Review: Master Magistrate

Master Magistrate (bzw. „Ouka Sabaki“, wie es im japanischen Original heißt) ist eine Krimi-Visual Novel, die während der letzten Jahre der Edo-Zeit in Japan spielt.

Entwickelt wurde sie von dem Doujin-Studio Irodori, welches die VN 2017 in Japan herausgebracht hatte und dort auch schnell eine Fangemeinde fand.

Das verwundert nicht, denn Master Magistrate hebt sich deutlich von anderen, gewöhnlicheren Visual Novels auf dem Markt ab; das historische Setting, die qualitativ hochwertige audiovisuelle Inszenierung und vor allem das Gameplay, das an andere interaktive Mystery-Adventures wie die Ace Attorney-Serie erinnert, hinterließen bei den japanischen Spielern einen so großen Eindruck, dass Hobibox sich die Vertriebsrechte für den englischen und chinesischen Markt sicherte.

Die Vollversion von Master Magistrate ist angekommen!

Heute, am 12. Juni, verließ Master Magistrate den Early Access-Status und steht nun jedem als Vollversion zur Verfügung.

Im Vergleich zur Early Access-Version enthält die Vollversion Kapitel 4, welches das letzte Kapitel der Mainstory ist, fünf Heroinenrouten und einiges an Fanservice.

Nicht nur die 45 Hentai-Szenen, die man mit dem offiziellen H-Patch auf Irodoris Website in seine Steam-Version nachpatchen kann, sondern auch ein kleines Fanservice Omake-Kapitel sowie einige veränderte Momente während der Story, wie zum Beispiel dass die Heldinnen auf einmal vergessen haben, ihre Handtücher mit ins Bad zu nehmen.

Das Zusatzkapitel heißt wortwörtlich „Fanservice“.

Story

Protagonist von Master Magistrate ist Shimei Ooka, der neu ernannte Magistrat in Nakamachi.

Die Aufgabe eines Magistraten wird den Spieler nicht nur dazu führen Tatorte zu untersuchen und Beweismittel zu sammeln sondern auch die Gerichtsverhandlungen zu leiten.

Shimei ist der Sohn des Magistraten von Minamimachi, Tadashige Ooka, und wurde dazu gewählt, die neue Magistratur in Nakamachi zu leiten. Er zweifelt etwas, ob er in die großen Fußstapfen seines Vaters treten und ob er der Verantwortung über das Leben der Menschen richten zu können gerecht werden kann, doch dabei hilft ihm ein bunter Cast an verschiedensten Persönlichkeiten; unter anderem 5 Heroines, die nun in der Vollversion auch ihre eigene Route bekommen — meistens als Epilog zur Hauptstory.

Diese fünf Heldinnen sind:

Rimu   Die Kindheitsfreundin des Protagonisten. Außerdem ist sie auch eine sehr begabte Erfinderin. Trotz ihres Talents agiert sie aber innerhalb der Story als die naive Assistentin, ähnlich wie Maya in der Ace Attorney-Serie.
Sakura Toyama   Sie wurde beauftragt den neu ernannten Magistraten zu beobachten und beiseite zu stehen. Ihr Vater ist der Magistrat von Kitamachi — anders als die Magistraturen in Nakamachi oder Minamimachi steuert Sakuras Vater sein Schiff mit eiserner Disziplin. Und das färbte auch auf seine Tochter ab.
Shino Okita   Mitglied der Shinsengumi und eine talentierte Schwertkämpferin. Sie redet nur selten, hat aber einen scharfen Beobachtungssinn. Wird oft als Mann verwechselt.
Ayaka Yamanami   Vizekommandantin der Shinsengumi und Herbergsmutter der Magistratur. Sie hat einen Faible für hübsche Kleidung und sprüht soviel Weiblichkeit aus, dass man nicht vermuten würde, dass eine Shinsengumioffizierin hinter ihrer Fassade steckt.
Koume Kawai   Ein kleines, mysteriöses Mädchen, dass während des ersten Falls auf Shimei trifft und im Laufe der Handlung als seine Sekretärin eingestellt wird.

Die Charakterisierung ist besonders gelungen, gerade wenn man diese Visual Novel mit anderen aktuellen Charage vergleicht. Jeder Charakter verfügt über eine ausgearbeitete Persönlichkeit und Individualität und existiert nicht nur, um dem Protagonisten hinterherzujagen.

Das Gleiche kann auch über die Nebencharaktere gesagt werden. Jeder einzelne Charakter, auch ein weniger wichtiger, ist vertont (ja, auch die Männer) und das Charakterdesign ist detailliert und verrät bereits viel über die jeweilige Person und ihre Eigenheiten.

Würde ich niemals, bei so vielen starken Frauen in der Geschichte!

Bei so vielen Charakteren bedeutet das leider auch, dass die Artdesigns der weniger wichtigen Personen oft nicht an die Qualität der Hauptfiguren heranreichen können — verständlich, wenn man sich klar macht, dass es sich bei Master Magistrate immer noch um ein Doujin-Game handelt, egal wie ambitioniert es auch ist.

Das ist allerdings kein Problem. Persönlich fand ich sogar, dass es dem Spiel einen gewissen Charme gegeben hat. Lieber habe ich Dutzende von Charaktersprites, auch wenn sie nicht alle perfekt gelungen sind, als nur wenige der wichtigen Charaktere — gerade wenn es sich um ein Spiel handelt, dass von seinen Nebencharakteren lebt. Schließlich brauchen wir eine Vielzahl von Tätern, Opfern und Zeugen um den Gerichtsfällen richtig Leben einhauchen zu können.
Und auch wenn die Qualität des Artstyles manchmal zu wünschen übrig lässt, so ist das Charakterdesign trotzdem über jeglicher Kritik erhaben. Sei es die Kleidung, die Accessoirs, die die Charakere tragen, oder andere Details wie Mimik oder Gestik; alle Sprites fangen die Persönlichkeit und die Rolle der Person in der Story perfekt ein.

„Poor“ beschreibt wohl eher den Sprite des Mannes als den der Beauty.

Nicht gespart wurde, wie bereits erwähnt, bei der Vertonung. Jeder Charakter, sei er noch so unwichtig, wird durch professionelle, japanische Synchronstimmen zum Leben erweckt. Dabei kann der Anime- oder Visual Novel-Veteran sicherlich einige bekannte Stimmen heraushören. Besonders positiv fand ich, dass die Heroines sehr natürlich gesprochen wurden. In letzter Zeit kommt es häufig vor, dass Heroines in Eroge ähnlich vertont werden um bestimmten Stereotypen gerecht zu werden, die der Spieler erwartet. Das konnte ich hier nicht feststellen. Wie schon bei der Charakterisierung der Heldinnen, so sprühen auch die Stimmen vor Individualität und Persönlichkeit.

Selbst Nebencharaktere bekommen durch eine professionelle Seiyuu Leben eingehaucht.

Im Laufe der Geschichte wird klar, dass nicht nur einzelne lokale Vorfälle von Shimei untersucht werden müssen. Gerade im letzten Kapitel führen viele, auch philosophische, Handlungsfäden zusammen, die nicht nur eine epische Geschichte mit vielen Twists erzählen sondern auch die Frage stellen, was die wahre Natur von “Gerechtigkeit” ist.

Richte nach dem Gesetz des Himmels.

Die vier Kapitel werden kontinuierlich besser. Um ehrlich zu sein, ist der Anfang ziemlich zäh. Viel Zeit wird damit verbracht, die Charaktere vorzustellen und das Gameplay zu erklären. Wie bei Phoenix Wright ist auch der erste Gerichtsfall nicht sonderlich spannend, da er eher dazu dient, dem Spieler zu zeigen, wie alles funktioniert. Dazu kommt, dass die logischen Schlussfolgerungen hier noch etwas zu wünschen übrig lassen. Auch der Anfang des zweiten Kapitels braucht einen Moment um in Fahrt zu kommen, weil längere Slice-of-Life Sequenzen und die obligatorischen Fanservice-Szenen das Pacing etwas verlangsamen, auch wenn dies nötig ist, um den Spieler mit dem Setting und den Charakteren vertraut zu machen.

Das Engagement wird aber belohnt, sobald das zweite Kapitel an Fahrt gewinnt. Die Kindheitsfreundin Rimu zeigt hier, was für eine Erfinderin in ihr steckt. Das erinnert ein bisschen an Great Ace Attorney, wo ebenfalls in einer vortechnologischen Zeitepoche kleine Erfindungen die Menschheit ein ganzes Stück voranbrachten. Bei Great Ace Attorney allerdings hatten die Erfindungen auch Einfluss auf die Gerichtsfälle selbst — in Master Magistrate leider nicht.

Ach, Rimu hat das erfunden. Jetzt weiß ich Bescheid.

Kapitel 3 ist dann mehr charakterzentrisch während das finale Kapitel 4 sich ganz auf die Thematiken rund um Gerechtigkeit, Gesetze und Rechtsprechung konzentriert und mit vielen Twists aufwartet.

Pro Kapitel gibt es etwa zwei oder drei Investigation und Gerichtssegmente, also ganz ähnlich wie in Ace Attorney. Sobald der Fall anfängt, wird das Pacing dann auch nicht mehr durch Slice-of-Life oder andere, langsamere Szenen mehr unterbrochen — es bleibt spannend bis zum Schluss des Kapitels.

Gameplay

Während Investigationen kann man Shimei zu vielen verschiedenen Orten führen, vor allem natürlich Tatorte, und diese genauer via Point & Click untersuchen. Ebenso kann man natürlich Zeugen befragen, was, ebenfalls wie in Ace Attorney, über verschiedene Dialogoptionen geschieht.

Während der Investigationen sammelt Shimei Beweise und Hinweise zu allen Beteiligten.

Viel interessanter aber sind natürlich die Gerichtsfälle selbst. Hier gibt es mehrere Phasen, manche auch an Ace Attorney angelehnt, manche aber auch bewusst unterschiedlich und an die historische Zeit angepasst.
Tatsächlich wäre es wahrscheinlich sogar besser, Master Magistrate mit Professor Layton vs. Phoenix Wright zu vergleichen. So wie jenes Spiel in einer mittelalterlichen Welt spielt, so spielt Master Magistrate in der Edo-Zeit.
Damals war es zum Beispiel üblich, dass vor Gericht nicht nur ein Zeuge gleichzeitig aussagt, sondern mehrere Zeugen auf einmal.

Shimei muss sich entscheiden, ob er der alten Schachtel oder dem süßen Mädchen beisteht – eine schwere Entscheidung.

Auch ist es üblich, dass sich die Zeugen gegenseitig ins Wort fallen und sich untereinander beschuldigen — schließlich steht die Freiheit eines jeden hier auf dem Spiel.

Als Magistrat muss man hier für Ordnung sorgen, indem man nach Widersprüchen in den Zeugenaussagen sucht. Wie in Mikagura Shoujo Tanteidan werden bestimmte Phrasen in den Aussagen der Zeugen rot markiert — die meisten sind falsche Fährten, aber einige sind tatsächliche Widersprüche, die man durch das richtige Item unter seinen Beweisen aufdecken kann.

Nicht nur Miles Edgeworth kann die ultimative Superkraft „Logik“ einsetzen.

Die Beweise kann man sich jederzeit angucken — bis auf den Moment, wo man mit einer Dialogauswahl konfrontiert wird. Das ist extrem ärgerlich, denn ebenso wie in den Momenten, wo man einen Widerspruch aufdecken muss, ist auch die Richtigkeit der verschiedenen Möglichkeit einer Dialogauswahl abhängig von den Informationen, die in den Beweismaterialien stecken. Deswegen sollte der Spieler bereits bevor der Gerichtsfall anfängt sehr gut über alle Begebenheiten des Falls informiert sein — besonders weil manche Informationen nur in den Beweistexten stehen und nicht vorher in einem Dialog der Investigationsphase erwähnt worden sind.

Der „CLUES“-Button steht hier nicht zur Verfügung – glücklicherweise ist die Wahl in diesem Fall nicht schwierig.

Erwähnt an dieser Stelle sei auch das Scoring-System der Gerichtsfälle. Während des Gerichtsverfahrens kann man sich jederzeit anschauen, wie viele Antworten man auf Anhieb richtig gegeben hat. Dabei ist es egal, wie oft man falsch liegt bei einer Frage — es zählt nur, ob man die Frage gleich richtig beantwortet hat oder nicht. Verlieren kann man nicht — Shimei ist Richter und Anwalt in einem; er wird das Verfahren nicht beenden, eher er es nicht zu einem befriedigenden Abschluss gebracht hat.

Schon eine einzige falsche Entscheidung wird die Endnote verschlechtern …

Kann man ein Verfahren mit 100% abschließen, bekommt man nicht nur ein Steam-Achievement, sondern es werden auch interessante Materialen im Bonusmenü des Spiels freigeschaltet.

Insgesamt empfinde ich das Scoring-System eher als störend. Sobald man einmal falsch liegt, hat man die Chance auf den Bonuscontent verpasst. Aber besonders spannend wird es danach auch nicht mehr, da man nie Angst auf einen Game Over-Bildschirm haben muss.

Obwohl das Spiel sagt, dass ein 100% Score bei einem zweiten Durchlauf versucht werden sollte zu erreichen, bezweifle ich doch, dass viele Leute ein Mystery ein zweites Mal durchlesen wollen — man kennt ja bereits den Ausgang und die richtigen Antworten.
Ich habe einfach immer einen Quicksave vor jeder Antwort gesetzt und mit einem Quickload bei jeder falschen Antwort meinen Score gerettet. Das ist zwar Save-Scumming, aber spart die Zeit und Nerven eines zweiten Durchgangs.

… deswegen sollte man nicht vergessen vorher abzuspeichern.

Ton und Grafik

Das komplette Spiel beinhaltet über 200 CGs und 45 Hentai-Szenen (die meisten davon in den jeweiligen Charakterrouten oder Bad Endings).

Die hohen Production Values kann man nicht nur bei den CGs sehen sondern auch bei den Hintergründen, die wie die Charakterdesigns extrem detailliert ausfallen und perfekt in das historische Setting passen.

Für mich allerdings war das visuell eindrucksvollste die Manga-ähnlichen Retellings der Morde (ähnlich wie in Danganronpa, nur künstlerischer).

Die meisten Rückblenden und Action-Szenen werden durch diesen Stil erzählt.

Neben diesen gibt es ebenfalls Chibi-CGs mit den Heroinen, meistens während der Slice of Life-Szenen am Anfang eines Kapitels oder den Heroineroutes. Damit gibt es drei verschiedene Arten von CGs, die je nach Kontext die Story, das Gameplay oder die Interaktion mit den Charakteren adäquat untermalen. Man kann sich in der Hinsicht nicht mehr von einer Visual Novel wünschen.

So sehe ich wahrscheinlich auch aus, wenn ich mit meinen Dakimakuras kuschle.

Neben dem tollen Artwork hat auch der Soundtrack viel Lob in der Heimat bekommen. Auch hier wird wieder das historische Setting ernst genommen und so weckt jeder Track Assoziationen zum alten Japan.

Technik

Leider wird die Engine der VN den hohen Production Values nicht gerecht.

Wählt man eine andere Auflösung als die Originalauflösung, so kriegt man es mit heftigem Aliasing oder Blurring zu tun. Auch kann man nur eine der vorgeschriebenen Auflösungen wählen — die höchste davon ist 1600×900.

Der Vollbildmodus ist nicht virtuell sondern wird die Auflösung des Betriebssystem ändern, was das gelegentliche Heraustabben zur Qual macht. Das, im Zusammenspiel mit der relativ kleinen Window-Auflösung, hat das Spielen auf meinem UHD-Monitor etwas anstrengend gemacht. Für die meisten Spieler mag das allerdings kein Problem sein.

Das Einstellungsmenü ist recht dürftig ausgestattet.

Aber auch andere Komfortfeatures fehlen, wie das manuelle Belegen von Maus- oder Keyboardtasten.

Was mich am meisten gestört hat, war das Fehlen von detaillierten Skip-Eigenschaften. Es gibt keine Möglichkeit das Skippen nach Choices oder Interaktionen automatisch weiterzuführen. Das führt dazu, dass in Investigation-Segmenten, wenn der Spieler blind Pixel auf dem Background anklickt, ständig die gleichen Textboxen angezeigt werden, die man dann jedes mal wieder Durchklicken muss, um dann weitersuchen zu können — und manchmal dann eine neue Textbox aus Versehen mitwegklickt.

Ebenso sind andere interaktive Momente während des Spiels nicht sonderlich komfortabel gestaltet. Das Herumgehen in der Stadt, aber vor allem im Wohnheim, ist mehr Arbeit als Spaß, und man wünscht sich fast, dass das Spiel mehr wie eine normale Visual Novel funktionieren würde, wo man automatisch von einer Szene zur nächsten gelangt. Das ist allerdings nur ein Problem während der Investigation-Segmente und leicht zu verschmerzen, wenn der Kriminalfall den Spieler bereits in den Bann gerissen hat.

Wenigstens wird angezeigt, welche Räume des Wohnheims nicht besucht werden müssen.

Nichtsdestotrotz wäre ein Highlight auf mit zu interagierenden Elementen auf dem Bild schön gewesen — so haben wir nur den Mauszeiger, der sich etwas ändert, wenn er auf ein interaktives Objekt stößt. Er signalisiert allerdings nicht, wenn ein interaktives Objekt direkt neben einem anderen liegt. Beispielsweise kann sich der Spieler nie sicher sein, ob er gerade auf ein Bücherregal oder ein einzelnes Buch im Bücherregal geklickt hat — und ob es notwendig ist, jedes einzelne Buch im Regel einzeln anzuklicken, falls eines davon einen wichtigen Hinweis beinhalten sollte.

Das mag aber alles schlimmer klingen, als es in der Praxis ist. Kein Moment von Master Magistrate ist unfair und mit ein bisschen Suchen wird der Spieler ohne Guide leicht die nächste Flag finden um das nächste Event triggern zu können — anders als bei ähnlichen Visual Novel-Vertretern mit Point&Click-Segmenten, wie Kara no Shoujo.

Nein, es muss nicht jede Schublade einzeln angeklickt werden.

Vollversion

Zur Early Access habe ich bereits geschrieben, dass das Spiel durchaus genug Content für seinen Preis beinhaltet. Um genau zu sein endet Kapitel 3, das letzte Kapitel der Early Access-Version, sogar mit den Credits und der Spieler hat das Gefühl, dass die Story vielleicht schon beendet sein könnte.

Kapitel 4 allerdings beweist nun das Gegenteil und führt alle Handlungsfäden, die in den ersten drei Kapiteln vorgekommen sind zu einem großen, epischen Finale zusammen. Dabei ist das Pacing extrem schnell; keine Zeit für Slice-of-Life mehr — der Spieler wird sofort in das Finale geworfen und von Anfang an mit einem Twist nach dem nächsten konfrontiert. Wer High-Pace Storytelling mit dutzenden Twists à la Danganronpa liebt, wird hier definitiv auf seine Kosten kommen.

Am Ende ist alles, was passieren wird, bedingt, durch was passiert war.

Allerdings hatte ich nicht das Gefühl, dass Kapitel 4 der Höhepunkt des Spiels für mich war. Kapitel 3 empfand ich nicht nur als länger sondern auch als interessanter als Kapitel 4. Aber vielleicht hat es mit der thematischen Richtung zu tun, die Master Magistrate am Ende einschlägt. Dabei sei gesagt, dass nichts davon aus dem Nichts kommt — alles, Themes, Charaktere, Ereignisse, wurde in den ersten drei Kapiteln foregeshadowt und es ist klar, dass dies das Finale ist, auf das die Entwickler es von Anfang an abgesehen hatten.

Auch wenn es für mich nicht der Höhepunkt war, den ich mir erhofft habe, so war es doch definitiv ein gelungenes Ende der Geschichte.

Wahrlich ein Grund zur Freude!

Ich habe befürchtet, dass mich die Charakterrouten nicht sonderlich interessieren könnten, nachdem ich bereits die Hauptgeschichte durchgespielt habe, aber diese Angst war unbegründet. Sie fungieren als Epilog zum Maingame. Mit etwa 90 Minuten — etwas Drama, etwas SoL, etwas Sexy-Time — sind sie der perfekte Ausklang nach den Ereignissen in Kapitel 4. Wenn ihr einfach nur eine gute Story erleben wollt und nicht auf 100% aus seid, dann empfehle ich Kapitel 1 bis 4 und dann die Charakterroute eurer Waifu zu spielen.

Reine Liebe in den Charakterrouten – trotz Sex.

Wo ich schon Sexy-Time erwähnte; auf der offiziellen Seite von Irodori könnt ihr euch den Patch herunterladen, der Hentai-Szenen und etwas frivolere Szenen freischaltet. Wenn ihr keinen Wert darauf legt, würde ich nicht empfehlen, ihn zu installieren, da das Spiel meiner Meinung nach wesentlich besser ohne den Hentai funktioniert. Das heißt nicht, dass er schlecht ist. Manche Szenen waren recht heiß, andere zumindest Mittelmaß. Aber nichtsdestotrotz beißt es sich etwas mit dem Mystery-Gameplay und der ernsten Geschichte, wenn dann plötzlich Charaktere nach gewissen Porno-Tropes agieren, nur um eine Hentai-Szene zu erzwingen.

Shimei ist ein wahrer Romantiker.

Das mag allerdings auch etwas schlimmer klingen als es ist. Die meisten Szenen funktionieren und die Charakterrouten bieten durchaus etwas Romance, der für einige Spieler in der Hauptgeschichte sicherlich schmerzlich gefehlt hat.

Fazit

Es ist leicht ein Spiel auseinander zu nehmen und jedes kleine Detail zu kritisieren. In gewisser Weise ist das auch die Aufgabe eines Kritikers, der Reviews schreibt.

Gerade deswegen muss ich es zum Ende hin noch einmal direkt sagen: Master Magistrate ist eine fantastische Visual Novel.

Auch wenn ich einige Punkte in den letzten Minuten stark kritisiert habe, und auch wenn die Novel, gerade im Finale, für mich nicht ganz das Potenzial ausgereizt hat, was ich in der Early Access-Version gesehen habe, so bleibt das Spiel nichtsdestotrotz eine großartige Mystery-VN mit Detektiv-Gameplay in einem historischen Setting.

Phoenix Wright hatte nicht das Glück, auch die Rolle des Richters übernehmen zu dürfen.

Es ist wahrscheinlich einfacher, wenn ich an dieser Stelle Master Magistrate einfach mit seinen populären Konkurrenten vergleiche: Master Magistrate ist nicht so gut, wie die besten Teile der Ace Attorney-Serie (die originale Trilogie), aber weit besser als die anderen (Ace Attorney 4 und 5 oder der erste Ace Investigations). Ich würde es etwa auf dem Level von Great Ace Attorney ansehen.
Persönlich hat mir Master Magistrate deutlich besser gefallen als Danganronpa; die Mysterys und die Charaktere sind wesentlich ernsthafter, logischer und interessanter, auch wenn ein Doujin-Spiel natürlich nicht mit den Production Values von Spike Chunsoft mithalten kann.

Die Zeitepoche hat mich an Mikagura Shoujo Tanteidan erinnert, eine alte Mystery-Visual Novel-Serie auf der Play Station 1, die leider nie in den Westen gekommen ist. Es ist schön, eine weitere Detektivgeschichte zu sehen, die durch die einzigartigen Begebenheiten dieser Zeit Kriminalfälle konstruieren kann, die in der heutigen Zeit nicht mehr funktionieren könnten.
Allein schon durch das historische Setting hebt sich Master Magistrate leicht von anderen Visual Novels ab, die durch die immergleichen Tropes und Schauplätzen wie High Schools und Schulmädchen ermüden.

Historisch akkurate Repräsentation der Shinsengumi.

Wenn man bedenkt, dass solche Visual Novels auf Steam zu einem völlig übertriebenen Vollpreis gehandelt werden und Master Magistrate über 40 Stunden an interessanter Story mit intelligenten Kriminalfällen in einem historischen Setting für günstige 25 Euro bietet und das alles durch unterhaltsame Charaktere, viele CGs und toller Musik angereichert ist, fällt mir kein Grund ein, dem Spiel nicht eine uneingeschränkte Empfehlung zu geben.

Wer es verpasst hat, das Spiel für den günstigeren Preis währen der Early Access-Phase zu erwerben (obwohl ich euch das damals schon stark ans Herz gelegt hatte!), der kann es derzeit im Release-Sale für 20 Euro bekommen.
Wenn man nicht gerade eine starke Abneigung für Krimis, Gameplay oder bisschen Nachdenken hat, ist das ohne Frage eines der besten VN-Angebote, die man derzeit auf Steam angeboten bekommt.

Das beschreibt die Entstehung des Spiels vortrefflich.

Master Magistrate ist das innovative Spiel, was die stagnierende VN-Szene dringend gebraucht hat und ich bin glücklich, dass es nicht nur bewiesen hat, dass Early Access ein gelungenes System für die Veröffentlichung von Visual Novels im Westen ist, sondern auch, dass für Spiele, die aus Leidenschaft und Talent entstanden sind, immer noch ein Platz auf dem Visual Novel-Markt ist.

Autor: Tyr

Wenn Tyr mal nicht dabei ist, seine Mitarbeiter auf Visual-Novel.info durch seine drakonische Führung zu quälen, schreibt er Artikel zum Thema Visual Novels hier auf Visual-Novel.info oder auch in Englisch auf JList.com und j-addicts.de. Auch ist er in verschiedenen Übersetzungsprojekten als Übersetzer oder Editor involviert, egal ob von Japanisch zu Englisch oder Englisch zu Deutsch. Sollte dann noch Zeit sein, genießt er allerhand asiatische Unterhaltung – von japanischen Eroge über chinesische Rollenspiele hin zu koreanischen Thrillern.