel eine längere Story zu bieten hat.

Was haben Fate/stay night, Umineko naku koro ni, Tsukihime und viele andere also gemeinsam? Es sind Visual Novels welche Anime Adaptionen besitzen. Welche trash sind, manchmal. Oder zumindest zeigt der Zeitgeist der online Anime-Community, sei es aniDB, Youtube oder MyAnimelist, eine generelle Abneigung speziell gegenüber diesen Werken um es euphemistisch zu formulieren. Ist der Grund des Fehlschlags also wirklich das Quellenmaterial in Form einer Visual Novel, oder gibt es andere Gründe?
Zugegeben, bei Fate/stay night ist nur ein schwarzes Schaf vorhanden, nämlich die Show von 2006, Unlimited Blade Works und Heaven’s Feel gelten als allgemein recht gute Serien bzw. Filme, trotz leichter Abänderung durch Hinzufügen von Figuren beispielsweise.

(Fate/ stay night (2006))

(Unlimited Blade works TV (2014))

Das Problem, das bei der ersten Animeinterpretation aufkommt, ist ein sehr spezifisches, welches nun mal durch die Exposition der Visual Novel ausgelöst wird. Diese verfügt nämlich über 3 Routen, Fate, Unlimited Blade Works und Heaven’s Feel von denen keine die „richtige“ ist, sondern jede eine Standalone Story darstellen soll. Diese unterscheiden sich anfangs bei ganz kleinen Dingen, wie zum Beispiel der Affektion gegenüber einem Charakter, welche später extreme Auswirkungen von sich tragen und so das Storygeschehen von Grund auf ändern. Im Jahre 2006 wurde dann der Anime „Fate/stay night“ schließlich veröffentlicht, welcher 26 Folgen umfasste und auf der ersten der 3 Routen, Fate  basierte. Irgendwann während der Umsetzung haben sich eine oder mehrere Genies bei Studio Deen (die selben die später an Umineko „gearbeitet“ haben) gedacht sie könnten zur Story Bruchstücke der beiden anderen Routen hinzufügen, warum auch immer. Dies hatte meiner Meinung nach zur Folge, dass das Pacing recht komisch wirkte und es eben keine representative Darstellung der Visual Novel mehr wahr. Die entstehende Amalgamation war keine Animeumsetzung sondern ein neues Produkt. Ob der Grund dafür war, dass Type-Moon zu dem Zeitpunkt nicht genug Kohle hatte um 3 separate Animes laufen zu lassen, bleibt offen.

Wie ich bereits aufgezeigt hab, ist der eigentliche Grund für das Scheitern hier meistens nicht, dass die VN schon schlecht war – ganz im Gegenteil – einer der Gründe warum diese überhaupt zu Anime gemacht wurden, ist deren Erfolg, sondern Fehler bei der Umsetzung, die entweder beim Translatieren von Visual Novel zu Anime erfolgen wegen dem Wegfallen der Mechaniken, oder, dass das Darstellen von mehreren Routen innerhalb eines Anime meist schwer ist.

Natürlich darf ich die wichtigste Art von Fallbeispiel nicht vergessen, Visual Novel-basierende Anime, welche nicht schlecht sind. Woran jetzt die meisten wahrscheinlich denken ist Steins;Gate. Solide Animation, Artstyle, Story und Charaktere. So solide, dass S;G meiner Meinung nach als Anime die Visual Novel Erfahrung fast ersetzt. Man könnte beinahe annehmen, dass der Status des Spiels als Kinetic Novel, mit einer einzelnen festen Route bei der Animeumsetzung unglaublich hilfreich ist. „Aber Steins;Gate ist doch gar keine Kinetic Novel!“ , schrie Yink. Wo er Recht hat, hat er Recht. Mehrere Enden und 2 Routen, je Normal und True End. Aber warum ist dann der Anime von Steins;Gate so hoch gepriesen, wenn es gar unmöglich scheint mehrere Enden in einen 26 Folgen-Anime  (26 scheint fast ein Standard bei VN-Animes zu sein) einzubauen? Weil Steins;Gate diese nicht braucht.

Erklärung des Endes mit möglichst wenig Spoiler

Die Steins;Gate Enden beziehen sich immer auf einen weiblichen Charakter für den sich Okabe, der Protagonist entscheidet, dies scheint zunächst nicht schlimm, hat jedoch moralisch gesehen extreme Ausmaße, da das Entscheiden für ein Mädchen immer ein leicht verstörendes Ende nach sich zieht und Okabe von seiner eigentlichen Aufgabe abbringt, somit würde ich diese Enden als „bad“ oder sogar „joke“ Ends bezeichnen, da sie keineswegs kanonisch sind. Sogar das non-true Ending würde ich so einstufen, da dies ebenfalls das Scheiterns Okabes impliziert und diesen verstört zurücklässt. Somit bleibt das True-Ending als einziges, moralisch-richtiges Ende übrig: Okabe erreicht sein Ziel, er verliebt sich und es ist ein Happy-End. Da der Anime sich Glücklicherweise für dieses Ende auch entscheidet, ist meiner Meinung nach zwar extra Storyinhalt durch die Bad-Ends verloren gegangen, bietet aber trotzdem fast die volle Steins;Gate Experience. Warum fast? Nun, eine Sache die ein Problem darstellt ist eine Mechanik im Spiel in der Okabe öfters sein Handy zum Anrufen, Schreiben und Imageboard besuchen (trollen) verwendet. Das Schreiben ist während Konversationen möglich und ist auch notwendig fürs True End, durch das Wegfallen dieser Mechanik geht genug Content verloren, dass  das Schauen der Serie ein echter Verlust im Vergleich zur Spielerfahrung ist, aber nicht tragisch genug um am Gesamtbild der Story viel zu verändern. Ein anderer Kritikpunkt wäre eher etwas metaphorisches, nämlich ist das Schicksal der Person vor dem Bildschirm und das der Person hinter dem Bildschirm gar nicht so verschieden, man könnte fast behaupten, dass durch das Durchspielen man sich fast in die Rolle eines Zeitreisenden auf Verschiedenen Weltlinien begeben muss, da man zunächst feststellt dass man das „Normale“ Ende und nicht das „Wahre“ Ende hat, und wie Okabe selbst fanatisch versucht, sich zu einem früheren Zeitpunkt des Spiels zu begeben und die richtigen Entscheidungen zu treffen, um auf die richtige Route zu kommen, damit man das True Ending, also das namentliche Steins Gate erreicht. In dieser Hinsicht erstellt S;G eine Juxtaposition zwischen Spieler und Routen gegenüber Protagonist und World Lines und karikiert die Leiden eines Konsumenten in ironischer Weise. Und das ist in einem stinknormalen Anime eben nicht zu erkennen.

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Insgesamt ist die Erfahrung aber gut genug, dass die Kritikpunkte, die ich aufgelistet habe, einen gewöhnlichen Zuschauer sowie einen Spieler nicht stören würden. Ähnliches gilt wahrscheinlich für S;g 0.
Es ist aber trotzdem wichtig im Hinterkopf zu behalten, dass durch den Roten Fadens der (Pseudo)-Kinetic Novel die Umsetzung in einen Anime um einiges Erleichtert wurde, und somit die Standards von Steins;Gate schlecht vergleichbar sind mit anderen non-Kinetic Adaptionen

Also ums nochmal kurz zu fassen:
Wobei viele Anime-Adaptionen von VNs an Problemen wie Umsetzung, Orientierung oder Budget scheitern, gelingt es doch in manchen Fällen auf eine meisterhafte Weise durch das Anschauen eines Animes die Reise durch ein Visual Novel zu ersetzen.

Post Author: Kayihan Akcakoca

Moin, ich heiße Kayihan und bin auch bekannt als der Typ mit dem komischen Namen. Ich bin vergleichsweise noch ein Anfänger wenn es ums Visual Novels geht, und wünsche meinen Horizont durch das Schreiben meiner Artikel zu erweitern. Vielen Dank fürs lesen und viel Spaß noch auf der Seite :).