Visual Novels und Produktivität

Videospiele bereiten mir, seit ich klar denken kann, viel Freude im Leben. Sie erlauben einem Dorfjungen wie mir einen Einblick auf Gedanken und Sichtweisen wie kein anderes Medium es schafft. Doch desto älter ich wurde, desto mehr und mehr merkte ich eine Sache: Sie nehmen mir kostbare Zeit weg. Ich bin leider nicht wie vor noch ¾ Jahren in einer Position, in der ich endlose Nächte mit Titel XY verbringen kann. Ich muss für Prüfungen lernen, mich für eine Ausbildung bewerben, finanzielle Angelegenheiten klären und allgemein einfach Verantwortung übernehmen. Seitdem ich dies realisiert habe, versuche ich meinen Videospielkonsum deutlich herunterzufahren. Doch es gibt ein Genre an Titeln, das ich mir erlauben kann ohne dabei viel an Produktivität zu verlieren … Visual Novels.

Was machen VNs anders?

Bei Videospielen wie einem Metal Gear Solid V: The Phantom Pain gab es für mich grundsätzlich nie einen definitiven Grund mit einer Sitzung aufzuhören. Denn ich habe theoretisch immer ein Ziel vor mir. Entweder das nächste Ausrüstungsstück freischalten, in der nächsten FOB-Mission die Leaderboards dominieren, oder zuvor abgeschlossene Missionen mit einem anderen Spielstil angehen. Dadurch bin ich öfters bei einer Sitzung wortwörtlich angefixt und es dauert bei mir für gewöhnlich schon ein paar Stündchen, bis ich aus eigener Initiative das Spiel beende. Visual Novels haben aber zwei distinkte Aspekte verglichen mit anderen Genres des Mediums. Zuallererst haben Visual Novels ein klares Ende. Wie ich zuvor erwähnte können viele Titel mit einem gut ausgearbeiteten Gameplay selbst nach dem Abspann der Credits neue Unterhaltung schaffen. Doch eine VN ist nach einem vollständigen Durchgang fürs Erste beendet. Klar, Werke wie Steins;Gate bieten hier und da kleine Bonus-Szenen an, wenn man gewisse Phone Trigger in einer bestimmten Art auslöst (damit ist nicht das True End gemeint) doch nach dem Beenden einer VN bleibt der Titel fürs Erste in meinem Regal über die nächsten Jahre weil man alles sah, was es zu sehen gibt. Ein netter Nebeneffekt davon ist es, dass ich nicht mehr als nötig mit einem Titel verbringe und sich damit die Variation an Titeln, die ich erleben darf, vergrößert.

Ich verbrachte 216 Stunden mit einem DHL Simulator namens Death Stranding.

Zusätzlich ist es für mich wichtig, dass ich ein gewisses Pacing beim Spielen/Lesen aufrechterhalte. Ich bin jemand, der bei einem Titel ungerne ein ganzes Kapitel am Stück durchliest, weil ich ansonsten zu viel des Guten habe und auf einmal schon mehr als die Hälfte vergesse. Lieber teile ich Kapitel in kleinere Sektionen für mich auf, um das Erlebte nach dem Beenden einer Session zu verarbeiten. Nicht nur ist dieser Prozess für mich wichtig, wenn ich versuche, eine VN zu Reviewzwecken zu analysieren, es wertet auch meine Erfahrungen immens auf. Denn die gesamte Handlung verbleibt mir viel mehr in Erinnerung. Sowas resultiert zwar in einem sehr langsamen Lesetempo, das aber wiederum dafür sorgt, dass ich auch eine VN nur anfange, wenn ich weiß, dass ich sie ungestört lesen kann. Ergo: ich nehme mir für eine gute Sitzung lieber das Wochenende und erledige zuvor alles Wichtige. Denn mitten in einer Sequenz aufzuhören, zerstört nicht nur meine Immersion, es löst bei mir auch einen gewissen Disconnect aus. Denn wenn ich dann später wieder zurückkehre, merke ich, dass ich nicht in der Lage bin, mich in die Geschichte hineinzuversetzen.

Lesen ist Anstrengend

Lesen ist schlicht und einfach für mich ein Kraftakt. Ich bin jemand, der vor etwa drei Jahren nicht viel mit dem Thema Lesen anfangen konnte. Lesen wirkte für mich langweilig und erst als ich mich mit Light Novels und etwas später Visual Novels befasste, merkte ich, was ich mir die Jahre zuvor entrinnen ließ. Denn diese Medien haben verglichen mit anderen literarischen Werken genügend visuellen Input, so dass ich mich doch mit Interesse mit den Geschichten beschäftigen konnte. Aber bis zum heutigen Tage schaffe ich es nicht sonderlich lange zu lesen, weil es mich viel früher ermüdet als das Schauen eines Films, oder die Eingaben von Charakteraktionen in konventionellen Videospielen. Denn der Prozess des Lesens in Kombination mit dem ständigen Klicken der Enter-Taste (oder im Falle einer Light Novel auf die nächste Seite zu blättern) um die nächste Textbox zu lesen, wird selbst für jemanden der Autor auf solch einer Seite ist etwas zu monoton.

Meine Büchersammlung zeigt, dass ich immer bei Literatur zu einem gewissen Grad Bilder brauche.

Während ich für Spiele wie Sonic Generations, das gerade mal insgesamt 3 Stunden lang ist, bis zu 5 Stunden am Stück vor der Röhre saß, so waren es bei massiven VNs wie Chaos;Child, wofür ich 80 Stunden zum Durchlesen/spielen gebraucht habe, eher eine halbe bis ganze Stunde pro Session. Klar dies bedeutet, dass ich in längere Zeit brauche, um ein Werk zu komplettieren. Doch durch die neu gewonnene Zeit innerhalb eines Tages kann ich es mir nun erlauben auch – wer hätte es gedacht – meine Hausaufgaben vernünftig zu erledigen, Kontakte zu pflegen, mich um mich selbst zu kümmern und so weiter und so fort.

Was lernen wir daraus?

Naja, nicht sonderlich viel. Immerhin ist dies etwas sehr persönliches und hat mit dem gesamten Themenkomplex des Digitalen Wohlbefindens zu tun. Jeder Mensch braucht einen individuellen Ansatz, wenn es darum geht seine Zeit besser zu verteilen. Ja, ich könnte theoretisch einfach mir einen Timer setzen, wenn ich etwas spiele, doch ich will lieber von mir selbst aus eine Sitzung beenden statt mir eine gezwungene Barriere zu setzen. Ich limitiere mich ungerne, weshalb der Ansatz einfach den Fokus zu ändern mir viel eher passt. Zwar spiele ich natürlich auch immer noch Videospiele, die nicht auf vndb gelistet sind, doch dies viel weniger als zuvor und ehrlichweise passt es mir momentan so wie es ist.

Ich muss aber auch ehrlich sein…Ich spiele momentan zu einem ungesunden Grad Metal Gear Solid 2 Substance

Fazit

Schon komisch, dass gerade Visual Novels meiner Produktivität nicht schaden, sondern sie verbessern. Immerhin ist es ein Genre, wo einzelne Titel schon mehrere dutzend Stunden andauern können und Sequels, Spin-offs, und Adaptionen an der Tagesordnung sind (Hust hust, Type-Moon, Science Adventure). Doch anders betrachtet ist es auch ein Genre der Videospiellandschaft, wo ein direkter Austausch mit anderen Menschen stark im Fokus steht. Anders gesagt, eine VN motiviert mich sogar auf gewisser Weise, mich mehr mit meiner Welt zu befassen und in dieser meine Spuren zu hinterlassen. Ein gutes Beispiel ist meine Arbeit als Autor für diese Seite. Wäre ich nie mit Visual Novels im Kontakt gekommen würde ich nicht diesen Artikel schreiben, meine Fähigkeiten im Schreiben erweitern, und wahrscheinlich einfach stur und ohne Sinn Titel XY starten. Oder kurz gesagt …Visual Novels sind schon was feines für mein Leben.

Jetzt teilen:

Autor: Caps

Hi, ich bin Caps. Ich bin eher durch Zufall auf Visual Novels gestoßen. Eigentlich wollte ich einen Roman bestellen, jedoch empfahl mir der Amazon Algorithmus Steins;Gate Elite und nach ein paar hundert Stunden, in mehreren verschiedenen SciADV-Ablegern, kann ich mich als Fan des Mediums betiteln. In naher Zukunft will ich auch andere Werke außerhalb des SciADV-Spektrums lesen. El Psy Con....Kongroo!!