Steins;Gate Elite: Die Visual Novel für den Neueinsteiger

Ich fing erst vor sieben Monaten damit an, Visual Novels zu lesen. Davor fehlte mir einfach die Motivation mich mit Videospielen zu befassen, die in meinen Augen sehr wenig „Aktives“ boten – ein Mindset wofür ich mich bis heute schäme. Der heilige Amazon-Algorithmus machte mir aber eines Tages ein Angebot für die Ps4-Version von Steins;Gate Elite und das zu einem sehr günstigen Preis. Ich hatte zu der Zeit keine Spiele, die mir wirklich gefielen und wegen des Lockdowns gabs sowieso nicht viel zu tun. Weshalb ich nach einer schnellen Beratungsrunde von meinem Kollegen Nitro, mich dazu entschied die 12 Euro ins Spiel zu investieren – eine Entscheidung, die ich bis heute in keiner Weise bereue.

Was ist Steins;Gate Elite?

Steins;Gate Elite ist eine Visual Novel, die 2018 in Japan erschien und darauf folgend 2019 weltweit durch SpikeChunsoft. Die VN basiert auf dem originalen Steins;Gate, das 2009 in Japan rauskam und damals den zweiten Ableger im – damals neuen – „ScienceAdventure-Franchise“ abbildete, nach ChäoS;HEAd NoAH. Wie das „Elite“ jedoch zu implizieren scheint, handelt es sich bei Steins;Gate Elite nicht um eine Definitive Edition, mit neuen Routen und Plotpunkten, wie es ChäoS;HEAd NoAH war, sondern es ist eher ein Remake des Originals.

Denn statt einer statischen Präsentation, die man von vielen VNs gewohnt ist, präsentiert sich Steins;Gate Elite mit komplett animierten Szenen, die aus der 2011 erschienenen Anime-Adaption von Studio White Fox entsprangen und mit neuen Animationen ergänzt wurden. Bevor ich aber fortfahre, will ich nur sagen, dass ich nicht auf den Plot von Steins;Gate Elite eingehe, sondern nur seine Features beleuchte.

Die Unterschiede zum Original

Zuallererst das Offensichtliche: Dadurch, dass Elite den Anime als Grundlage nutzt, ging der sehr einzigartige Artstyle des Künstlers Huke verloren, der für die originale VN das Artwork erschuf. Das soll aber nicht heißen, dass Elite schlecht aussieht. Der Anime hat schon auf seine eigene Art die Atmosphäre des Originals auffangen können und sieht auch nach zehn Jahren immer noch wunderschön aus. Ein großer Vorteil den Elite hat durch diese Animationen hat, ist, dass viel weniger Lesezeit damit aufgewendet wird, die Umgebung und die Bewegungen der Charaktere ins Detail zu beschreiben, weil der Leser/Zuschauer alles schon visuell erkennen kann. (Show-don’t-tell-Prinzip)

Die Entscheidung aber den Anime als Vorlage zu nutzen, ging auf Kosten mancher Abschnitte der Geschichte. Beispielsweise, ist ein gutes Stück von Kapitel 7, inklusive ein Nebencharakter nicht mehr vorhanden und weitere Kleinigkeiten, die eher Fillercontent zuzuordnen sind, wurden entfernt. Dies geschah wahrscheinlich, weil der originale Anime schon auf diese Elemente verzichtete, um die Geschichte innerhalb von 24 Folgen erzählen zu können und man wollte wahrscheinlich für die VN nicht zu viel neu animieren. Etwas, das aber mir auffiel, war, dass manche interne Monologe des Hauptprotagonisten Okabe Rintaro, die einen rauen Ton hatten, gestrichen wurden oder nur in abgeänderter Form zu lesen sind. Hinzu kommt noch, dass man in Elite als Leser eher das Gefühl hat, ein Beobachter der Handlung zu sein anstatt alles direkt aus der Sicht des Protagonisten zu erleben – wie es in den meisten VNs der Fall ist. Dies führt dazu, dass man sich vielleicht etwas weniger in die Lage der Protagonisten versetzen kann. Dieses Übel ist aber zu erwarten, weil der Anime nie mit dem Gedanken konzipiert wurde, als eine VN gelesen zu werden. Einige Quality-of-Life-Verbesserungen stehen in Elite auch an der Tagesordnung. So wurde die Interaktion mit Okabes Klapphandy, das für Entscheidungen genutzt wird, auf das Notwendigste reduziert und ist nun nur an festgelegten Punkten nutzbar. Auch bekam das gesamte User-Interface ein komplettes Facelifting, damit die Navigation in den Menüs etwas einfacher von der Hand geht.

Der beste Einstieg ins Genre

Wie ihr vielleicht merkt, ist Elite durch seine vielen Änderungen im Bereich der Narrative, nicht eine VN für Langzeitsanhänger des Mediums oder SciAdv-Leser gedacht, sondern für den Neueinsteiger. Denn müssen wir zugeben, viele Visual Novels sind nicht sonderlich dynamisch in ihrer Präsentation und leiden oft darunter, dass Neulinge von ihren riesigen, umständlichen Flowcharts abgeschreckt werden. Deshalb brauchte ich damals einfach ein Werk, das mich ins Genre hineinführt und die genannten „Defizite“ umgeht. Steins;Gate Elite erfüllte diese Kriterien. Einerseits haben die Animationen des Anime auf eine sehr primitive Art und Weise dazu beigetragen, die Handlung des Originals mir interessant darzustellen, wodurch ich mich sehr gut aufs Geschehen konzentrieren konnte, während das vereinfachte Entscheidungssystem in Kombination mit den eher simplen Bedingungen, um die verschiedenen Routen zu aktivieren, dafür gesorgt haben, dass ich damals die VN abschloss ohne dabei irgendwie gefrustet zu sein.

Wegen dieser echt guten Einführung, die Elite ins Medium bot, wurde mir zum ersten Mal die Schönheit von Visual Novels klar und konnte dieses, für mich neue, Medium wirklich wertschätzen. Am Wichtigsten war wahrscheinlich der angepasste Text, der viel dazu beitrug, dass mein einst lesefaules Ich viel einfacher die Story genießen konnte, zum Beispiel, ich bekam nie das Gefühl, dass zuviel um den heißen Brei geredet wurde oder das man versuchte mir jede kleinste Begrifflichkeit ins Unendliche zu erklären (Chaos;Child hätte sowas echt gebraucht …). Klar, man könnte nun damit gegenargumentieren, dass der Neueinsteiger durch eine Visual Novel „Lite“ wie S;G Elite andere Titel, die nicht ein ein ähnliches Leseerlebnis bieten als ein Downgrade ansehe und es deswegen nur bei Elite belassen würde. Dies stimmt auch zu einem gewissen Grad, die Publisher haben für diesen Fall aber gewissermaßen vorgesorgt mit Steins;Gate Linear Bounded Phenogram

Linear Bounded Phenogram

Steins;Gate Linear Bounded Phenogram (oder auch LBP). LBP ist ein Spin-Off, das 2013 in Japan erschien und bei der westlichen Fassung von Elite als Bonusinhalt beiliegt. Es baut in der Präsentation auf dem originalen Steins;Gate auf und hat die Besonderheit, dass man statt einer großen, zusammenhängenden Geschichte, zehn Side-Storys, die aus den Perspektiven der verschiedenen Charakteren der Steins;Gate-Reihe erzählen, miterlebt.

Dabei sind die Geschichten nicht zwingend notwendig, um Steins;Gate und Steins;Gate 0 zu verstehen, sie dienen eher dazu den einzelnen Charakteren mehr Tiefe zu verleihen und gewisse Plotpunkte weiter auszuarbeiten. Wegen dieser Struktur sind zwar die einzelnen Handlungen deutlich kürzer, verglichen mit anderen VNs, dafür haben sie den Vorteil, wie Elite, sehr schnell im Pacing zu sein, was zu einer Leseerfahrung führt, die man als sehr angenehm beschreiben kann. Die Geschichten konzentrieren sich deswegen nur auf den Kern und versuchen nicht einmal irgendetwas zu strecken. Auch gibt es dem Leser die Chance, sich mit dem Erscheinungsbild von einer spritebasierten VN vertraut zu machen. Hierdurch ist LBP für Neulinge ein sehr guter Übergang von einer Full-Motion-Novel wie Elite, hin zu einem traditionellen Vertreter des Mediums. Der Leser könnte LBP praktisch als einen Startpunkt dafür ansehen, sich mit dem restlichen SciAdv-Franchise zu befassen, was bei jemandem wie mir einen Schneeballeffekt auslöste, bei dem ich nach LBP mit Steins;Gate 0 anfing, dann Chaos;Head und nun Chaos;Child folgten.

Wäre eine „aktivere“ VN nicht angebrachter?

Es gibt aber verständlicherweise einen Anteil der Community, der denkt, dass man Neueinsteiger zuerst mit gameplayzentrischen VNs im Kontakt bringen sollte, beispielsweise mit der Ace- Attorney-Reihe, wo ihr interaktiv in den verschiedensten Mordfällen versucht die Unschuld eures Klienten zu beweisen, indem ihr den Tatort analysiert, mit Zeugen redet und Beweise nutzt, um euren Standpunkt im Gericht zu verdeutlichen.

Für mich ist sowas aber der falsche Ansatz. Denn würde der Neueinsteiger nicht das Gefühl haben, dass, nachdem sie ein Ace Attorney spielten, Titel wie ein Higurashi, die den kompletten Fokus auf die Story setzen, ein Downgrade darstellen? Natürlich will ich damit gameplaylastige VNs in keiner Weise als „schlechter“ darstellen, verglichen mit inaktiveren VNs, aber diese Vertreter des Mediums sind schon außerhalb der Community sehr bekannt und der Standard-Gamer kommt wahrscheinlich so oder so mit diesen Titeln irgendwie in Kontakt. Ich frage mich dabei auch, ob man dem Einsteiger wirklich verschweigen muss, dass viele VNs nicht zu den interaktivsten Spielen gehören, die es gibt. Es gibt den Eindruck ab, als würde man meinen, dass jedes Videospiel unter der verdammten Sonne irgendeinen Anschein von Interaktivität haben muss. Walking Simulators (Stanley Parable oder What Remains of Edith Finch, etc.) sind doch auch hier bei uns im Westen beliebt, also warum dann auch nicht die passiven Ableger des VN-Spektrums? Ein Steins;Gate Elite hingegen, ist, wie ich es schon erwähnt habe, eine relativ traditionelle VN, die man aber für Neueinsteiger optimierte, um einen Einstieg ins Genre so einfach wie möglich zu machen.

Autor: Caps

Hi, ich bin Caps. Ich bin eher durch Zufall auf Visual Novels gestoßen. Eigentlich wollte ich einen Roman bestellen, jedoch empfahl mir der Amazon Algorithmus Steins;Gate Elite und nach ein paar hundert Stunden, in mehreren verschiedenen SciADV-Ablegern, kann ich mich als Fan des Mediums betiteln. In naher Zukunft will ich auch andere Werke außerhalb des SciADV-Spektrums lesen. El Psy Con....Kongroo!!