Review: Heart of the Woods

Original englischsprachige Visual Novels (OELVN) haben einen schwankenden Beliebtheitsgrad in der eingefleischten Visual Novel Community und müssen mit vielen Stigmata kämpfen. Der westliche Artstyle, Thematiken und die generelle Qualität der Werke ist oft so unterschiedlich, dass man Spieler, die vorher nur mit japanischen Werken in Berührung kamen umso mehr von sich überzeugen muss. In dem heutigen Review dreht es sich um den vielversprechenden Titel „Heart of the Woods“ vom, durch Ex-Sekai Mitarbeiter Josh Kaplans gegründeten Entwicklerstudio, Studio Élan. 

Mit Spieluhrmusik begleitet, starten wir in einen wunderbaren Titel.

Heart of the Woods ist eine Visual Novel, die groß auf dem herrschenden Yuriboom der letzten Jahre kapitalisiert. Die Zahl der lokalisierten und eigens erschaffenen Yuri-zentrierten Werke steigt sichtlich an. Lilium x Triangle, Lilycle Rainbow Stage, Kindreds Spirits on the Roof, Flowers, SeaBed und die SonoHana-Reihe um nur eine Auswahl zu nennen, haben sich schnell in die Herzen der Yuri-Fans einschließen lassen. Heart of the Woods gliedert sich seit dem 15.Februar.2019 in diese Entwicklung ein und nimmt uns mit in eine Welt voller Romanze und fantastischer Erscheinungen.

Synopsis:

Die Geschichte versetzt uns in die Rolle zweier Mädchen, die einen Youtube-Kanal führen, der sich mit paranormalen Ereignissen beschäftigt. Unter dem kreativen Spitznamen Taranormal, ein Portmanteau aus Taras Namen und paranormal, erforschen Tara und Madison, zwei Mädchen, die sich unterschiedlicher nicht sein können, ein abgelegenes Walddorf in Kansas. Direkt am Anfang des Spiels befinden wir uns auf einer Zugreise nach Eysenfeld, was der Hauptschauplatz des Spiels ist. Die beiden folgen einer Einladung, die eine Bewohnerin des Dorfes per Internet gesendet hatte. Die quirlige Tara freut sich schon auf die Abenteuer, die die beiden in Eysenfeld erwarten könnten doch Madison plagen andere Gedanken. Sie findet, dass sie mittlerweile zu erwachsen ist um sich übernatürlichem Schwachsinn zu widmen und zieht damit ihre letzte gemeinsame Reise als Taranormal in Erwägung.

Darstellungstechnisch ist das ein guter Anfang. Die beiden Charaktere, die ihre persönlichen Differenzen miteinander haben sitzen sich gegenüber, aber befinden sich auf einer gemeinsamen Reise.

In Eysenfeld angekommen merken die beiden Mädchen, dass das altmodische Dorf ihnen gegenüber nicht gut gestimmt ist und sie wie Außenseiter behandelt werden. Allen voran die strenge Bürgermeisterin Evelyn möchte ihnen das Leben schwer machen. Davon lassen sich die beiden aber nicht entmutigen und freunden sich mit einem Mädchen namens Morgan an, die seit Jahren gespannt den Taranormal-Blog verfolgt, über die paranormalen Aktivitäten im Dorf bescheid weiß, und den beiden einen Platz zum Wohnen in Eysenfeld anbieten kann.

Meine Katze kann sprechen!„, behauptet Morgan. Als die Gruppe sich davon überzeugen will passiert nichts und Maddie ist entmutigt, dass die ganze Reise ein weiterer Fehlschlag für Taranormal wird. Einige Zeit später begegnet Maddie einem unheimlichen Monster im Schnee und man sieht ein mysteriöses Flackern im Wald…

Gedanken:

Als unser Autor Ecto damals den Veröffentlichungsbeitrag zu Heart of the Woods geschrieben hatte, da schrieb er:

Diese Yuri-Visual Novel ist liebevoll. Sie ist lustig, visuell und auch in anderen Aspekten wunderschön und ihre größte Stärke ist ganz klar die Atmosphäre. Und das war vollkommen untertrieben; ich kann gar nicht in Worten beschreiben wie schön alles zusammen passt.

und an dem Punkt war der Titel auf meiner Wunschliste. Allein zeichnerisch hatte er mich sowieso schon auf seiner Seite und auch Yuri bin ich nicht abgeneigt. Als ich dann den Soundtrack vernahm, dann war mir klar, dass ich dieses Spiel unbedingt spielen muss. Eine OELVN von einer solchen Qualität. Wo gibt es denn sowas?

Storytelling:

Storytelling ist ein starker Punkt des Spiels. Von den sechs Kapiteln, lässt sich der Hauptteil der Handlung erst ab dem 3.Kapitel ergreifen. Anfangs werden uns die Charaktere Stück für Stück vorgestellt und man geht auf die Geschichten der Leute von Eysenfeld ein. Morgan ist ausgerechnet die Tochter der strengen Bürgermeisterin Evelyn und quartiert die beiden Fremdlinge direkt unter ihrem Dach ein. Dies führt zu familiären Komplikationen zwischen Morgan und Evelyn, die man gespannt verfolgen mochte. Aber auch außerhalb des sicheren Dorfes herrschen seltsame Zustände. Da in dem Spiel supernatürliche Dinge und auch dunklere Aspekte wie Opferungsrituale eine Rolle spielen macht das es schwer für den Spieler vorauszusehen wie die Geschichte verlaufen wird. Das sorgt auch für Überraschungen, wenn plötzlich von Waldgeistern und Magie die Rede ist – alles Dinge die Madison nicht in ihrer Welt akzeptieren kann, bis sie direkt mit ihnen konfrontiert wird.

Kapitelstruktur

Der Aufbau des Spiels ist in 6 Kapitel gegliedert, von denen das 6. Kapitel nur auf der True-End Route erreichbar ist. Entscheidungsmöglichkeiten gibt es nur spärlich. Die wichtigste Entscheidung muss im dritten Kapitel getroffen werden, da man sonst nur Bad Ends erreicht. Die Entscheidung, die zur True Route leitet ist nicht freigeschaltet, wenn man das Spiel mit der falschen Entscheidung fortsetzt. Ein Guide ist aber nicht vonnöten.

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Romantik:

Als Kernpunkt sollte man sich zuerst mit dem Hauptelement einer Yuri-Novel beschäftigen: Der Romanze. Romantik ist klar vorhanden, aber definitiv nicht zwischen Madison und Tara. Das Spiel macht schon von der ersten Szene im Zug lang klar, dass bei Tara und Madison Freundschaft und gegenseitige Partnerschaft das höchste der Gefühle sein wird. Stattdessen müssen wir uns mit den vorbestimmten Pairings Morgan/Tara & Madison/Abigail auseinandersetzen. Darüberhinaus macht man auch keinen Hehl daraus, dass Sex nicht immer mit Liebe anfangen muss, sehr wohl aber in Liebe münden kann. Gerade Tara und Morgan warnen sich gegenseitig, dass ihre Romanze nur von kurzer Dauer sein kann, da die beiden Taranormal-Bloggerinen ja nur einen Monat in Eysenfeld verbleiben können.

In den sechs Kapiteln des Spiels, kommen sich die Mädchen aufgrund von diversen Umständen immer näher, aber werden auch wieder bittersüß entzweit… was am Ende von den Beziehungen der Charaktere übrig sein wird, müsst ihr aber selbst lesen.

Sexueller Content:

Diese Szene ist ein Tease, der richtige Adult-Content ist erst in den späteren Kapiteln verfügbar.

Es ist Yuri, wie es im Buche steht. Alle Szenen sind komplett Vanilla und fokussieren sich auf die Intimitäten zwischen den Paaren. Es gibt zwei oder drei Szenen, die erst nach dem 4. Kapitel erscheinen. Um sie freizuschalten muss man einen Adult-Patch von Denpasoft herunterladen. Er ist gratis! Denpa-DL/Direct-DL

Um den Patch anzuwenden, muss man die adult.rpa Datei in den Folder: „Game“ ziehen.

Technisches & Visuelles:

Heart of the Woods hat ein wunderschön gestaltetes Interface mit liebevoll designten Optionen und Backlog. Da das Spiel in RenPy zusammengebaut wurde lässt sich der Text vor- und zurückscrollen so weit man das möchte. Jedes Mal, wenn das Spiel einen Soundeffekt, Ambienzeffekt oder ein Hintergrundthema abspielt, erscheint der Name des Stücks in der oberen Bildschirmecke. Auch besitzt das Spiel einen internen Musikplayer, bei dem jeder Interpret von jedem Werk sogar namentlich gewürdigt ist. An dem Spiel haben viele Talente mitgearbeitet und es ist schön, dass diese Leute so gewürdigt werden. Es fällt auf, dass die Szenentransitions oft sehr abrupt sind, da hätte man vielleicht mit mehr Übergängen arbeiten können. Es wirkt an einigen Stellen wie Jumpcuts. In bestimmten Szenen gibt es auch zusätzliche Partikeleffekte z.B fällt Schnee herab, wenn in der Szene Schneefall angekündigt wird. Dies ist jedoch nicht ganz konsistent, denn es gibt auch Szenen in denen diese Partikeleffekte nicht vorkommen, z.B während eines Schneesturms.

Außerdem durfte ich feststellen, dass man das Interface in HotW mit der obskuren H-Taste entfernen kann. Dies hilft euch dabei die wunderschönen Hintergründe und Schneelandschaften zu betrachten. Im Verlaufe des Reviews sind alle Screenshots entstanden, bevor ich von dieser Funktion erfahren hatte. Die V-Taste erlaubt einen Modus für Legastheniker und man kann zwischen zwei Fonts wählen.

Eine der schönsten Landschaften im Spiel

Laut Credits haben mehrere Artists an den unterschiedlichen Artworks mitgearbeitet und das kann man auch sehen, denn es gibt Bilder bei denen die Qualität etwas schwankt, gerade im Bereich von Perspektive und Outlines. Auch die Titelbilder der einzelnen Chapter wirken neben dem Präzedent, was die generelle Artdirection setzt, etwas fehl am Platz. Erinnert mich teilweise an Liar-Soft, die auch für ihre Chapter einen anderen Zeichenstil verwenden, als der übliche Animestil es vorgibt. Es ist nicht schlecht, aber definitiv anzumerken. Außer diesen kleinen Problemchen, die Kritik auf hohem Niveau sind, ist das Spiel aber wunderschön anzusehen.

Die Charakterporträts sind auch gut, aber die Gesichtsausdrücke der Charaktere außerhalb des Main Casts sind etwas überspitzt. Im späteren Verlauf sehen wir z.B. Evelyn, die ich mit ihrem „wahnsinnigen“ Gesichtsausdruck nicht wirklich ernstnehmen konnte. Evelyn ist im übrigen ein sehr eindimensionaler Charakter, also macht der „böse“ Gesichtsausdruck schon Sinn.

Audio:

Ja, auf musikalischer Ebene gibt es nichts einzuwenden. Meist von einem kristallklaren Pianoklang begleitet stapfen wir durch den Schnee oder tummeln uns bei leichtfüßigen Aktivitäten im warmen Haus von Morgan. DIe prägnantesten Instrumente sind das Klavier, Xylophone und Spieluhrmusik. Es passt einfach jeder Soundtrack auf die gegebene Situation und gerade die spannenderen Tracks wie: „No Escape!“ oder „Spirit Arboreum“ bauen richtig Atmosphäre auf. Ich habe in dem Spiel im späteren Verlauf die Soundeffekte niedrig gestellt und die BGM auf 100%, einfach um diese wunderschönen Tracks genießen zu können. Am Ende des Spiels werden wir auch noch mit einem Ending-Song belohnt, der interessanterweise wie eins der Endings von Portal klingt, weil kein kompletter Song sondern nur einzelne Verse zum Schaffen von Atmosphäre eingesetzt werden. Stimmlich lässt sich nichts bewerten, denn das Spiel hat kein Voiceacting bis auf eingesungenen Chorgesang in einem der OSTs.

Just give it time…

Kritik:

Es gibt eigentlich kaum Kritikpunkte an Heart of the Woods, wäre da nicht dieses oberflächliche Entscheidungssystem. Mittlerweile sollte man verstanden haben, dass grade in der westlichen Hemisphäre Interaktivität ein wichtiger Punkt ist, den Spiele erfüllen müssen um überhaupt von der breiten Masse als Spiel anerkannt zu werden. Heart of the Woods Entscheidungen sind alle bedeutungsvoll, aber es gibt einfach zu wenig von ihnen. Aus persönlicher Erfahrung kann ich sagen, dass Visual Novels mit Animeästhetik oft von Leuten gespielt werden, deren Aufmerksamkeitsspanne nicht die beste ist. Solche Leute sind schnell gelangweilt von soviel Text, wenn die Handlung nicht voller Action ist. Um für den Mangel an Interaktivität zu kompensieren, baut man dann Entscheidungen ein, die mehr oder weniger kleine Dialogänderungen vornehmen und zumindest vorgeben, dass man mit seinen Entscheidungen das Spiel beeinflussen kann. Von Anfang an ist klar, dass Tara und Morgan zusammenkommen werden, also ist nicht mehr die Frage „ob“ sie zusammen kommen, sondern „wie“ sie zusammenkommen. Wenn das beeinflussen könnte, dann wäre das Spiel eine nahezu perfekte EVN gewesen, vielleicht durch kleine Missgeschicke und Shenanigans, die zu Tara passen könnten. Wie Madison und Abigail zueinanderfinden möchte ich nicht vorwegnehmen.

Es fühlt sich einfach an, als hätte man eine kinetische Novel machen wollen, und sich dann nach der Entwicklungsphase der Handlung dazu entschieden, doch noch Entscheidungen einzubauen. Die beiden „Bad Ends“, die sich erreichen lassen bieten ja auch keine wirklichen zusätzlichen Erkenntnisse zum Verständnis des True Ends. Die Bad-Ends, haben aber eine Daseinsberechtigung, da bei beiden ein unterschiedliches Opfer gebracht werden muss.

Darüber hinaus ist das Spiel etwas kurz. Ich war in 5 Stunden damit durch. 

Fazit:

Sie braucht nichtmal einen Blumenkronenfilter auf Instagram!

Heart of the Woods war ein super ambitioniertes Projekt von Josh Kaplan und seinem hervorragendenen Team, was sicherlich den ein oder anderen von seinen Stigmata bezüglich EVNs erlösen könnte, schwächelt jedoch in der Umsetzung als Visual Novel mit Entscheidungen. Visuell und narrationstechnisch, lässt es nur wenige Wünsche offen und der Soundtrack ist ein Ohrenschmaus. Heart of the Woods ist eine Empfehlung für jeden Yuri-Fan, und setzt einen soliden Grundstein für gute OELVNs.

Post Author: Hata-tan

Hi, ich heiße Hata-tan oder Ramon (23) und bin ein Student der Japanologie an der Uni Frankfurt am Main. Ich spiele Visual Novels seit 2011 und habe bis dato um die 80 Visual Novels gespielt. Ich bin einer der drei Admins dieser Seite und bringe euch News, Reviews und kümmere mich um die Struktur.' よろしく~