O2A2 Game Jam: This Life Escapes Me, The Sixth Prison, The Reaper’s Dead Smile — Mit Leben und Tod handeln

Visual Novels, für die ein einzelnes Review zu viel wäre – nicht Demos, sondern wirklich fertige und sehr kurze Spiele. Solche kurze VNs sehe ich als gute Empfehlung für Einsteiger und eher faulere Leser.

Speziell diese VNs haben eine Gemeinsamkeit: Sie wurden all für den O2A2 Game Jam, auch bekannt als der Only one of each Asset, erstellt. Dieser Jam fand am 10. Mai dieses Jahres statt und dauerte eine Woche lang.

Die Regeln des Jams sind gefolgt:

  • Ein Sprite (ein Charakter mit nur einer Pose, aber mehreren Gesichtsausdrücken)
  • Ein Hintergrund (keine Tageszeitvariation und kein Ortswechsel)
  • Ein Musikstück oder Endlosschleife für Ambiente
  • Ein Soundeffekt
  • Ein Synchronsprecher
  • Eine Menüillustration
  • Und nur ein Projekt (man darf aber andere Projekte als Teil eines Teams unterstützen)

Was kann bei solchen Bedingungen alles erschaffen werden? Nun, in diesem Artikel werde ich euch drei solcher Exemplare vorstellen.

This Life Escapes Me

Leiterin, als auch Charakterkünstlerin und Autorin, dieses Werkes ist Coda, eine exzentrische Dame, mit der ich schon öfters rede. Ihre interessante, aber ernsthafte Eigenart ist unberechenbar und sie eine sehr kräftige und eindrucksvolle Stimme. Zusammen mit BaiYu, der Leiterin und Gründerin von Tofurocks und Project Enso, und NiAsobu als Hintergrundkünstlerin erschuf sie dieses kleine Werk und schaffte es knapp vor der Deadline zu veröffentlichen. Nebenbei arbeitet sie als die andere Hälfte von Quiet Days Co., wo sie an dem Otome Primrose Path arbeitet.

Story

Du wachst auf, ohne Erinnerung über dich selbst oder mit dem Wissen, wer die Person vor dir ist. Der Fremde stellt sich als Gad vor, dein Geliebter. Kannst du ihm trauen?

Protagonist
Mit mangelnder Erinnerung wacht unser Hauptcharakter auf, aber merkt dennoch, dass etwas falsch ist. Über die eigene Vergangenheit bekommt man nur Informationen von Gad.

Gad
Ein Mann, der sich als der Ehepartner unseres Hauptcharakters vorstellt. Er konnte seine Sehnsucht nach seinem Partner nicht überwinden und griff nach verbotenen Methoden.

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Trotz extremer Kürze und Linearität mit einem festgesetzten Ende erfährt man interessantes über Gad und der Hauptfigur, dessen Geschlecht dem Spieler überlassen ist. So erfahren wir über Gad selbst und seiner Vergangenheit, während er auch über die Hauptfigur erzählt. Was wir sehen und lesen ist nur ein Fragment von deren gemeinsamen Leben und doch lässt sich heraus schließen, was für ein Charakter unsere Figur hatte.  Auch wird klar, dass Gads Gefühle für die Hauptfigur äußerst intensiv sind, dass er sogar fragwürdige Magie benutzt, um auch nur für eine kurze Zeit wiederzusehen.

Grafiken

Obwohl der Charakter in schwarzweiß gehalten ist, ist sein Design sehr detailliert und weist auf seine Berufung hin. Mit Narben und einem fehlenden Auge zeigt sich seine kämpferische Vergangenheit, während die Tränke um seine Hüfte auf einen Kontakt mit Magie hinweisen können. Der Pelzmantel, den er trägt, lässt auch rätseln, ob er dafür einen Bären umgelegt hat. Seine Emotionen sind sehr expressiv, wodurch man herausstellen kann, wie Gad in dem Moment wirklich fühlt. Dieser Mann schaut einen an mit den sanftesten Augen, schwelgend in Erinnerungen und wechselt dann zu tiefster Reue und Erinnerungen, die er nicht loslassen kann.

Die ganze Szene wird mit einem Parallaxeffekt gezeigt, welcher mehrere Ebenen des Hintergrundes zusammenbaut. Es ein netter Effekt und lässt den Spieler mehr wie die Sicht der Hauptfigur wirken.

Der Hintergrund ist ebenso wie der Charakter in einem malerischen Stil und gegen Ende des VNs sieht man die beeindruckende Länge des Gebäudes mit dem Blick in den Sternenhimmel. Es wirft Fragen was oder wo genau dieser Ort ist und welche Verbindungen es noch mit Gad oder der Hauptfigur hat.

Das Interface ist simpel, aber praktisch gehalten. Es unterstützt Menschen mit Dyslexie mit alternativen Schriftartoptionen und hat auch die Möglichkeit die Schriftart zu vergrößern. Auch auf Self Voice-Option wird hier noch aufmerksam gemacht, welches man praktisch in jedem Ren’Py erstellten Spiel mit der Taste V anschalten kann. Ebenso Screenshots mit der Taste S.

Musik & SFX

Das Menü und das Spiel selbst sind recht still gehalten, gerade mal ein Geräusch im Titelmenü, wenn man über die Wörter huscht. Gegen Ende hin lauscht man der Melodie von Pandora Selfridges Three Dramatic Études. Ein sehr angenehmes und sentimental starkes Stück, welches hervorragend zum Ende passt, besonders nachdem man mit dem letzten Blick aufs Gads Gesicht in den Sternenhimmel blickt. Was wir von dem Musikstück ist jedoch ein kleiner Teil, denn nach dem ersten Teil änderte sich die Gefühlsstimmung und ich würde da empfehlen es sich selbst anzuhören.

Fazit

So limitiert wie die Bedingungen sind, lässt sich nicht auszusetzen an This Life Escapes Me. Obwohl die vier Wahlen in der Geschichte eher zum Erweitern der Vorgeschichte gedacht sind, war es wohl am besten, dass es bei einem Ende blieb. Wobei ich daran denke, ob es nicht besser geeignet wäre, Ambiente zu benutzen, statt des einzelnen Musikstücks am Ende. Dies ist wiederum eine persönliche Idee. Ebenfalls bin ich gespannt, ob Coda noch die Vorgeschichte erweitert, da sie schon mal darauf hingedeutet hat, ein Prequel dazu zu erstellen.

Aber mal ehrlich; wenn eines der ersten Dinge, die eine Person zu dir sagt, ist, sie sei dein Ehepartner und aussieht, als hätte sie ’nen Bären umgelegt, wäre meine erste Reaktion starke Zweifel, gefolgt von einem Schrei.

The Sixth Prison

Obwohl The Sixth Prison Elemente einer Visual Novel hat, ist es dennoch keins. Noch nicht wegklicken aber! Denn ehe man sich versieht, ist diese Kinetic Novel ein Prequel zu Cryoslights Lavender Link, welches ich ebenfalls noch unter die Lupen nehmen werde.

Story

Man ist ein Alien-Verbrecher, welcher bereits mehrmals transferiert wurde. Nun ist man in der sechsten Gefängnisanstalt und unser Protagonist ist frustriert. Mit einem Hass gegenüber Menschen und dem Personal zeigt sich dieser Insasse als unkooperativ. Aber dieser pinke Besucher hat seine Methoden.

Protagonist
Ein Insasse, der bereits fünf Gefängnisse absaß. Äußerst misstrauisch gegenüber Menschen und traut auch keinem Alien mehr. Anscheinend hat dieser Genosse Tentakel an seinem Körper.

Der Pinke
Viel erfährt man nicht von diesem Herren, außer dass er nicht gerade enthusiastisch wirkt. Wo er vorher noch versucht mit empfohlenen Methoden den Insassen zum Reden zu bringen, ist er nicht zögerlich mit anderen Mitteln.

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Typisch für Kinetic Novels ist eine lineare Story und nur ein einziges Ende. Der Aufbau des Horrors ist langsam und wir bekommen Informationen hauptsächlich bezogen auf den Hauptcharakter und dessen Gedankengang während der Konversation mit dem Gefängnisangestellten.

Grafiken

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Ein Sprite, ein Hintergrund — der Hintergrund ist simpel, aber passend zu der Atmosphäre der kurzen Story. Ein dunkler Raum, der geöffnet wird und hinter der Tür glüht der Gang rot. Anders als der Sprite, wurde der Hintergrund von einer freien Ressource-Seite genommen und anschließend bearbeitet. Cryoslight besitzt den interessanten, größtenteils linienlosen Stil, der mich sehr an Vektorgrafiken erinnert. Ich persönlich finde, dass sie ein Händchen dafür hat, interessante Monster- und Aliendesigns zu schaffen; hierbei referiere ich ihre Kreationen von einem weiterem Game Jam Projekt, Yearning for Daybreak von Sabitah Studio, wo sie die Monster gezeichnet hat.

Musik & SFX

Eine dunkle und schöne Melodie spielt bereits im Titelmenü ab und wird auch bis zum Höhepunkt benutzt. Besonders aber gefiel mir die Auswahl beim Höhepunkt. Wo es vorher ruhig war, wurde ich dann überrascht mit der Schwenkung zu einer panischen Situation. Cryoslight hat diese zwar nicht komponiert, aber gibt auf der itch.io-Seite von The Sixth Prison an, wo ihre Quellen herkommen.

Fazit

Ein Horror von kurzer Dauer — The Sixth Prison liest sich wie eine kurze Schauergeschichte, die man an einem Lagerfeuer erzählen würde oder eine Creepypasta im Internet sogar. Der Anfang war recht monoton, aber der Aufbau bewies sich als interessant. In gewisser Weise war es vorhersehbar, aber dies ist wiederum eine persönliche Einsicht als Horror-Visual Novel-Fan. Es interessiert mich dennoch, wie der Insasse und der Alienpfleger hießen. Eine Antwort könnte ich da wohl in der Fortsetzung wiederfinden. Mal hoffen, dass der Gefangene keine Rolle in einem Eroge hatte. Bevor noch Fragen auftauchen, weshalb ich weiß, dass das pinke Alien ein Herr ist: Cryoslight äußerte selbst das Geschlecht in einer Unterhaltung.

The Reaper’s Dead Smile

Ein weiterer Sonderfall in diesem Artikel ist The Reaper’s Dead Smile. Während viele EVNs in der kostenlosen Software Ren’Py erstellt werden, benutzte Forgotten Workshops, welchen ich als Firgof kenne, das Programm Unity. Um spezifisch zu sein: mit der Visual Novel-Erweiterung Naninovel, welches bereits seine Runden macht in der Visual Development-Community. Firgof gibt zu The Reaper’s Dead Smile an von den Märchen der Gebrüder Grimm inspiriert worden zu sein, was mich wiederum wundern lässt, welche Märchen insbesondere diese Erzählung formten.

Story

Ein armseliger Mann legt sich zur Ruhe nach einer weiteren Nacht gefüllt mit Alkohol, unwissend, dass er den nächsten Morgen nicht mehr aufwachen wird. Der Sensenmann erscheint und stellt ihm klar, dass er zur Hölle fahren soll. Jedoch bekommt er eine Chance ins Purgatorium zu kommen — indem er seinen Mörder identifiziert.

Der Mörder
Eine Person entschlossen den Protagonisten zu töten. Anhand der Fragen, die wir den Sensenmann stellen, findet wir die Identität heraus.

Protagonist
Ein Alkoholiker, der seit dem Tod seiner Frau und dem Verschwinden seines Kindes sein Leben nicht mehr im Griff hat. Jedoch scheint er kein Heiliger gewesen zu sein, da die Hölle auf ihn wartet.

Der Sensenmann
Bekannt unter vielen Namen ist der Sensenmann nun dem Hauptcharakter erschienen. Er erlaubt sich ein Ratespiel mit dem Opfer und somit die letzte Chance nicht in die Hölle zu geraten.

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Firgof macht sein Setting bereits am Anfang klar. Die Erzählung geht voran, indem man Fragen fokussierend auf den Mörder unseres Protagonisten stellt. Logischerweise helfen manche mehr, um das Purgatorium-Ende zu bekommen. Der erste Lauf wird zielloses Wählen sein, aber spätestens, wenn man das erste Ende fertig hat und den zweiten Anlauf startet, weiß man, wer hier wessen Kehle aufschlitzt. Oder ihr habt hervorragende Deduktionfähigkeiten und braucht nur einmal zu spielen. Wir beobachten anders als üblich diese Geschichte als dritte Person, die die Fragen für den Mann auswählt. Es scheint nur zwei Endings zu geben; Hölle oder Purgatorium. Für diesen Mann gibt es keinen Himmel und man erfährt auch wieso, wenn man die Antwort falsch hat.

Grafiken

Sobald das Titelmenü erscheint wird man mit dem Logo eingeladen zu einer kleinen Horrorgeschichte. Die Palette besitzt überwiegend rote und dunkle Farbtöne, die allseits bekannt in Horror sind. Heraussticht der Sensenmann mit seiner goldenen Maske und auch anders als der Hauptcharakter, ist seine Textbox umrahmt von Gold. Das Design von ihm ist ebenfalls nicht ganz, wie man ihn sonst in Medien sieht und auch fehlt sein Markenzeichen, die Sense. Da stellt sich mir dir kleine Frage auf, ob dieser Charakter mit einem anderen Universum aus seinen vorherigen Werken verbunden ist. Sonst anzumerken ist Firgofs Detail für Verzierungen und Nutzung von kleinen Elementen im Interface. Als jemand, der sich stets an Details für ihre eigenen Arbeiten versucht, sind solche Nebensachen immer gerne einen zweiten Blick wert.

Naninovel erlaubt es noch die Qualität von Grafiken einzustellen und Schriftbearbeitung. Jedoch sollte man mit Hantieren der Schrift in Naninovel-Visual Novels vorsichtig sein, da bei manchen gerne mal ein Absturz passiert.

Musik & SFX

Auch wie bei The Sixth Prison wurde für The Reaper’s Dead Smile eine Melodie genutzt, die einen auf Zehenspitzen hat. Es ist keine traurige Geschichte, sondern der schleichende Tod, der geduldig wartet. Es wird eingeleitet mit einem Unwohlsein und selbst bei Höhepunkt, dem Mord, verhält sich es immer stets ruhig und lauernd. Es wurde meines Wissens nicht angegeben, wer die Musik komponiert hat, weshalb ich nur ziellos raten kann.

Fazit

Atmosphärisch ein interessantes Werk, aber nicht unbedingt geeignet für Leute, welche sich noch mit Englisch abmühen. Ich selbst musste einige Male nachdenken, ob ich ein Wort kenne oder nicht. Während Ren’Py Tastaturkürzel hat, die einige Funktion erleichtern und im Vergleich leichtere Software ist, als Unity, muss man Accessibility-Funktion einprogrammieren, welche bereits in Naninovel erhalten sind. Jedoch machen Unity-Visual Novels gerne mal Probleme auf älteren Geräten, ein Grund wieso ich persönlich Naninovel-Kreationen bisher vermeide. Davon abgesehen wirkt The Reaper’s Dead Smile von hoher Qualität, welches man in ein längeres Werk ausarbeiten könnte. Passend wie The Sixth Prison kann man The Reaper’s Dead Smile an Halloween für kleine Schauer genießen.

Gesamtfazit

Will man leichte Kost haben oder einfach eine kurze Erfahrung genießen, diese drei Developer als sowohl noch andere, die an O2A2 mitgemacht haben, zeigen, dass man nicht viel braucht, um ein gutes VN-Erlebnis zu erstellen. Der Sinn von Only one of Each Asset-Jam ist, neben kurzen Erlebnissen, ebenfalls eine stressfreie Erfahrung für Teilnehmer. Kommentare von Leuten, die äußern, dass diese VNs zu kurz sind, schießen sich dabei selbst in den Fuß. Schließlich ist das der Sinn der Sache. Man kann diese Exemplare, wie die Kurzgeschichten aus der Literatur sehen. Für Einsteiger ins Visual Novel-Genre sind solche kleineren Beispiele eine gute Kostprobe entweder als Konsument oder als anstrebender Indie-Developer.

Fünfzehn Minuten zur Hand? Einfach mal diese und weitere kurze Visual Novels von O2A2 spielen und lesen:

This Life Escapes Me
The Sixth Prison
The Reaper’s Dead Smile

Autor: Akua

Yahoo! Mein Künstlername ist Akua Kourin, aber Aku ist kürzer und schneller. Ich bin für Otome, BL und GL hauptsächlich zuständig, aber mag auch gerne mal den einen oder anderen Horror Visual Novel oder RPG. Bin im Indie VN Markt tätig als Sprite und CG Artist, aber auch Solo Dev "Demon's Decoy". Ansonsten bin ich Trash Fangirl für Yandere und Psychological Horror.