Visual Novel – Eine Einführung

Visual Novels – Eine Welt zwischen Anime und Game

Visual Novels sind Spiele, welche die Eigenheiten von Anime, Manga und Games in sich vereinen: Wie Anime und Manga erzählen sie uns tolle, fantasiereiche, spannende, aber manchmal auch traurige und deprimierende Geschichten. Obwohl der Fokus auf dem Lesen liegt, werden die Geschichten häufig akustisch untermalt – sowohl durch Hintergrundmelodien als auch Synchronstimmen, die uns die Geschichten analog zum Text erzählen. Durch meist einfache (aber manchmal auch komplexere) Interaktionsmechanismen haben wir zudem die Möglichkeit, das Geschehen im Rahmen der Geschichte aktiv zu beeinflussen und so umfangreiche Details über die verschiedenen Charaktere sowie deren Leben und Hintergründe in Erfahrung zu bringen.

Innerhalb Japans gehören Visual Novels zu den am meisten verkauften Spielen überhaupt (je nach Quelle > 70% Marktanteil) und sind Grundlage für unzählige Anime-Serien. Darunter sehr bekannte und auch im Westen äußerst beliebte Franchise wie Steins;Gate, Higurashi no Naku koro ni oder School Days. Viele von ihnen sind Eroge (Ableitung von „Erotic Geemu“), also Spiele, mit erotischem oder pornografischen Inhalt.

Der Großteil der Spiele wird in Japan von professionellen Unternehmen und Entwicklerstudios wie etwa Key, Saga Planets, Leaf oder YuzuSoft veröffentlicht und auch meist nur innerhalb Japans verkauft. Dem zu trotz bestehen viele Möglichkeiten auch als Nicht-Japaner in den Genuss von Visual Novels kommen (siehe Links und den Artikel „Import und Kauf„), denn ein nicht unerheblicher Teil wird durch westliche Unternehmen lokalisiert. Hinzu kommen etwaige Übersetzergruppen bestehend aus Fans, welche regelmäßig Teil- oder Vollpatches für bekannte Titel veröffentlichen, ähnlich den „Fansub“- oder „Scanlation“-Gruppen im Anime und Manga Bereich (siehe Übersetzungen).

Visual Novels, Sound Novels und andere

Der Begriff „Visual Novel“ findet seinen Ursprung in der „Visual Novel-Series“ des Entwicklerstudios Leaf. Diese Reihe von Spielen, welche in den 90er Jahren publiziert wurde, hatte in Ausgestaltung und Ausarbeitung einen derart großen Einfluss auf das Genre, dass sie innerhalb kürzester Zeit zu einer Bezeichnung des Genres selbst wurde. Die bis dato als „Adventuregames“ bzw. „Novelgames“ bekannten Spiele (zwei in Japan jedoch noch immer sehr geläufige Begriffe) wandelten sich in der Folge mehr und mehr von plumpen, storylosen Pornospielen hin zu Werken, die großen Wert auf Erzählung und Charaktertiefe legten und heute Grundlage für unzählige Anime und Manga sind.

Mit der Zeit entwickelten sich darüber hinaus gattungsähnliche Begriffe wie „Sound Novel“ und „Kinetic Novel“, deren Ursprung sich ebenfalls in den Spielreihen und Markennamen diverser Entwicklerstudios finden lässt. Sound Novel und Kinetic Novel bilden heute eine Art ‚Subgenre‘ der Visual Novels (bzw. Adventuregames, Novelgames) mit ihren besonderen, ganz spezifischen Eigenheiten, die sie von den üblichen Spielen dieses Genres abhebt: So sehen sich Sound Novels in erster Linie als Horror-Games – ganz „in der Tradition“ der Sound Novel-Series des Entwickelrs Chunsoft (so etwa Higurashi no Naku koro ni). Kinetic Novels hingegen als liniere, interaktionslose, kurze Spiele, ähnlich der gleichnamigen Spielreihe des Publishers VisualArts.

Wie man an dieser Stelle bereits erahnen kann, verfügt das Visual Novel-Genre über eine umfangreiche Menge an Begriffen, die häufig sehr verwoben miteinander sind, was gerne zu Verwirrung führen kann. Gerade für Einsteiger ist es da nicht immer einfach, die Übersicht zu behalten. Insofern kann nur immer wieder auf unser Glossar verwiesen werden, in dem alle wichtigen und relevanten Begriffe übersichtlich und ausführlich dargelegt werden.

Zu den Visual Novels gehören auch die Eroge, die sich auch speziell in Japan großer Popularität erfreuen können. Der Fokus dieser Spiele liegt auf den zwischen der Story eingebetteten Sexszenen, auch H-Szenen genannt. H steht für (Ecchi) gelesen wie das Englische H mit Betonung auf dem Doppelkonsonanten c. Da es sich bei diesem Material mehr als oft um 18+ Spiele handelt, und wir diese auf dieser Seite auch frei thematisieren wollen, bleibt uns nichts anderes übrig als eine NSFW (Not Safe For Work) Warnung auszusprechen. Außerdem ziehen mit dem Spielgenre einige Klischees und Fehlinterpretationen mit, die wir hier schleunigst aufklären wollen.

1. Eroge sind nicht pauschal Cartoon-Porno.

Es gibt eine Menge Spiele, die einfach unter den Teppich gekehrt werden, da bekannt ist, dass sie Sexszenen beinhalten. Von vornherein wird ihnen dadurch das Stigma „Pornospiel“ aufgedrückt. Dies ist in einigen Fällen zutreffend (z.B bei den sogenannten Nuki-Games), aber das muss es nicht. Nein, viele Visual Novels und auch Eroge trumpfen durch fesselnde Stories und Inhalte sowie Gameplay auf und beschränken ihren Ero-Content auf das Mindeste. Manche Spiele geben einem sogar die Möglichkeit, die H-Scenen per Knopfdruck zu überspringen. Die Fehlinterpretation stammt aus einer Kombination mehrere verschiedener Faktoren. Ein großer Grund besteht darin, dass die wirklich langen und storybasierten Spiele nur in ihrer Originalsprache zugängig sind, meist Japanisch. Aus diesem Grund gibt es eine unwissende Gruppe an Spielern, die einfach nur zu den H-Szenen und H-Custom Graphics hinspult. Dies ist natürlich schade, da jeglicher Lernprozess der Sprache damit negiert wird und nach etwas gesucht wird, das keine Erklärung oder tiefgehende Story braucht: Porn. Außerdem bringen Publisher oft nur die Spiele, die am simpelsten zu verstehen sind zur Lokalisierung. Dies sind oft H-Basierte Spiele, da diese für den Spieler einfacher zu konsumieren sind.

2. Eroge und Dating-Sims unterscheiden sich grundlegend.

Dating Sim, auch Love-Simulation Games genannt sind eine sehr populäre Sache gewesen, bevor die Visual Novels und Eroge den Markt bereichern konnten. Beispiele für solche sind Tokimeki Memorial 2, Love Hina Dating Sim, Dream Daddy, Ikemen Sengoku: Romances across Time und noch viele mehr. In diesen Spielen geht es darum, nebst vielen repetitiven Aufgaben wie Lernen, Teilzeitjobben und natürlich Daten seine Statuswerte und seinen Ruf bei den verschiedenen Charakteren zu erhöhen, um sie dann nacheinander dem Protagonisten näherkommen zu lassen. Dies resultiert dann darin, dass man die persönlichen Endings der Charaktere freischalten kann, was dann das Ziel des Spiels darstellt. Seit das Genre der „Nakige“ hinzugekommen ist, gibt es auch Spiele, die sich trotz dem klassischen Datingsim-Spiel mehr auf eine packende Story konzentrieren. Das Ziel hier ist es, die richtigen kritischen Entscheidungen zu treffen und sogenannte Flags zu setzen. Datingsims haben sich eher in Richtung ADV-Games gewandelt. Ein Beispiel für Spiele, die klassische Dating-Sim Elemente mit packendem Gameplay und RPG verbinden wäre da wohl die Persona/Shin Megami Tensei Serie.

3. Warum sollte man Visual Novels und Eroge spielen? Was macht sie interessant?

Jedermann genießt ein gutes Buch, doch haben viele Menschen einfach nicht mehr die Motivation so wirklich zu lesen. Bei einer Visual Novel ist das ganze immersiver, ein wenig leichter nachzuvollziehen und dazu mit schönen Stimmen, brillanten Artworks und passender Musik untermalt. Die Charaktere sollen zum Leben erwachen, wobei das Voicing sehr hilft. Außerdem kann durch das Zusammenspiel aus Bild, Ton und Geschichte eine ganz andere Wahrnehmung erzeugt werden. Eine emotionale Szene kann zu Tränenausbrüchen führen oder man kann den brutalen Tod eines Charakters nachvollziehen und sich ekeln. Egal, was den Leser anregt und interessiert: Es gibt wahrscheinlich eine passende Visual Novel dazu. Außerdem kann man sich dadurch,  die Gesichtsausdrücke, Reaktionen und Änderungen während die Szene voranschreitet beobachten, was zu einem noch immersiveren Erlebnis führen kann als das es ein Buch bieten könnte. Kurzum: Visual Novel sind Bücher auf Steroiden.
Man kann sich auch, je nach Spieltyp, in die Geschichte selbst hineinfühlen (self-inserting). Diese Praktik ist vielleicht nicht die gängigste, aber kann in manchen Spielen schon zu einer neuen Facette des Erlebens führen.

Wie fange ich an zu Spielen? Wie komme ich an die Spiele?

Visual Novels gibt es schon auf dem japanischen Markt seit mehreren Jahrzehnten und aus diesem Grund erfreuen sie sich drüben auch großer Beliebtheit. Dies heißt auch, dass viele Spiele, die nur dort vertrieben werden nur schwer auf unserer Seite der Erdkugel zu bekommen sind. Es gibt keinen wirklichen Markt bisher, vor allem nicht in Deutschland und dies ist einer der Gründe für die Existenz dieser Seite. Um davon mal abgesehen nicht gleich alle Hoffnung im Keim zu ersticken nennen wir euch hier ein paar Möglichkeiten, wie man an diese Titel kommen kann ohne sich dem Piratenleben zu verschreiben. Bei Visual Novesl und zu kleinen Teilen auch bei Eroge gibt es seit den letzten Jahren immer kleine heraussprießende Märkte auf denen sich diese Spiele, meist lokalisiert und übersetzt, erlangen lassen nachdem die Publisher, die meist amerikanischer Herkunft sind, die Lizenzen für die Spiele gekauft haben. Das führt jedoch dazu, dass der Markt für wirklich ausgiebig lange Eroge so untersättigt ist, dass man meist gezwungen wird zu importieren.

Visual Novels in ihren All-Ages Versionen und/oder leicht abgespeckten Versionen werden in großem Maße auf Onlinemarktplattformen wie Steam, GoG, Humble Bundle, itch.io, Fakku, PSN-Store oder dem Google Play Store vertrieben. Auf Steam sind sie am zugängigsten. Natürlich kann man sich auch die Spiele von den respektiven Publisherseiten kaufen. Für Eroge ist es etwas anders. Erogeverkäufe in physischer Form sind nur auf Japan beschränkt, aus diesem Grund muss man ein bisschen suchen und auch dem Japanischen zumindest etwas mächtig sein um sie sich von dort zu bestellen. Man kann z.b über Middleman-Firmen wie Tenso oder Treasure Japan importieren, aber es sei gesagt, dass Visual Novels auf diese Weise schon gut was kosten können, da der Markt in Japan nicht wirklich floriert momentan und somit die Preise recht hoch liegen. Weiterhin gibt es eher bei uns im Westen etablierte Start-up Firmen wie MangaGamer, Sekaiproject, Denpasoft und JAST USA. Außerdem kursieren im Internet einige Fanübersetzungen, die meist an die Qualität der Publisher heranreichen, oder sie sogar übertreffen (aber befindet man sich hier in einer Grauzone oder Illegalität, da einige Developer nicht wollen, dass ihre Spiele über nicht-offizielle Patches für westliche Spieler zugänglich gemacht werden).

Stellungsnahme zum Thema Piraterie:

Wir mögen euch ans Herz legen, dass ihr die Industrie unterstützt, da diese Spiele oft von Indie/Doujin-Developerstudios gemacht werden, die das Geld, das durch die Verkäufe hereinkommt, auch wirklich gebrauchen können. Außerdem beflügelt das den Markt und bringt Japan vielleicht dazu sich noch mehr an die westlichen Publisher zu wenden und die Nische, die Visual Novels momentan noch annehmen, ein wenig mit spielenswertem Content zu befüllen. Dies ist aber nur eine Richtlinie: Jeder soll tun was er selbst für richtig hält. Wenn man sich über Visual Novels und Eroge informieren möchte bevor man wirklich Geld dafür ausgeben möchte, dann legen wir euch natürlich unsere Website vorrangig ans Herz, aber auch in der Linkliste lassen sich so einige wichtige Websites finden, um sich über das Genre zu informieren. Doch sind diese Quellen meist in englischer Sprache geschrieben.