Review: Evan’s Remains

Ein Mädchen mit einem weißen Sonnenhut steht am Strand und schaut in die Ferne … sie lauscht dem anebbenden Geräusch der Wellen, das Wehen des Windes durch die Palmenblätter und fühlt den warmen Sand unter ihren Füßen. Vor ihren Augen ein weiterer Monolith mit einem Rätsel, das darauf wartet gelöst zu werden. 

Jeder Monolith bringt mich meinem Ziel näher, also gib jetzt nicht auf …

Auch wenn unser Hauptmerk auf Visual Novels im ADV-Format liegt, gibt es doch den ein oder anderen Gameplay-Titel, der meine Aufmerksamkeit weckt. Da SRPGs und Dating-Simulatoren – die häufigsten Permutationen von Gameplay-Titeln mit ADV-Textboxen – mir nicht liegen, schaue ich mich manchmal auf Steam in der Indie-Sektion um, um ein paar einzigartige Spiele zu finden, die wir sowohl auf unserer Seite vorstellen können als auch vielversprechendes Entertainment bieten.

Ein solches Spiel habe ich dann zufällig, dank der langjährigen Übersetzerin und CEO von LoveLab, Merumeruchann, gefunden. Sie sprach in einem Tweet über ihre Erfahrungen mit dem Puzzle-Plattformer Evan’s Remains, bei dem man auf der Suche nach einem mysteriösen Jungen namens Evan ist und Monolithen mit kniffligen Plattformrätseln lösen muss, um mehr über die Story hinter seinem Verschwinden zu erfahren.

Evan’s Remains ist ein Spiel von Entwickler maitan69 (Matias Schmied) und wurde von Whitethorn Digital publiziert. Ein Kickstarter, der rund 12000$ sammeln konnte, half dabei das Spiel zu kreieren. Der Titel erschien am 11.Juni 2020 auf Steam und konnte dort eine sehr positive Wertung binnen kürzester Zeit einheimsen. Die kurze Spielzeit von 3 bis 5 Stunden erlaubt für ein kurzweiliges, aber sehr atmosphärisches Erlebnis. Der Puzzle-Platformer wurde bisher in neun Sprachen übersetzt. Auch Deutsch! Das Spiel kostet momentan 5.69€ auf Steam und man darf gerne noch einmal 0.79€ für den Soundtrack drauf zahlen.

Handlung

Der Spieler schlüpft in die Rolle von Dysis, ein Mädchen, das auf einer unbekannten Insel ankommt und sich dort erst einmal zurechtfinden muss. Die Insel scheint bewohnt zu sein, aber bevor sie einem Menschen begegnet, muss sie erst einmal an ein paar Monolithen vorbei. Eigentlich könnte sie um diese herumgehen, doch haben diese Bauten einer alten Zivilisation eine derartige Anziehungskraft auf sie, die sie nicht erklären kann. Deshalb fühlt sie sich dazu ermutigt die Plattformrätsel zu lösen.

Die Mission, die sie auf die Insel brachte, ist es, einen Jungen namens Evan zu finden. Evan ist ein technisches Genie, weshalb die Firma Up-Bring – ein großes Industriekonglomerat –wissen will, wo er sich aufhält. Dysis und einer von Up-Brings Wissenschaftlern Nikola sind damit beauftragt Evan zu finden und zurückzubringen. In Wahrheit ist es jedoch ein Brief von Evan selbst, der sie dazu treibt, sich auf die Suche nach ihm zu begeben. Auch wollte er explizit, dass ein Mädchen namens „Dysis“ ihn finden soll.

Nachdem Dysis die ersten Monolithen bewältigt, begegnet sie einem Jungen namens Clover Emor. Clover Emor ist ein Übersetzer, der davon überzeugt ist, dass die Konstellationen innerhalb der Monolithen eine Passphrase ergeben müssen. Clover ist Dysis nicht ganz geheuer und stellt sich ihm mit einem falschen Namen vor: Vanille.

Beide kommen schnell zu dem Schluss, dass das Geheimnis der Monolithen sie zu Evan führen könnte.

Gameplay

Evan’s Remains ist sehr simpel in einer linearen Progression aufgebaut: Man löst 2 bis 3 Monolithrätsel und sieht danach eine Storysequenz, die die Handlung forttreibt, und mehr vom Geschehnis preisgibt. Das besteht nicht nur daraus, dass man Dysis und Clovers Abenteuer folgt, sondern man wird auch mit anderen Charakteren bekannt gemacht, die man anfangs gar nicht so zuordnen kann. Zu den anderen Charakteren sollte man sich den Trailer auf der Steam-Page ansehen.

Der Fokus des Spiels liegt aber auf seinem simplen, aber süchtig machenden Gameplay: Als ein logik-basierter Puzzle-Plattformer konfrontiert euch Evan’s Remains mit verschiedenen Konstellationen von Platten, die jeweils verschiedene Funktionen haben und nach und nach miteinander verknüpft werden um schwierigere Rätsel zu gestalten.

Im obigen Bild sehen wir Dysis, wie sie ein Rätsel, das etwas später im Spiel vorkommt, bewältigen muss. Hier werden schon etwas fortgeschrittenere Techniken angewandt, weshalb wir jetzt den Lösungsweg für dieses eine Rätsel beschreiben, damit man dieses Wissen auf andere Rätsel anwenden kann. Das schöne an Evan’s Remains ist, dass es über sein Gameplay absolut nichts erklärt. Show don’t tell bzw. Trial and Error ist die Devise hier.

Wie funktioniert das Spielprinzip?

Um an das Ende eines Levels zu kommen, muss man die Säule an der rechten Seite erklimmen. Jeder Monolith hat einen rechteckigen Raum verschiedener Höhe und man muss sich die Funktionen der Steinstufen zu nutze machen, um den Raum zu bewältigen.

  • Normale Platten: Sie sind an oder aus. Verlässt man eine aktivierte Stufe, wird diese verschwinden.
  • Aktionsplatte ( >< ): Diese Stufe kehrt den Status normaler Stufen um.
  • Teleporterplatte( |–| ) Zwei Stufen sind immer miteinander verbunden und teleportieren euch zur jeweils anderen.
  • Sprungplatte (Ladebalken) Katapultiert euch wieder in dieselbe Höhe, aus der ihr auf sie springt oder fallt.
Lösungsweg

Die Plattform auf der Dysis steht bringt die Teleporterplatte, die zwischen den grün gestrichelten Linien steht dazu die Position zu wechseln; dasselbe macht man dann noch einmal mit der blauen Teleportstufe, dass die Positionen nun: „grün oben, blau unten“ stehen. Danach springt man von der Sprungplatte unten rechts auf den Teleporter zwischen den blauen Linien und portet sich zur grünen Platte links oben. Von dort springt man dann auf die schwebende obere, blaue Aktionsplatte, die auf der rechten Seite einen beinahe geschlossenen Kasten erscheinen lässt. Als nächstes springt man dann auf den Teleporter direkt rechts und wird auf die Plattform neben dem Kasten teleportiert. Von dieser lässt man sich mit Schwung auf die Sprungplatte fallen und hüpft auf den kleinen Vorsprung der normalen Stufe, und von dort wieder mit einem hohen Sprung auf die Sprungplatte unten, um es mit einem gigantischen Sprung auf die grüne Säule zu schaffen.

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Eigene Meinung

Technisches

Steuerung

Evan’s Remains lässt sich sehr smooth mit einem Gamepad spielen, was ich auch getan habe. Die Steuerung des Spiels ist erstaunlich simpel, denn man kann sich eigentlich nur bewegen und springen. Es gibt auch die Möglichkeit durch das Halten des Analogsticks nach oben oder unten das Bild ein bisschen zu scrollen, um eine bessere Übersicht auf Rätsel zu bekommen, die sich über mehr als einen Screen erstrecken.

Kompatibilität

Evan’s Remains gibt es nicht nur auf dem PC, sondern hat es auch auf die Konsolen geschafft. Neben dem PC könnt ihr dieses Goldstück der Indie-Kunst auf Nintendo Switch, Playstation 4 und Xbox One spielen.

(Für einen Trophy-Guide für Konsole konsultiert unsere Partner von knoef.info)

Audiovisuelles

Visuals

Evan’s Remains ist in einem wunderbaren Pixellook gestaltet, der euch den Atem rauben wird. Gerade die Hintergründe und auch die Vordergründe, die anfangs nur simple Wolken oder Steinblöcke sind, werden mit der Progression des Spiels detailreicher und hübscher – tragen zur Dynamik und Glaubwürdigkeit der Areale auf der Insel bei und lassen sie lebendig erscheinen.

Wenn man sich einfach hinstellt und einen Bildschirm betrachtet, dann wird man langsam die verschiedenen Layer aus denen die Welt aufgebaut ist bemerken. Das Gefühl von Tiefe wird in jedem Frame deutlich, obwohl es ein vollkommenes 2D-Spiel sein sollte. Wirklich immersiv!

Die Atmosphäre, die das Spiel durch Visuals und Sounds kreiert, komplementiert sich ideal miteinander und auch die prächtige, vibrante Farbgebung jedes einzelnen Tiles trägt zur jeweiligen Gefühlsregung, die durch den Anblick der Szenerie erzeugt wird, bei. Dies ist übrigens ein Motiv, was sich durch das ganze Spiel zieht, weshalb man auch immer wieder auf die zu erzeugende Atmosphäre zurückkommen muss.

Herausstechend ist die Liebe zum Detail, die in die Charakterdesigns und deren zugehörige Pixel-Sprites geflossen ist. Jeder Charakter sieht für sich wie ein völlig unterschiedlicher Charakter aus, es ist keine Figurenschablone erkennbar, bei der man nur die Kleidung oder den Frisur ausgetauscht hätte. Jeder Charakter drückt mithilfe von kleinsten Gesichtsregungen aus, was die Figur gerade in dem jeweiligen Moment fühlt und denken mag. Auch so Kleinigkeiten, wie z.B. dass ein Richtungswechsel Sand aufwirbelt, wurden beachtet.

Audio

Der Soundtrack von Evan’s Remains wurde von Matias Schmied, dem Developer selbst, und Tomas Batista gemeinsam komponiert. Er umfasst 24 Tracks, von denen jeder nicht für sich alleine steht, sondern im Gesamtkonzept des ganzen Spiels gehört werden muss. Viele der Tracks sind instrumental, minimalistisch besetzt und entspringen aus dem Ambient-Genre mit so dezenten Details wie Wellenrauschen, Vogelgezwitscher oder anderen naturgegebenen Geräuschen im Hintergrund. Andere sind eher schauriger Natur und können schon überraschend und anspannend wirken. Ein wirklicher „Horror“-Effekt entsteht dabei nicht, eher ein Gefühl von Antizipation.

Nicht amüsiert.

Sounddesign:

Neben dem Audio muss man auch auf das Sounddesign selbst eingehen. Da wäre vor allem hervorzuheben, dass Clover nicht nur sagt, dass er ständig am Übersetzen und Schreiben ist, sondern man hört sogar das Kratzen seines Stifts ständig, sobald er auf dem Bildschirm zu sehen ist. Auch wenn die Charaktere miteinander interagieren, dann sind ihre Lines mit persönlichen Sounds unterlegt, damit die Wirkung entsteht, dass sie miteinander sprechen. Ich argumentiere sogar, dass Voiceacting dem Spiel schaden würde.

Die Liebe zum Detail in allen Punkten ist klar erkennbar und sollte angemerkt werden.

Lokalisierung

Beide Versionen lesen sich extrem gut, glänzen mit Humor noch und nöcher und sind überdurchschnittlich gut geschrieben. Auch macht der Text in den richtigen Momenten Pausen, sodass gewisse Momente viel stärker wirken, als wenn man diese in der gleichen Textgeschwindigkeit durchlaufen ließe.

In der deutschen Version fielen mir aber eine Handvoll typographischer Fehler auf, die man herausheben muss. Da hätte noch eine Runde Proofreading nicht geschadet. Es fällt einem nur auf, wenn man sich wirklich auf den Text konzentriert, d.h., es sind diese Art Typos, die einen Satz nicht ruinieren oder unverständlich machen, sondern simple Flüchtigkeitsfehler.

Auch fiel mir auf, dass ein paar Sprichworte sehr wörtlich übersetzt wurden, so z.B. „Someone’s having a good time, eh“ => „Ach, da hat wohl jemand eine gute Zeit, nicht wahr?“ – Besser wäre: „Ach, da freut sich wohl jemand?“

Das Feedback für alle Sprachen ist äußerst positiv, wenn man durch die Steam-Reviews schaut und da ich nicht jede der 9 Sprachen testen kann, muss ich das wohl als die Wahrheit so hinnehmen. Ich werde das Spiel wohl noch ein drittes Mal nach einiger Zeit auf Japanisch durchspielen, hauptsächlich weil der kontroverse CEO von Irodori Comics On Takahashi für die Lokalisierung des Spiels verantwortlich war.

Zum deutschen Lokalisierer Michael Stein konnte ich leider nichts genaues finden. Vielleicht müsste man da maitan69 mal selbst fragen.

Ending

Letzte Entwicklungen zum Ende hin

Anders als in den meisten Visual Novels und narrativen Spielen gibt es hier diesmal nur ein einziges Ende, aber das wird den Spieler hart treffen. Sobald es eintritt wird einem auffallen, dass große Teile des Klimaxes schon foreshadowt wurden und man nur genauer hätte lesen müssen. Die Identitäten der ganzen unbekannten Nebencharaktere werden enthüllt und auch das Geheimnis der Monolithen wird verständlich aufgebrochen. Das alles konkludiert in ein paar unerwarteten Wendungen und einem unglaublich bittersüßen Spielende.

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Extra-Content

Nach dem Ende des Spiels und den unzähligen Kickstarter-Backern in den Credits gibt es auch noch einen Moment in dem wir im Hintergrund einige Namen von Spielern bzw. speziellen Backern des Kickstarters zu Evan Remains, zu sehen bekommen. Manche von ihnen haben auch eine Nachricht oder einen Gruß, der in der Endsequenz des Spiels gezeigt wird, einbauen lassen. Die Nachricht, die mich am meisten berührte, war diese hier:

Valuable Life Advice.

Fazit

Trotz seines einfachen Gameplays ist Evan’s Remains ein fantastisches Erlebnis für zwischendurch, mit dem man sich für ein paar Stunden in eine andere, mysteriöse Welt flüchten und dort entspannen kann. Die Rätsel sind nie schwer genug, dass sie einen frustrieren oder man einen Guide zu Rate ziehen muss. Visuals, Musik, Dialoge – alles in dem Spiel zielt auf eine hauptsächliche Wirkung ab: das Erzeugen einer realistischen Atmosphäre. Und das tut es mit umwerfendem Erfolg.

Autor: Hata-tan

Hi, ich heiße Hata-tan oder Ramon (24) und bin ein Student der Japanologie an der Uni Frankfurt am Main. Ich spiele Visual Novels seit 2011 und habe bis dato um die 170 Visual Novels gespielt. Ich werde euch regelmäßig mit News und Reviews versorgen. Ich hab meine Finger überall drin ;) よろしく~