Review: Six Days of Snow – Ewig währt der Schnee nicht

白い雪に埋もれ人知れずそっと咲く花

微かな光 顔を上げて 

静かに忘れられたい

Unter dem Schnee blüht leis ein Blümchen, ohne dass jemand davon weiß;

Durch leuchtet ein zartes Licht — ich erhebe meine Augen;

Doch will ich letztendlich im Stillen vergessen werden.

„Yuki ni Saku Hana“ aus Shinsekai Yori

Ich habe eigentlich nur noch den Manga gelesen. Es bleibt mir jedoch nichts mehr in der Erinnerung außer Oppais (orz)

Im Gegensatz zu diesem Liedtext will aber die Blume in Six Days of Snow nicht vergessen werden, sondern für immer in Erinnerung bleiben …

Ich kann mir vorstellen, dass der Leser an dieser Stelle schon vor Fremdscham zusammengezuckt ist. Auch ich finde die Metapher „Blume = Mägdelein“ schrecklich klischeehaft, aber ich konnte nichts dafür. Dieses Lied kam mir sofort in den Sinn, nachdem ich Six Days of Snow zu Ende gelesen hatte. Die Heldin Reiko, wie man sie auf dem Beitragsbild sehen kann, ist ja ein bildhübsches Mädchen, welches tief in den verschneiten Bergen lebt.

Ich kann mir aber auch vorstellen, dass der Erzähler Eiji, ein berufstätiger Schriftsteller, auch etwas Ähnliches in einem seiner Reiko gewidmeten Gedichte schreibt, vielleicht eine oder zwei unpassende Metaphern. Es ist nicht leicht, beim Schreiben die richtigen Worte zu finden. Und doch gibt es noch eine Menge zu verrichten: Grober Entwurf skizzieren, schlechte Sätze streichen, ganze Abschnitte umschreiben … All das habe ich für diesen Artikel machen müssen. Der Prozess des Schreibens kann ganz schön anstrengend sein. Das ist einer der Gründe, warum Six Days of Snow mit mir resoniert.

Doch bevor wir uns näher mit der Geschichte befassen, gucken wir uns erstmals das Produkt und seine Schöpfer an.

Profil

Six Days of Snow wurde ursprünglich 2017 auf Itch.io und Steam veröffentlicht. Heute ist das Spiel immer noch auf diesen Plattformen als kostenloser Download verfügbar. Neulich hat es sogar eine Übersetzung ins Chinesische erhalten, welche seit dem 17. August 2022 verfügbar ist.

Screenshot von Sweetest Monster, auch ein Werk Ebi-himes. Dies ist das einzig anderes Werk von ihr, welches ich bereits gelesen habe. Man kann thematische Ähnlichkeiten zwischen diesem Spiel und Six Days of Snow erkennen.

Das Spielkonzept und das Szenario stammen von dem britischen Indie-Entwickler Ebi-hime. Bis dato hat sie 31 Titel auf itch.io gelistet. Von manchen ihrer Werke haben wir bereits vorher berichtet. Ihr neuestes Werk All Ashes and Illusions ist vor Kurzem, am 3. August 2022, veröffentlicht worden (Itch.io, Steam). Es erzählt die Geschichte eines jungen Prinzen eines orientalischen Königreichs, der von seinem Kindermädchen besessen ist.

Ashes ist sogar auf Deutsch verfügbar.

Die Charakter-Sprites und CGs wurden von Nuei erstellt. Normalerweise bevorzuge ich den stereotypen Anime-Stil, aber in diesem Fall passt Nueis semi-realistischer Stil perfekt zu der düsteren Geschichte von Six Days of Snow. Sie scheint vom Internet verschwunden zu sein, da ihre gesamte Social-Media-Präsenz gelöscht ist. Ihr letzter Beitrag auf DeviantArt ist auf den 2. Mai 2020 datiert, seitdem ist von ihr nichts zu sehen.

2B (15.12.2018) von Nuei — Als ich ihre Illustration in Six Days of Snow sah, dachte ich sofort an Nier Automata.

Und jetzt kommen wir zurück zur Geschichte.

Allgemeines

Kurz zusammengefasst handelt Six Days of Snow von der Begegnung zwischen Eiji und Reiko, zwei Menschen mit weit entfernten Lebenshintergründen. Der eine ist ein beruflicher Schriftsteller mittleren Alters, mit Frau und zwei erwachsenen Kindern. Die andere ist ein Mädchen im Teenageralter, das im Gasthaus ihrer Mutter als Kellner arbeitet. Als sie sich im Laufe der Geschichte kennenlernen, ist dem Leser wohl klar, dass ihre Beziehung höchstwahrscheinlich ins Leere laufen wird. Aber trotzdem entwickeln sie Gefühle immer stärker füreinander. Schließlich gipfeln die sechs Tage Aufenthalt in einem Ereignis, welches Reikos und Eijis Leben immens verändert.

Schon in den ersten Minuten von Six Days of Snow wird deutlich, dass das Spiel recht gut gemacht ist. Sowohl die Grafik als auch der Text, weisen eine sehr hohe Qualität auf. Wenn man bedenkt, dass es sich hier um ein nicht kommerzielles Werk handelt, würde man normalerweise schlechte Standards erwarten. Aber nein, dieses Spiel kann sehr wohl mit kommerziellen Werken mithalten oder sie sogar übertreffen.

Vor allem gelingt es dem Autor, die Atmosphäre vom Japan des 20. Jahrhunderts einzufangen, oder besser gesagt, die einer Gesellschaft im Übergang vom Feudalismus zum Kapitalismus, was zufällig in diesem Fall Japan ist. In der Tat hätte die Geschichte von Eiji und Reiko genauso gut im wilhelminischen Deutschland spielen können, mit einem Herrn Blumenthal, der in einem Kurort irgendwo in Böhmen eine kleine Magdalena trifft. Selbst dann hätte sich der Grundtenor der Geschichte meiner Meinung nach nicht wesentlich geändert. Die Konflikte, mit denen die Figuren konfrontiert sind, sind nämlich einigermaßen universell für die Moderne.

Eiji ist ein kleinbürgerlicher Intellektueller (keine negative Konnotation beabsichtigt), der seine Arbeitskraft verkaufen muss, indem er Kulturwaren für den Massenkonsum produziert. Er fühlt sich entfremdet von seiner Arbeit, von seinen Kollegen und sogar von seiner Frau. Sein Leben in Tokio ist materiell komfortabel, aber es herrscht immer ein Gefühl der Unruhe, das an seinem Herzen nagt. Er fährt deshalb in den Gasthof, um sich vom Stress des Großstadtlebens zu erholen.

Reiko hat mit der Last der feudalen Gesellschaft zu kämpfen, die zunehmend in Konflikt mit der kapitalistischen Ordnung gerät. Die Besucher aus Großstädten wie Eiji bringt sie mit der Außenwelt in Kontakt. Wenn sie an andere Mädchen in ihrem Alter denkt, empfindet sie sowohl Neid als auch Sehnsucht. Auch sie möchte zur Schule gehen und Romanze mit ihrem Traumtyp erleben, aber sie ist an ihre alleinerziehende Mutter gekettet. Die zwei haben nämlich keine Familie, auf die sie sich verlassen können. Reiko würde deshalb nie von ihrer Mutter in die Freiheit gelassen.

Was mir persönlich gefallen hat

Wenn ich eine Sache herauspicken müsste, die mir an der Geschichte gefallen hat, dann wären das Eijis Erzählungen. Als jemand, der tagtäglich mit dem Schreiben zu tun hat, verrät er an vielen Stellen seine Ansichten über das literarische Schaffen und die Textkritik.

Eiji hat beispielsweise ein Ärgernis mit seinem erfolgreichsten und bekanntesten Gedicht mit dem Titel „Feuerwerk“. Es wurde erstmals vor etwa dreißig Jahren in einer Zeitung veröffentlicht, als er in seinen jungen Jahren die Karriere begann. Damals fand das Gedicht großen Anklang, und auch heute erfreut es sich noch großer Beliebtheit. Viele Menschen lieben das Gedicht, auch Reiko. Aber Eiji mag es selbst nicht besonders gerne. Das Gedicht entspreche seinen heutigen Ansprüchen nicht. Es ärgert ihn immer wieder, dass die Leute sofort an „Feuerwerk“ denken, wenn sie seinen Namen hören, während seine neueren, besseren Gedichte nur Beanstandung von Literaturkritikern ernten.

Zu hohe Ansprüche, die einem selbst das Leben schwerer als nötig machen sind mir nicht fremd. Als jemand, der hobbymäßig ab und zu über wenig bekannte japanische Powerpoint-Spiele schreibt, war es auf jeden Fall interessant, die Perspektive von jemandem zu hören, der in einem ähnlichen Bereich beruflich tätig ist, auch wenn er nur eine fiktive Figur war.

Schlussworte

Doch Eijis Klagen über die verflixten Literaturkritiker, die seine Arbeit nicht zu würdigen wissen, bilden nur einen kleinen Teil von Six Days of Snow. In diesem kurzen, kostenlosen Spiel (Spieldauer: etwa weniger als 3 Stunden) gibt es viel mehr zu entdecken, vor allem über die Heldin Reiko. Das sollte man aber besser selbst erleben, also holt euch das Spiel auf Itch.io oder Steam!

Autor: Hiromi

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Gomennasai, mein Name ist Hiromi. Ich bin 27-jähriger Kagikko (das heißt Key-Fan für euch Gaijin). Ich zeichne Animu und Mango auf meinem W〇c〇m One, und verbringe meinen Alltag indem ich meine Kunst vervollkommne und überlegene japanische Videospiele spiele (Lolige, Ryoujokuge und sonstige Art Nukige). Ich spiele VNs jeden Tag, diese überlegene Kunstform kann die Herzen von Menschen ganz tief erschüttern weil sie in dem Land der aufgehenden Sonne produziert wird und ist weitaus besser als jede andere Kunstform auf der Erde. Ich habe meine japanische Lesenserlaubnis vor 10 Jahren erworben, und ich werde mit jedem Tag besser. Wünscht mir viel Glück in Japan!