Song of Saya Review

Anmerkung: dieses Review enthält Spoiler für den Anfang der Visual Novel, außerdem werden die zentralen Themen besprochen. Es werden keine relevanten Wendungen außerhalb des Anfangs vorweggenommen.

Die Hölle im Kopf

Die Fleischmonster, immer nur in unmöglich zu durchschauenden Teilaufnahmen zu sehen, gurgeln und röcheln. Ihr Klang ist verzerrt, unnatürlich und doch erkennt man eine menschliche Sprachmelodie. Ihr Dialogtext, fast schon gnädig über das ekelerregende Bild gelegt, besteht nur aus zufälligen Zeichenketten. Lediglich die Beschreibungen des Erzählers sind auszumachen. Die Monster sind gelb, von Adern durchzogen und nur selten erkennt man ein Auge oder einen Arm. Im Hintergrund läuft schleppender Industrial Metal. Man ist froh, wenn die Szene auf die Umgebung umschwenkt, weg von den Monstern. Jedenfalls bis man sieht, dass der Raum ebenfalls nur aus Fleisch und Gedärmen besteht…

Song of Saya“ (auch als „Saya no Uta“ bekannt) ist eine vom Industrieveteranen Gen Urobuchi („Madoka Magica„, „Fate/Zero„) geschriebene Visual Novel, die ursprünglich 2003 erschien und am 12.08.2019 von Jast USA in einer neuen HD-Version auf Steam in Englisch herausgegeben wurde.

Urobuchi macht es dem Leser nicht einfach. Ich gebe zu: ich habe bei diesen widerlichen Bildern und Tönen das Programm gleich wieder beendet. Nur mit viel Überwindung konnte ich mich doch durch die erste Szene quälen. Dafür wurde ich belohnt: Song of Saya ist so viel mehr als nur Horror mit Schockeffekten. Tatsächlich verbirgt sich hinter der blutigen Oberfläche eine anspruchsvolle Diskussion über das Verhältnis zwischen Individuum und Gesellschaft sowie die vermutlich romantischste Liebesgeschichte des Genres.

Protagonist der Geschichte ist der junge Tokioter Medizinstudent Fuminori Sakisaka. Ein schwerer Autounfall tötet seine Eltern und beinahe auch ihn. Nur durch eine langwierige Gehirnoperation kann sein Leben gerettet werden. Es kommt jedoch zu einer fatalen Nebenwirkung: Fuminoris Wahrnehmung ist nach dem Erwachen komplett verzerrt. Aus seiner Sicht sind die Wände des Krankenzimmers vollständig mit verfaulenden Gedärmen bedeckt. Die Bettdecke besteht aus pulsierenden Würmern. Die Ärzte und Krankenschwestern erscheinen Fuminori als groteske Bestien, eiternd und kreischend. Nur Fuminoris Intelligenz und Rationalität bewahren ihn vor einem völligen Nervenzusammenbruch, denn er erkennt schnell, dass diese Hölle nur in seinem Kopf existiert. Um eine Einweisung in ein Irrenhaus zu verhindern, tut er so, als wäre er auf dem Wege der Besserung. Fuminori lernt, die schrillen Töne der Bestien zu verstehen. Die Fleischmonster vom Anfang sind tatsächlich seine drei Freunde von der Universität, der Raum voller Eingeweide ist nur eine Cafeteria.

Die ersten Szenen der Visual Novel springen chronologisch hin und her, die Erkenntnisse sickern nur langsam ein. Der Leser wird ähnlich verwirrt, wie es Fuminori sein musste. Erst durch die Wiederholung der Szene aus der Sicht der Freunde, die die Welt normal wahrnehmen, erkennen wir die Umstände, in denen sich Fuminori befindet. „Song of Saya“ ist hauptsächlich aus der Perspektive von Fuminori geschrieben und behält diesen Kontrast zwischen seiner gestörter Sicht und der Wirklichkeit durchgängig bei. Nie kann sich der Leser sicher sein, ob das Beschriebene der Realität entspricht oder nur ein Wahrnehmungsfehler ist. So folgen wir Fuminori durch die Hölle aus Fleisch und Eiter, sympathisieren mit dem gequälten Protagonisten und zweifeln doch ständig an seinen Gedanken. Dieses Wechselspiel aus Empathie und kritischer Distanz ist „Song of Sayas“ größte strukturelle Stärke, die der Visual Novel einen einzigartigen Charakter verleiht und von der ersten bis zur letzten Zeile Spannung erzeugt.

Nur zu zweit

Eines Nachts erwacht Fuminori im Krankenhaus. Neben ihm steht ein junges Mädchen in einem weißen Kleid. Nach Monaten der Einsamkeit in der Fleischhölle sieht er zum ersten Mal wieder einen Menschen. Ihr Name ist Saya und sie sucht ihren vermissten Vater. Die beiden beschließen, einander zu helfen und ziehen in Fuminoris Haus. Nach der allumfassenden Verzweiflung gibt es nun wieder einen Schimmer Hoffnung.

Das entstehende Liebesverhältnis dominiert den weiteren Verlauf der Handlung. Fuminori, weiterhin durch seine Wahrnehmungsstörung gequält, findet Halt in einer Liebe, die gleichermaßen verzweifelt, abhängig, liebevoll und befreiend ist. Um der gelb-roten Fleischhölle zu entkommen, bemalen die beiden die Räume des Hauses vollständig mit blau-grüner Farbe. Blau-grün, wie Sayas Haare, wie ihre Augen. Im Haus wandelt sich die Hintergrundmusik. Statt der verzerrten, dreckigen Gitarren der Außenwelt hören wir nun sphärische, träumerische Klänge. Saya kocht Essen, die Rezepte schnappt sie aus Kochsendungen auf, aber alles schmeckt nach verrottetem Aas. Die Fensterläden des Hauses bleiben immer verschlossen, beide isolieren sich vollständig von der Welt vor der Tür und doch ist ihre Beziehung erfüllend. Diese extremen Kontraste bestimmen den Text und fordern den Leser immer wieder heraus, sich mit den Konflikten außeinanderzusetzen.

Saya wird schnell zu Fuminoris alleinigem Lebensinhalt. Nach den Vorlesungen an der Uni geht er direkt zurück zu seinem Haus. Seine alten Freunde, die „Bestien“, schneidet er vollständig aus seinem Leben, ohne Rücksicht darauf, dass sie sich um ihn sorgen. Der Vorgarten des Hauses verwildert, die Nachbarn beschweren sich. Nichts davon ist für Fuminori wichtig, nur Saya, das Letzte, was ihm im Leben bleibt. Bis zu diesem Punkt ist „Song of Saya“ eine eindringliche und beeindruckende Liebesgeschichte zweier Ausgestoßener, die nur noch einander haben.
Als Leser kommen wir jedoch schleichend zu der Erkenntnis, dass Saya nicht das junge Mädchen sein kann, das Fuminori sieht. Saya verschwindet nachts spurlos, tötet kleine Tiere und entwickelt eine unnatürliche Faszination für Sperma. Wenn die kreischenden Monster in Wirklichkeit Menschen sind, was ist dann der einzige sichtbare Mensch?

Bis zum Schluss

Entgegen der Genrekonventionen ist sich Fuminori dessen bewusst, er ergibt sich jedoch vollständig seinem Schicksal. Die Gesellschaft, seine alten Freunde, seine Ärztin, sie alle werden zur Gefahr für Saya und ihn, denn Fuminoris Isolation wird von der Gesellschaft nicht akzeptiert. Um seine Liebe, sein Leben, zu bewahren, legt er seine Menschlichkeit ab und beginnt einen kompromisslosen Feldzug gegen alles und jeden, was zwischen ihn und seine Saya kommen könnte. Im weiteren Verlauf der Geschichte wird Fuminori so zum Mörder und zum Kannibalen, jedoch nicht aus Bösartigkeit, sondern als Folge seiner allumfassenden Hinwendung zur einzigen Person, die ihm in dieser grausamen Welt etwas bedeutet.

Gen Urobuchi gelingt es dabei meisterhaft, dem Leser trotz der heftigten Thematik kein moralisches Urteil vorzugeben. Ob Fuminori durch seine Liebe zu Saya und der daraus erwachsenden Verbrechen verdammt oder errettet wird, muss der Leser selbst entscheiden. Auf klar vorgegebene „Schurken“ und „Helden“ wartet man zum Glück vergeblich. Auf dem Weg zum Finale wechselt dafür im weiteren Verlauf häufiger die Perspektive zwischen Fuminori und einem seiner alten Freunde, der dem Paar feindlich gesinnt ist. Ständig ist man zwischen Sym- und Antipathie für alle Charaktere hin- und hergerissen. Der Plot dreht sich um Sayas wahre Natur und der von ihr ausgehenden Gefahr. Das Paar und ihre Feinde steuern auf einen Kampf zu, in dem es um nicht weniger als das Schicksaal der Menschheit geht. Urobuchi bedient sich hier bei der Horrorlegende H. P. Lovecraft („Der Cthulhu-Mythos“), man darf jedoch nicht in die Falle tappen und „Song of Saya“ als Gruselgeschichte mit Monstern lesen. Im Kern geht es immer um starke Gefühle und dem Spannungsverhältnis zwischen der Gesellschaft und dem Individuum.

Song of Saya“ bietet drei unterschiedliche Enden. Bei Visual Novels unterscheidet man üblicherweise zwischen „guten“ und „schlechten“ Enden. Diese Unterscheidung ist hier unmöglich. Alle Enden können je nach eigener Sichtweise gut oder schlecht sein und alle sind dabei wie die VN im Ganzen: bedrückend, extremistisch und herausfordernd. Das ist ein guter Maßstab für die Qualität einer Visual Novel und „Saya“ zieht hier alle Register. Mit fünf Stunden ist die Lesezeit dabei vergleichsweise kurz, aber das hervorragende Writing kommt so besser zur Geltung und es können erst gar keine Längen entstehen. Man steht als Leser durchgängig unter Spannung.

Eine zusätzliche positive Erwähnung verdient zudem der Soundtrack: alle Lieder der Hintergrundmusik bestehen entweder aus schmutzigem Industrial Metal oder aus ruhigen, himmlischen Klängen. Auch hier findet man wieder das Spiel mit starken Kontrasten. Zwei von Nitroplus-Haussängerin Kanako Itō gesungene Lieder sind ebenfalls dabei und überzeugen auf ganzer Linie.

Fazit

Fuminoris Reise durch einen nie endenden Alptraum und seine Beziehung zu Saya bilden einen literarischen Höhepunkt, selbst unter anderen großartigen Visual Novels. Der ständige Kontrast zwischen Hoffnung und Verzweiflung und Fuminoris Bereitschaft, seinen letzten Grund zum Leben bis zum Äußersten zu verteidigen, können niemanden unberührt lassen. Gen Urobuchi lässt die Grenzen zwischen Opfern und Tätern gekonnt verschwimmen und zwingt den Leser, seine Meinung zum Geschehen selbst zu bilden und ständig anzupassen. „Song of Saya“ bietet durch seine Kompromislosigkeit und Konsequenz eine verstörend-faszinierende Diskussion über Einsamkeit, Isolation von der Gesellschaft und das Allerwichtigste: allumfassende, lebensrettende Liebe.

Dafür gibt es eine uneingeschränkte Empfehlung.

Post Author: Cross

Mittlerweile nur noch ein Gast in der Welt der Visual Novels, aber alte Liebe rostet nicht.