Review: Kosaka-san. – Budget-Subahibi, aber in gut?

Disclaimer: Diese Review ist eine ausführlichere Deutschversion der heute erschienenen Review in dem neuen VNDB-Feature.

Suizid ist ein schweres Thema und Medien versuchen immer wieder es zu romantisieren. Sich selbst das Leben zu nehmen ist etwas, was ich persönlich im wahren Leben niemals tun könnte und doch hat mich das Spiel, um das es heute bei uns gehen wird, in mehr als einer Art dazu gebracht über die Thematik zu grübeln. Was unterscheidet Mord und Suizid? Bei beidem tötet man einen Menschen …

Solche Gedanken sind nicht verwunderlich, so schaffen es Medien seit Jahrhunderten schon Menschen zu bewegen und ihre Gedankengänge zu manipulieren. Schon zu Johann Wolfgang von Goethes Zeiten in der Epoche von Sturm und Drang führte das Buch Die Leiden des Jungen Werther zu massenhaften Suizidfällen, weil sich die Menschen so verbunden und verstanden mit dem unglücklichen Protagonisten fühlten. Dies bezeichnet man als Werther-Effekt.

Es ist ein offenes Geheimnis, dass in Ländern wie Japan die Suizidraten weitaus höher sind als bei uns in Deutschland, also ist es keine Überraschung, dass solche Thematik dort weniger als Tabuthema behandelt wird. Man muss sich nur existentialistische Werke wie Sayonara Zetsubou Sensei, Subarashiki Hibi ~Furenzoku Sonzai~ oder auch Neon Genesis Evangelion ansehen …

Manchmal braucht es nur einen kleinen Schubs…

… oder man wagt einen Blick in den Doujin-Bereich japanischer Visual Novel und findet ein Juwel, wie es der Eroge-Blogger und VNDB-Reviewer mdz gefunden und übersetzt hat: Kosaka-san. Kosaka-san. ist eine kurze, kostenlose Doujin-Visual Novel von GENKAI OTAKU SPACE. Das Spiel ist durch Tokoroten (心太) in Alleinarbeit entstanden und ist das einzige Spiel dieses Entwicklers. Mit gerade mal zwei bis drei Stunden Spielzeit schafft es das Spiel eine Geschichte über zwei Mitschüler, die sich auf einem Dach das erste Mal treffen und sich gleich zu einem gemeinsamen Suizidpakt verabreden, zu erzählen.

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Handlung

Kosaka-san ist ein kurzes, philosophisches Spiel über einen Jungen, der auf eine unkonventionelle Art auf das Dach der Schule klettert, weil er dort seine Mittagspause verbringen will. Er erreicht das Dach und begegnet einem Mädchen namens Kosaka, die ihm mitteilt, dass sie sich gerade vom Dach stürzen wollte. Ihr Gerede beeindruckt den Jungen und er fängt auch an über die Vergänglichkeit des Lebens und Suizid nachzudenken. Unbedacht antwortet er ihr, dass er auch auf das Dach gekommen war um seinem Leben ein Ende zu setzen. Kosaka ist sichtlich amüsiert und reicht ihm eine Wasserflasche: Sollte er daraus trinken, dann sind sie somit Komplizen und haben einen Suizidpakt geschlossen.

Nachdem sie ihre Partnerschaft beschließen, erzählt Kosaka unserem Protagonisten von dem Meteoriten, der die Erde zu vernichten droht. (Er glüht gefährlich rot am Horizont) und er stellt den hauptsächlichen Grund dar, warum beide ihr Leben nehmen sollten.

Der springende Punkt ist aber, dass sie sich darauf einigen sich nur aus optimistischen Gründen selbst umzubringen, darum lernen sie sich näher kennen um herauszufinden, was es in ihrem Leben gibt, das den beiden Suizid-Enthusiasten einen solchen Optimismus bescheren könnte.

Inhalt

Wer das große Denpa-Spiel namens Subarashiki Hibi ~Furenzoku Sonzai~ kennt, wird in diesem kleinen Doujin-Game viele seiner Elemente wiederfinden. Der Meteorit im Spiel ist ein klares Äquivalent zum apokalyptischen Phänomen in Tsui no Sora/Subahibi und trägt die Motivation der beiden in der Handlung. Über 2 bis 3 Stunden hinweg lamentieren die Charaktere über die Bedeutung von Leben und Tod, die Fadheit des Lebens und wie es ist glücklich zu leben. Auch Drogen und die Frage von Zufriedenheit finden ihren Weg in die Geschichte und wer sich in Subarashiki Hibi an das Kimika-Ending erinnert, der wird auch das Ende dieses Spiels antizipieren können.

Kimika Ending

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Im Spiel gibt es auch einen Comedy-Relief Charakter namens Moses Ishibashi, der einen afroamerikanischen Mitschüler aus Nigeria darstellt, mit dem sich der Protagonist gut versteht. Er ist dazu da, das langweilige Schülerleben ein bisschen spannender zu gestalten mit solchen typischen Gaijinfragen wie: „Warum befindet sich Japan in der Mitte der Landkarte?“ Das Spiel macht öfters mal Vergleiche dazwischen, wie unterschiedlich ein Japaner und ein Nigerianer denken würden. Leider wird das aber nicht besser herausgearbeitet.

Romanze

In Kosaka-san gibt es nicht nur traurige Gedanken, sondern man kann sich auch einfach dem Leben für die kurze Zeit, die man noch hat, hingeben und es genießen. Wenn ihr schon immer mal von einem Date mit eurer Waifu bei McDonalds geträumt habt, dann wird Kosaka euch das bieten können. Dass selbst sowas Alltägliches wie das Teilen einer großen Portion Fritten einen solchen Eindruck hinterlassen kann, überraschte mich. Kosaka trägt die Geschichte – in mehr als nur einer Form.

Audiovisuelles

Visuals

Der Artstyle des Spiels ist großartig. Für ein kleines Doujin-Game wie dieses hier wurde wirklich Arbeit in die Darstellung des Himmels gesteckt. Der Himmel mit seinen Wolken oder den Sternen ist ohne wenn und aber das Eindrucksvollste, was das Spiel zu bieten hat. Es gab Momente, da saß ich einfach vor meinem PC und beobachtete die Form der Wolken oder zählte Sterne.

Die Sprites im Vordergrund sind dick umrandete Skribbles, die viel weniger Detailarbeit als die Hintergründe benötigen, aber dennoch hat alles seinen Charme und passt einfach gut zueinander. Meist hat man aber ein paar feste Poses und der Gesichtsausdruck ändert sich von Zeit zu Zeit.

Ich muss unbedingt herausheben, dass das Spiel manchmal mit unerwarteten Perspektiven daherkommt, die man nicht in jedem Spiel sehen kann.

Musik

Die Musik erinnert an die von Subarashiki Hibi, da sie beinahe vollständig mit einem Piano eingespielt ist. Manchmal sind die Stücke sehr langsam und atmosphärisch, mit ein bisschen von Ambientklang der im Hintergrund summt und von den Ohren hin und her pannt. Sie passt zum surrealen Charakter des Spiels. Leider sind die Übergänge zwischen den Musikstücken nicht klar geschnitten und deshalb kann das öfters etwas stören, wenn die Musik loopt.

Auch ist der Übergang zwischen letzter Szene und den Credits so abrupt, dass es mich echt aus der Immersion geholt hat. Das ist natürlich sehr schade gewesen.

Lokalisierung

Zuletzt spreche ich über die Lokalisierung des Spiels. Das Spiel wurde von einem User unseres Discords namens mdz im Zeitraum von zwei Tagen (20 Stunden) ins Englische übersetzt. Normalerweise wäre ich skeptisch, da man zwei Tagen eigentlich keine lesenswerte Übersetzung schaffen sollte, aber im Falle von mdz war es was anderes. Der User hat schon auf der VNDB und auf seinem Blog mit seinen Reviews bewiesen, dass er japanisch gut genug versteht um die härtesten Chuuni-Spiele wie Soushuu Senshinkan Gakuen Hachimyoujin problemlos verstehen und lesen zu können.

Der Text im Spiel ist nicht wirklich kompliziert, aber wartet doch mit einigen trickreichen Phrasen auf, die sich nicht so ganz leicht ins Englische übertragen lassen. Manchmal gibt es Stellen bei denen man ähnliche Worte im Japanischen hat, die dann aber durch anderen Kontext eine völlig andere Nuanze besitzen. Er hat diese sehr gut bewältigen können.

Auch werden im Spiel öfters echte Markennamen genannt, die normalerweise unter Copyright stehen so z.B. McDonalds oder Apple.

Meine Skeptik war aber nicht unbeholfen, da ich bei meinem Durchlauf ein paar kleinere typographische Fehler finden konnte, die ich dann direkt an mdz meldete damit er sie behebt. Er hat seitdem schon wieder einen neuen Patch veröffentlicht. 

Fazit

Ich bin in meinem Review von der Sicht eines Subahibi-Fans an dieses Spiel gegangen und mir ist klar, dass dieser nutzlos ist, wenn man das Spiel nicht gespielt hat. Das ist auch nicht nötig, denn Kosaka-san steht gut auf seinen eigenen Beinen und ist es wert gespielt zu werden. In den zwei Stunden Spielzeit wird eine Geschichte erzählt, die es in sich hat, wenn man näher darüber nachdenkt. Das Ende des Spiels ist toll, da es genauso endet wie man es von Anfang an erwartet, aber subvertiert die Erwartungen durch eine tolle Tat von Seiten des Protagonisten und wunderschönem Dialog zwischen den beiden, während sie gen Himmel fliegen.

Zusatz

Da das Spiel nur von einer Person veröffentlicht wurde, haben wir auf Twitter den Schritt gewagt und die Person einfach angeschrieben. Obwohl es eine unauthorisierte englische Übersetzung war, ließ der Developer des Spiels nicht durchscheinen, dass es ihn störe, was mdz da gemacht hat.

Heute morgen haben wir die Doujin-Visual Novel namens Kosaka-san durchgespielt. Das Szenario scheint sehr Subarashiki Hibi inspiriert, aber es konnte doch seinen Eindruck hinterlassen.

Dank solcher kleinen Doujin-Titel sind wir mehr in der Lage das eigene Leben anzuerkennen.

Dankeschön dafür Tokoroten-san!

Entschuldigt die unauthorisierte Übersetzung des anonymen Users.

Autor: Hata-tan

Hi, ich heiße Hata-tan oder Ramon (24) und bin ein Student der Japanologie an der Uni Frankfurt am Main. Ich spiele Visual Novels seit 2011 und habe bis dato um die 170 Visual Novels gespielt. Ich werde euch regelmäßig mit News und Reviews versorgen. Ich hab meine Finger überall drin ;) よろしく~