Review: Hajimete no Okaa-san

Der vorliegende Beitrag ist die Übersetzung des Originals von j-addicts Mitarbeiter und VNinfo-Discordmoderator Ramaladni.  (Zum Original)

Disclaimer: Ich hatte die damals erschienene Fanübersetzung gespielt und befand sie trotz meines begrenzten Verständnisses für die japanische Sprache, als akkurat genug. Es überraschte mich, wie der Übersetzer schaffte, dass einige spezifische Sätze auf Englisch funktionierten und ich kann mich an keine Stelle erinnern an der die übersetzte Version merkwürdig aussah.

Als die Fanübersetzung von Hajimete no Okaa-san erschien, erzeugte sie einen kleines, aber bemerkbares Aufhebens in bestimmten Communitys, die sich mit Visual Novels befassten. Das englischsprachige Sprichwort: „Du sollst ein Buch nicht nach seinem Einband bewerten“ könnte genau für solche Momente entworfen worden sein. Ich hoffe, dass ich durch mein Review alle Missverständnisse über diesen Titel aus dem Weg räumen kann und euch beibringe, dass man ein Werk nicht von seinem Aussehen her bewerten sollte. Auch soll dieser Artikel euch ermutigen eine wirklich rührende Story zu lesen.

Egal ob für Kind oder Erwachsene, es ist nicht einfach sich mit dem Verlust einer geliebten Person abzufinden. Es ist darüber hinaus noch schwieriger, wenn es sich dabei um die unersetzliche Person handelt, der man die Ewigkeit geschworen hat und, die die eigene Existenz bedeutet.

Nachdem unser namenloser Protagonist, wir nennen ihn „Papa“, seine Geliebte Frau in einem Autounfall verlor, muss er sich nun ganz alleine um seine kleine Tochter kümmern. Sich der Traurigkeit, die das Verlieren einer geliebten Person mit sich bringt stellend, findet er Genugtuung in der einzigen Person, die ihn versteht und die unter der Situation am meisten leidet – seine einzigartige Tochter Chiyori (Chii).

Hajimete no Okaa-san ist eine sehr spezielle Visual Novel. Anders als den enttäuschenden Standard, der sich durch neuere Veröffentlichungen etabliert hatte, behandelt dieses Spiel sowohl Leser als auch seine Charaktere so wie sie es verdienen. Der auffälligste Unterschied zwischen dieser Novel und vielen anderen da draußen ist, dass es die Charaktere in bester Art als echte Menschen porträtiert. Hier muss ich erwähnen, dass es zum jetzigen Zeitpunkt nur acht übersetzte Titel gibt, die auf der vndb mit dem einsamer Witwer-Tag gekennzeichnet sind. Es ist wahrscheinlich, dass es kaum einen anderen Titel gibt, der sich so auf die Situation des alleinerziehenden Elterndaseins konzentriert.

Die Art, wie Emotionen dargestellt werden, ist überraschend ausdrucksstark, obwohl man Zweifel über die emotionale Ausdrucksfähigkeit eines sechsjährigen Mädchens hegen darf. Durch die brillianten Fähigkeiten von Synchronsprecherin Amakawa Milk (eine respektable Veteranin, die schon Erfahrung mit einer Vielzahl von Rollen sammeln konnte), war ich dazu in der Lage, die Persönlichkeit von Chii zu verinnerlichen. Dasselbe gilt für die inneren Monologe des Vaters.

Der Anfang der Handlung ist eher unerwartet. Der Aufwand, den die Entwickler in dieses Werk gesteckt haben, ist spürbar und lässt den Leser mit Staunen darüber zurück, wie gut geschrieben und flüssig die Geschichte erzählt wird. Durch leichtherzige Slice-of-Life-Szenen zwischen Chii und ihrem Papa werden wir in die alltägliche Handlung hineingeführt. Darunter Aktivitäten, wie das gemeinsame Lernen der Hiragana und wie Chii ihren eigenen Namen in Kanji schreibt, grundlegende Mathematik oder man bringt ihr bei wie man mit Stäbchen isst. Diese Momente helfen uns eine nähere Bindung zu Chiis Charakter aufzubauen und erinnern uns an unsere eigene Kindheit, in der alles viel unbeschwerter war. Diese authentische Einfachheit ist es, was diese Visual Novel herausstechen lässt.

Im Kontrast zu diesem Gefühl stehen die Momente in denen Chii ausdrückt, dass sie kein Kind mehr ist. So findet sie auf eigene Weise den Weg mit ihrer eigenen Trauer klarzukommen. Im Hintergedanken dazu steht ihr Wille, die Person zu unterstützen, die ihr alles bedeutet – ihr Vater. Zu verfolgen, wie ihr Charakter heranwächst und sie zu einer kleinen Erwachsenen wird, ist das Befriedigende an dieser Visual Novel.

Obwohl das Spiel mit unbeschwerten Szenen gefüllt ist, gibt es auch an den richtigen Stellen dramatische Momente, die keinen Moment lang übertrieben oder gekünstelt wirken. Der Papa steckt in einem endlosen, moralischen Kampf mit sich selbst, der ihn zeitweilig davor blind macht, dass die Personen vor ihm leiden.

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Bezüglich des Storytellings ist eines der größten Eigenschaften, dass der Leser die Möglichkeit hat, den Verlauf der Handlung zu beeinflussen (was nur zu verfrühten Endings führt). Deshalb möchte ich die Handlung in drei Teile einteilen. Der vierte ist ein Online-Bonus, genauer gesagt ein kurzer Epilog, der das Leben der drei Personen nach Abschluss der Haupthandlung näher beleuchtet.

Der erste Teil dauert zwei Stunden, in denen wir den Charakteren durchs Leben folgen. Am Ende dieses Teils erhält der Leser eine Entscheidung. Sollte er diese verneinen wird er aber nicht weiterspielen können. Dem Papa bzw. bei Erweiterung dem Leser, wird also die Wahl gelassen.

Am Ende des zweiten Teils darf der Leser eine weitere wichtige Wahl treffen: Über bloße Instinkte und den Wunsch eines Elternteils hinauszugehen sein Kind zu beschützen und so seine Beziehung auf die nächste Ebene zu heben oder erneut in Selbsthass verfallen und keine Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen.

Hier beginnt der dritte Teil: „Ich möchte, dass mein Papa immer an meiner Seite bleibt!“ Dieser Abschnitt des Spiels ist so lang wie der erste Teil, aber bringt den größten emotionalen Effekt mit sich. Im Kampf gegen die Einsamkeit bemerken Chii und ihr Vater, dass es weitaus wichtiger ist, sich mit Leuten zu umgeben, die man liebt anstatt ein entspanntes Leben zu haben. Chii entwickelt sich von einer Ersatzfigur für die verblichene Ehefrau zu einer eigenen Person und nimmt ihren ehemaligen Platz als die wichtigste Person im Leben des Protagonisten ein. Solange zwei Menschen sich gegenseitig lieben können, reicht das als Genugtuung.

Solange die Liebe existiert, so tut es auch Wärme. Ein neues Familienmitglied wird geboren. Aus zwei wird drei. Die Wärme, die daraus entsteht, steigt und breitet sich auf mehr Personen aus. Als ich Hajimete no Okaa-san zu Ende las wurde mir innerlich so warm, weil ich bemerkte, dass es sich hier um etwas ganz Besonderes handelte. Ich hoffe, dass ich euch nun davon überzeugen konnte diese wunderbare Geschichte zu lesen und auch dasselbe wohlige Wärmegefühl zu erleben.

Das folgende Bild ist ein Spoiler, der eine der letzten und schönsten Szenen des Spiels zeigt. Ich habe ihn so markiert, dass Leute wählen können, ob sie das Bild sehen wollen oder nicht.

Spoiler

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Übersetzungspatch

Autor: Hata-tan

Hi, ich heiße Hata-tan oder Ramon (24) und bin ein Student der Japanologie an der Uni Frankfurt am Main. Ich spiele Visual Novels seit 2011 und habe bis dato um die 170 Visual Novels gespielt. Ich werde euch regelmäßig mit News und Reviews versorgen. Ich hab meine Finger überall drin ;) よろしく~