Review: ATRI – My Dear Moments – (Demo)

Science-Fiction Geschichten gibt es zur Genüge. Monat für Monat werden in verschiedenen Medien wie beispielsweise dem magischen Büchermarkt zahllose Titel auf den Markt gebracht. Auch in Visual Novels ist das Science-Fiction Genre mannigfaltig vertreten. Es gibt Cyberpunk, Steampunk, Mecha-Serien und natürlich für uns am bekanntesten die Science Adventure Reihe. Aufgrund dieser Übersättigung haben es neue Titel nicht leicht, sich auf dem Markt zu etablieren. Mit Frontwing Makuras ATRI: My Dear Moments tritt ein neuer Publisher in den Markt ein: Aniplex EXE.

Introducing ANIPLEX.EXE

Aniplex.EXE ist die VN-Abteilung der berühmten Firma ANIPLEX, die uns vierteljährlich mit neuen Animeserien versorgt. Am 2. Weihnachtstag des letzten Jahres kündigte die Firma erstmalig an, dass sie nun auch Visual Novels veröffentlichen wird. Nach einer Mitteilung von Aniplex America ist nun auch sicher, dass es sich dabei um eine globale Marke handelt.

Zu ATRI: My Dear Moments gibt es derzeit nur eine Demo von drei Stunden Länge. Das vollwertige Spiel soll laut Steam im Juli 2020 erscheinen. Das Spiel beinhaltet mehrere Sprachausgaben für die Textboxen, die simultan angezeigt werden. Das Voiceacting ist vollständig auf Japanisch.

Handlung:

In ATRI: My Dear Moments schlüpfen wir in die Rolle von Ikaruga Natsuki. Nach einem tragischen Unfall verliert er seine Mutter und eines seiner Beine. Diese Umstände führen dazu, dass er von einer prestigeträchtigen Schule, die nur als „Die Akademie“ bekannt ist, geworfen wird. Der Grund ist ganz einfach: Er kann seine Studiengebühren nicht mehr bezahlen.

In der Welt, in der Ikaruga Natsuki lebt, herrschen Naturkatastrophen und durch die steigende Erwärmung des Planeten schmelzen die Polkappen und es fluten ganze Städte. Darunter auch Natsukis Heimatstadt. Natsuki entscheidet sich dazu seinen Platz an der Akademie aufzugeben und wieder mit seiner Großmutter zusammenzuziehen. Er hat jedoch auf der Akademie viel gelernt und weiß das auch anzuwenden. Leider stirbt seine Großmutter bald und hinterlässt ihm ein U-Boot und ein Hausboot auf dem er fortan lebt. Auch hinterlässt sie ihm einen riesigen Batzen an Schulden.

Nachdem er davon erfährt, dass in seiner gefluteten Heimatstadt ein Schatz liegen soll, wird er von einer Inkasso-Agentin kontaktiert, die darauf aus ist diesen Schatz zu Tage zu bringen. Sie einigen sich darauf das, was auch immer verborgen liegen mag, untereinander zu teilen. Natsuki möchte sich von dem Profit ein neues Bein kaufen um seine verrostete Prothese zu ersetzen.

Tief im Meer entdeckt er dann den sagenumwobenen Schatz: Ein Androidenmädchen namens Atri. Atri selbst bittet Natsuki darum, ihr 45 Tage Zeit zu geben, damit sie eine Aufgabe erledigen kann. Catherine zählt schon das Geld, doch Natsuki hat andere Pläne. Anstatt sie zu verkaufen, freundet er sich mit dem Mädchen an und ihre quirlige Art und Frohnatur hilft ihm seinen eigenen Selbsthass zu überwinden und Freunde in dieser zerstörten Welt zu finden.

Eigene Meinung:

Technisches:

ATRI: My Dear Moments glänzt mit einem wunderschön gestalteten UI und einem Optionsmenü, das an ein PurpleSoft Spiel erinnert. Es gibt sehr viele anwählbare Optionen um den Textfluss zu variieren, verschiedene Fonts, jeder einzelne sprechende Charakter kann in der Lautstärke variiert werden. Auto-Bestätigungen können getogglet werden und vieles mehr. Zur Verdeutlichung des ausgiebigen Menübildschirms hier ein Slider. Auch ist anzumerken, dass es kleine Voice-Bits gibt wenn man irgendetwas im Menü anklingt. Hier strahlt einen die Stimme einer gut gelaunten Atri an.

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Slider

Artwork:

ATRI: My Dear Moments hat wunderschönes Artwork. Das lässt sich gar nicht von der Hand weisen. Die Art-Direction in dem Spiel wurde von niemand anderem als SCA-自 übernommen. Wer SCA-JI nicht kennt, er ist der Szenariowriter von den renommierten Spielen Sakura no Uta -Sakura no Mori no Ue o Mau- und Subarashiki Hibi: Furenzoku Sonzai. Als Größe in der Visual Novel Industrie hat er sich durch seine philosophischen Themen in die Handlungen der Spiele, die er schreibt, einen Namen gemacht. Auch schwören einige Leute auf seine Fähigkeiten als Writer und Artist. Letztere hat er in ATRI: My Dear Moments eindeutig bewiesen, denn das Spiel sieht einfach wunderschön aus. Die Welt, in der wir uns befinden, wird von erheblichen Wassermengen überschwemmt und trotzdem wirkt ein Blick auf das Meer in diesem Spiel beruhigend. Auch Unterwasser und in der Siedlung glänzen die Zeichnungen damit, dass sie die Atmosphäre des Spiels betonen. Die heruntergekommene Schule im zweiten Teil der Demo finde ich am eindrucksvollsten designt.

Auch ist mir beim Spielen oft nicht bewusst gewesen, ob die diversen Hintergründe des Spiels handgezeichnet oder photographiert und mit Filtern bearbeitet sind. Wenn es ersteres wäre, dann hat Hintergrundartist Waisshu ganze Arbeit geleistet.

Hintergrund erinnert mich persönlich an Nier:Automatas Landschaften, aber ist das jetzt gezeichnet oder photographiert?

Audio:

Die Musik im Spiel ist zum größten Teil Klavier, Flöte und Streichinstrument. Kennzeichen von Makuras Sounddesign. Der Soundtrack und die BGM stammen alle aus der Feder von Matsumoto Fuminori, bekannt als der Hauptkomponist der Grisaia-Serie. Die Musik ist im übrigen so beruhigend, dass ich sie schon während dieses Reviews auf Dauerschleife höre.

Der Opening-Song der nach der ersten Hälfte der Demo spielt erinnert sowas von 100% an Hana’s Aerodynamic Girls & Boys Song oder das erinnerungswürdige Sakura No Uta. Hört euch nur die Einstiege an!

Hana - Aerodynamics Girls and Boys Poem

Sakura no Uta / Opening Song Fansubbed

ANIPLEX.EXE『ATRI -My Dear Moments-』オープニングムービー

Voiceacting & Sounddesign:

Die Synchronisation von Atri ist herauszuheben, denn sie ist absolut fantastisch. Sie trägt in großem Maße dazu bei, dass ein eher merkwürdiger und quirliger Charakter wie sie funktioniert. Ein energisches, aber gutmütiges ROCKET-PANCHI! um ihren Meister zu schützen hat gereicht, damit ich sie in mein Herz schließen konnte. Auch die aufgedrehte Ririka ist liebenswert. Einzig und allein Ryûji, der nach dem Introvideo des Spiels in die Handlung eingeführt wird, hinterlässt einen bitteren Nachgeschmack, denn seine Stimme ist zu leise gemischt, oft sogar komplett vernuschelt. Leider ist der Protagonist nicht vertont. Meiner Meinung nach bei einem Spiel mit solch hohem Produktionswert unverständlich.

Warum die Charaktere so liebenswert sind

ATRI – My Dear Moments hat es geschafft binnen seiner 3 Stunden Demo jedem einzelnen Haupt- und Nebencharakter eine wichtige Rolle in der Story zu geben. Natsuki selbst wird uns von Anfang an als etwas pathetisch vorgestellt. Seine Lebensumstände, seine Beinprothese, wie er von Schuldeneintreibern verfolgt wird, das alles trägt zum Image des Protagonisten bei. In der Mitte der Handlung aber stellt sich heraus, dass er durch seinen Aufenthalt an der Akademie ein sehr schlauer Mensch ist. Intellektuell stellt er alle anderen Charaktere in der Schatten und er hat für jede Herausforderung eine passende Lösung parat, erklärt sie auch im kleinsten Detail und man lernt noch etwas dazu. Seine Beziehung zu Atri, die stetig enger verwächst ist amüsant zu verfolgen und das gesamte Bantering zwischen dem Cast ist glaubhaft. Er findet für Atri auch ein Adjektiv, was perfekt auf sie passt. Auch wenn sie es nicht wahrhaben will, tauft er sie „Ponkotsu„. Ins Deutsche übersetzt würde das sowas wie Tollpatsch heißen und das trifft auf Atri zu. Sie wirft alles auf dem Hausboot durcheinander und ihre Kochkünste sind nuklearer Abfall. Er meint es aber keineswegs böse, sondern stichelt nur etwas gegen sie. Die Dynamik der beiden amüsant zu verfolgen.

Der Zentralpunkt der Charaktere und auch wo der gesamte Humor der Demo verborgen liegt ist aber bei Atri selbst. Als ich sie zum ersten Mal sah dachte ich an eine Mischung aus Trinoline, Planetarian und To Heart. Aber Atri ist was besonderes: Atri ist eine „fehlerhaftes“ Androidenmädchen. Dies kann man dadurch feststellen, dass sie entgegen der Erwartungen an Cyborgs für sie die drei Gesetze Isaac Asimovs nicht gelten. Sie nutzt ihre Fähigkeit gegen Menschen zu kämpfen aber nicht für die Weltherrschaft, sondern um als selbsternannter Militärroboter Natsuki vor Gefahr zu schützen. Natsuki versorgt sie im Gegenzug mit Liebe, die sie als Android aber nicht vollständig nachvollziehen kann. Atri dichtet sich selbst auch Catchphrasen an und rezitiert z.B. den Gesetzesparagraphen zum ordnungsgemäßen Umgang mit Robotern wenn Natsuki sie ‚mal wieder Ponkotsu nennt. (s.o)

Wenn wir aber das Kind beim Namen nennen (höhö…) muss Atri ohne zu Zögern als Loli bezeichnet werden. Durch ihr Loli-sein gewinnt sie bei der Spielerschaft sowieso schon Sympathiepunkte. Atri benimmt sich aber nicht wie eine Klischee-Loli a lá Kousaka Kirino oder Umaru-chan. Sie ist keineswegs nervig. Sie ist Teil der Anti-Bully Fraktion.

H-Szenen:

ATRI: My Dear Moments ist eine All-Ages Visual Novel und dies ist wahrscheinlich dadurch bedingt, dass ein „seriöser“ Publisher wie Aniplex, der sich neu auf dem Markt zurecht finden will, es sich nicht gleich mit Sponsoren und Partnern verscherzen will. Man geht heute, trotz der steigenden Toleranz gegenüber Adult Only-Titeln, immer noch ein geschäftliches Risiko ein. Das ist nicht zu bestreiten.

Dennoch gibt es in Atri implizierten Sex, bzw. es wird offen gelassen. Ich erinnere mich dennoch an eine Szene in der Atri und Natsuki morgens aufstehen, Atri verlässt leicht bekleidet das Bett und lacht ihn an während sie gähnt. Natsuki führt darauf hin den inneren Monolog: „Ich habe mich gestern nicht im Griff gehabt und es wundert mich, dass sie heute mir das nicht übelnimmt.“

Es braucht keinen Detektiv um zu erahnen, dass die beiden etwas miteinander hatten. Es wurmt mich persönlich immer, wenn der Sex impliziert wird. Nicht aus Gründen, dass ich das unbedingt sehen muss, aber es fühlt sich billig an. Es hinterlässt diese Nuance, dass man das Spiel für Erwachsene hätte ausrichten können, aber es aufgrund der Massentauglichkeit zu einem All-Ages Titel macht. Normal würde mir das groß aufstoßen, aber Atri hat soviele schöne Seiten, dass ich das diesmal verschmerzen kann. Frontwing selbst ist ein großer Ero-Publisher mit Titeln wie Grisaia, Corona Blossom oder auch das neueste Release von ihnen Yuki Koi Melt. Auch Frontwing Makura hat Spiele mit äußerst expliziten Inhalten gemacht. Ich muss diese Entscheidung nicht verstehen, aber es wird eine Vielzahl von Leuten dazu bewegen den Titel nicht zu kaufen.

Fazit:

Selbst als Demo ist ATRI: My Dear Moments gut genug, dass ich dafür ein paar Euro ausgeben würde, aber wir haben ja im Endeffekt noch gar nichts gesehen. Der vorläufige All-Ages Tag auf der vndb könnte Leute abschrecken, aber es wäre nicht das erste Mal, dass Makura ein Spiel veröffentlicht, was sich nach dem ersten Kapitel um 180 Grad dreht. Von Konno Asta hat man noch nicht viel gesehen, von daher müssen wir gespannt sein, was da im Juli auf uns zukommt. Wir werden Natsukis Abenteuer mit der liebenswerten Atri auf jeden Fall spielen.

Wer die drei Stunden Zeit hat, wird jetzt dazu aufgerufen, dieses Spiel zu spielen. Ihr werdet es nicht bereuen.

Autor: Hata-tan

Hi, ich heiße Hata-tan oder Ramon (24) und bin ein Student der Japanologie an der Uni Frankfurt am Main. Ich spiele Visual Novels seit 2011 und habe bis dato um die 150 Visual Novels gespielt. Ich werde euch regelmäßig mit News und Reviews versorgen. よろしく~