Review: Kill or Love

Yandere. Wenn man den typischen Anime- bzw. Visual Novel-Fan danach fragt, was er sich darunter vorstellt, dann wird er möglicherweise mit Rena Ryuuguu, Katsura Kotonoha oder Fuyou Kaede antworten. Meiner Erfahrung nach referenziert man bei diesem Trope aber am allermeisten Yuno Gasai. Seit der übermäßigen Popularität des Edgefests Mirai Nikki ist die Popularität der Yandere-Charaktere innerhalb der Anime-Community immens gestiegen. Somit ist es auch nicht verwunderlich, dass dieser Typ des obsessiven, mental geschädigten Liebhabers oder Liebhaberin es auch in gängige, moderne Visual Novels geschafft hat.

 

Kill or Love ist eine Visual Novel von Andy Church und wurde am 17.August 2019 erstmals auf Steam veröffentlicht. Es ist kein Eroge und beinhaltet nur ganz spärlich am Ende des Spiels ein paar Entscheidungsmöglichkeiten, ist also zum größten Teil eine Kinetic Novel. Seit dem 8.September 2019 gibt es für das Spiel auch eine Androidversion in Zusammenarbeit mit KohiDev.

Ins Auge fiel mir der Titel erst, weil er heute am 1.August 2020 eine russische Fanübersetzung von Unkenbro bekommen hatte und deshalb in der Liste der neuesten Veröffentlichungen auf der VNDB ganz oben angezeigt wurde. Da ich kein Russisch spreche, ist das natürlich irrelevant für mich und ich spielte es stattdessen auf Englisch.

Das Szenario ist von Andy Church selbst geschrieben und auch das Directing wurde von ihm übernommen. Die Zeichnungen und der Artstil sind von tan/umagi, eine Zeichnerin aus Indonesien.

Handlung

Wir schlüpfen in die Rolle von Jack Friday, einem Krankenhauspatienten mit Gedächtnisschwund, und werden von unserer Krankenschwester Anna aufgeweckt. Jack kam nach einem folgenschweren Sturz mit gebrochenen Beinen ins Krankenhaus und hat die Operation gerade so überstanden. Seine Verletzung kommt in einem ganz ungünstigen Zeitpunkt, denn er weiß, dass seine Freundin Grace irgendwo gefangengehalten wird. Um das ganze noch schlimmere zu machen: Seine Krankenschwester Anna ist die Täterin.

Diese ist nämlich komplett von Jack besessen und ihre Eskapaden, Intrigen und Stalkerei sorgten im Endeffekt dafür, dass Jack jetzt in dieser prekären Situation im Krankenhaus gelandet ist. Der Grund, warum Anna und Jack miteinander verbunden sind und sie ihn auf ungesunde Weise so verehrt, liegt in ihrer gemeinsamen Vergangenheit, an die Jack sich nicht erinnern kann, verborgen.

Jack hat aber nur einen Gedanken: Sobald er wieder die Kraft dazu aufbringen kann, wird er seiner Peinigerin alles heimzahlen. Er plant Anna umzubringen und Grace zu retten.

Charaktere

Anna

Jack Friday ist der Protagonist des Spiels und der Love-Interest von sowohl Anna als auch Grace. Er kann sich nicht an seine Kindheit erinnern, weiß aber, dass dort der Schlüssel zu Annas Obsession mit ihm verborgen liegt. Er traf Anna zufällig in einem Supermarkt wieder, die ihn dort ansprach, und unliebsame Erinnerungen in ihm hervorrief.

Grace

Anna ist die obsessive Stalkerin von Jack. Sie arbeitet im Krankenhaus als Krankenschwester und kümmert sich dort um ihren geliebten Jack, bis zu seiner Entlassung. Sie zögert nicht davor ihre Ziele mit Gewalt durchzusetzen und arbeitet hart an ihren fragwürdigen Zielen. In ihrer Kindheit ist zwischen ihr und Jack etwas geschehen, was sie so auf ihn abfahren ließ.

Grace ist eine Mitarbeiterin von Jack im selben Supermarkt. Sie sieht ganz hübsch aus, kommt aber etwas naiv und träumerisch herüber. Bevor sie Jack kennenlernte, fehlte ihr das Selbstvertrauen. Sie kommt mit Jack zusammen, was Anna gar nicht gefällt.

Meinung

Kill or Love bietet euch mit 28000 Worten und rund 2 bis 3 Stunden Spielzeit eine kleine, kompakte Yandere-Handlung mit mehreren Layern. Durch den Gedächtnisschwund, den der Protagonist erleidet, sind eigentlich alle Charaktere, die sprechen, als unzuverlässige Erzähler zu deklarieren. Aufgrund dessen folgt der Leser der Handlung durch die Monologe der Protagonisten, als auch Tagebucheinträge durch den Monat August hindurch, bis seine Verletzungen besser werden.

Über die Zeit hinweg bekommt der Protagonist, meist von Anna, einen wichtigen Schlüsselsatz mitgeteilt und daraufhin erinnert er sich teilweise an die Geschehnisse, die zu der Situation geführt haben. Generell ist die Ordnung der Handlung sehr konfus und muss vom Leser nachträglich chronologisch eingeordnet werden.

Ein gesichtsloser Doktor begleitet uns gemeinsam mit der unberechenbaren Anna

Anna spielt im Leben des Protagonisten schnell eine Rolle, aber auch deswegen, weil sie sich ihm so anbiedert. Dies führt auch dazu, dass sie beginnt, ihn in echt zu stalken und auch direkt neben sein Apartment einzuziehen. Jack kann der eintretenden Gefahr nicht mehr entkommen.

Die Persönlichkeiten der Charaktere sind teilweise echt flach und nur heruntergebrochen auf ihre Archetypen. Anna ist die totale Yandere, Grace ist das zierliche Blümchen und Jack der Versager, der durch die Existenz von Anna oder Grace erst relevant wird. Alleine steht er für gar nichts, ist ein totaler Hetare, Misanthrop und hasst die Welt. Sobald er Grace kennenlernt, blüht er auf und öffnet sich seinen Gegenüber mehr – Grace wird dadurch auch schnell seine Freundin. Diese Konstellation von Liebespaar Jack und Grace und der Yandere von nebenan Anna lädt natürlich zur Katastrophe ein.

Hier kommen wir dann zum Hauptteil des Spiels, bei dem wir die Eskapaden und Intrigen von Anna erleben, wie sie uns dazu bringen will uns von Grace zu trennen und sie danach im wahrsten Sinne des Wortes zu gaslighten, damit sie uns für sich haben kann. Manchmal sehen wir das auch aus ihrer Perspektive.

Das Bilderbuch

Später im Verlauf des Spiels finden wir dann auch ein Bilderbuch dessen Geschichte eine allegorische Erzählung zu den Beziehungen und Motivationen der Figuren ist. Spätestens hier sollte es klar sein, dass wir es mit unzuverlässigem Erzählern zu tun haben.

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Yandere-ness

Die Zeichen, dass Anna eine Yandere ist, äußert sich darin, dass sie hin und wieder ihre Augen sehr psychotisch aufreißt um damit zu zeigen, dass sie von uns besessen ist. Sie hat aber keinen ganzen Werkzeugkoffer an Bondagewerkzeug und Waffen dabei, um uns das Leben schwer zu machen. Sie macht das eher subtiler, kann aber, wenn sie wütend ist, auch schon einmal die Badezimmertür mit einem Vorschlaghammer einschlagen.

Mir gefiel, wie das Spiel versucht hat, Momente der Antizipation aufzubauen; beispielsweise gibt es eine Szene, bei der Grace in das Apartment von Anna geht und man nur ein plötzliches lautes Klirren hört. Daraufhin stürmt Jack dann in das Zimmer um festzustellen, dass Grace nur tollpatschig einen Teller fallen ließ. Das Spiel lässt aber offen, ob Anna nicht doch daran beteiligt war und so beginnt man, an ihr gegenüber skeptisch zu werden.

Audiovisuelles

Visuals

Im Stil von alten Sound Novels sind die Hintergründe des Spiels realistische Fotos, die mit Schmierfiltern und Distortion ein bisschen verfremdet wurden. Auch sehen manche Hintergründe zwar gezeichnet aus, aber besitzen einen Hauch von Surrealität. Es gibt eine Szene, die auch der Startbildschirm ist, bei dem man einfach nur ein paar Grashalme in monochrom sieht. Diese gewollten Farbgebungen erzeugen bei mir Gefühle von Melancholie und Traurigkeit.

Im Vordergrund stehen im Kontrast die Charaktermodelle, die sehr scharf gezeichnet sind. Das heißt, man kann sich die Sicht, die der Leser bekommt, wie ein Objektiv einer Kamera vorstellen. Am deutlichsten sieht man das in einer Location in einem heruntergekommenen Haus, das aussieht, als wäre man urbexen (Urban Exploration) gegangen und habe dann das Foto geschossen und eingefügt.

Der wahre Beweggrund, warum wir wütend auf sie sind … oder etwa doch nicht?

Sounds

Es gibt kein Voiceacting, was nicht verwunderlich ist bei einem Low-Budget Spiel wie diesem, aber dafür gibt es treffende Soundeffekte. Diese klingen gut abgemischt und realistisch. Glas, das splittert, knarrende Türen, Herzpochen– an Details wurde gedacht.

In den Credits des Spiels stehen im übrigen die Sounddatenbanken verlinkt.

Musik

Es gibt zwei Arten von Musik im Spiel: Das eine ist Klaviergeklimper auf sehr tiefen Notenskalen, meist Moll-Töne spielend, und gruseligere Tracks mit mehr Energie. Alle Tracks sind copyrightfreie Musik von Kevin MacLeod (incompetech.com).

Choices & Endings

End-Entscheidungen

In Kill or Love gibt es keine Entscheidungen zwischendrin. Die einzigen Entscheidungsmöglichkeiten gibt es am Ende und bestehen aus einer Kombination, die eine oder die andere Heroine leben zu lassen, beide zu töten, oder beide am Leben zu lassen. Dies resultiert in 4 verschiedenen Enden, die man erreichen kann.

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Kritik

Mir würde da nicht viel einfallen. Ich finde die Länge des Spiels genau richtig für diese Art Geschichte und, wenn man nicht schon viel mit Yandere zu tun hatte – auch in echt –, dann kann einen das Spiel schon schocken. Ich selbst war nicht wirklich berührt, da ich diese Klischees und auch den Storyverlauf in vielen anderen Yanderespielen genauso schon gesehen habe. Es macht nichts Neues, aber auch nichts falsch. Das Bilderbuch war eine nette Idee.

Man könnte kritisieren, dass Grace und Jack nicht auch nur einmal die Polizei einschalten, eine Tätigkeit, die man, wenn man gestalkt wird, eigentlich als erstes tun sollte. Es gibt im Recht sowas, das nennt sich einstweilige Verfügung, mit der man sanktionieren kann, wenn die betroffene Person einem zu nahe kommt. In diesem Spiel wurde mit diesem Drama nicht glaubhaft bzw. rational umgegangen, stattdessen reagiert man übertrieben emotional und irrational.

Warum irrational?

Im Laufe der Handlung entscheiden sich Jack und Grace dazu, Anna umbringen oder zumindest verletzen zu wollen, und das noch bevor Jack aus dem Krankenhaus entlassen wird. Begründung dessen ist, dass Anna ihnen beiden das Leben zur Hölle gemacht hat in der Zeit, in der sie die beiden schon stalkt und belästigt. Äußerst unglaubhaft, dass man da gleich zu Mordplänen greift.

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Fazit

Kill or Love ist ein kleines, aber feines Spiel, was einen leichten Zugang zu der ganzen Yandere-Thematik zulässt, aber mehr auch nicht. Auch wenn das Drama im Spiel eine glaubhafte Situation ist, die im echten Leben so stattfinden könnte, gehen die Charaktere nicht adäquat damit um, sondern reagieren so wie der Writer das will – das ist ein Problem, wenn Leute Menschen schreiben wollen, aber stattdessen nach Schema-F Charaktere schreiben.

Wenn man sich das Spiel trotzdem mal antun will, dann kann man es gratis auf Steam und itch.io erhalten. Lasst dem Entwickler doch auf Twitter mal einen Gruß da!

Autor: Hata-tan

Hi, ich heiße Hata-tan oder Ramon (24) und bin ein Student der Japanologie an der Uni Frankfurt am Main. Ich spiele Visual Novels seit 2011 und habe bis dato um die 170 Visual Novels gespielt. Ich werde euch regelmäßig mit News und Reviews versorgen. Ich hab meine Finger überall drin ;) よろしく~