Review: Love Letter

In unserem Discord wurde in den letzten Wochen häufiger über ein bestimmtes Eroge geredet, welches ich bereits öfter empfohlen hatte. Da mehrere Leute in unserer Community es nun bereits am Lesen sind, dachte ich, es wäre passend auch ein kleines Review über LOVE LETTER zu verfassen.

Takuya ist Assistenzprofessor an einer medizinischen Universität. Obwohl er überaus intelligent und ihm eine große Karriere sicher ist, hat Takuya seine Lebensfreude verloren, nachdem vor einigen Jahren seine Freundin Yayoi gestorben ist. Er gibt sich die Schuld an ihrem Tod und seitdem forscht er in Sühne unentwegt an einem Heilmittel, welches sie damals hätte retten können, zusammen mit seinen Assistentinnen Mizuho, Aya und Sachiko.

Eines Tages erreicht ihn ein Brief ohne Absender. Im Umschlag befindet sich ein Stück menschliche Haut, allem Anschein nach frisch und erst kürzlich chirurgisch sauber von einem lebenden Organismus abgetrennt. Dabei liegt ein Brief, in dem Takuya daran erinnert wird, dass er sich doch bitte von irgendwelchen Schlampen fern halten sollte, unterzeichnet von „der Frau, die dich am meisten auf dieser Welt liebt“. Zur gleichen Zeit wird Reiko vermisst, eine Studentin, mit der Takuya kurzzeitig mal etwas hatte, weil sie ihn an Yayoi erinnerte. Und schon bald sollte sich Takuyas Verdacht bewahrheiten…

Wer ist der mysteriöse Absender dieser Briefe? Es liegt am Spieler dies herauszufinden.

Weitere Briefe erreichen Takuya seitdem unregelmäßig, ab und zu sogar Videokassetten, die nur bestätigen und in aller Grausamkeit zeigen, was er bereits befürchtete. Außerdem steigt seine Angst um das Wohlergehen der anderen Mädchen in seiner unmittelbaren Nähe, allen voran Mizuho, zu der er, seit er letztens zu ihrer Geburtstagsfeier eingeladen wurde und sie dort besser kennen gelernt hatte, eine besondere Verbindung spürt.
Schickt Yayoi ihm Briefe aus dem Jenseits und bestraft ihn für seine Untreue? Ist sie etwa gar nicht tot? Oder sollen vielleicht sogar diese blutigen Experimente eine versteckte Leidenschaft in ihm wecken? Was es auch sei, Takuya muss schnell handeln und das Rätsel um diese Liebesbriefe aufdecken, denn das Leben all seiner Freunde steht auf dem Spiel …

Hoffentlich wird dieser unschuldigen kleinen Schwester niemals etwas zustoßen.
Positiv:

  • Gore
  • dafür fast kein sinnloser Hentai
  • spannender Krimi-Thriller
  • Whodunit zum Mitraten
  • verschiedene Point of Views
  • Mizuho
  • alle anderen Charaktere aber auch
Negativ:

  • keine Skip-Funktion für bereits gelesene Abschnitte
  • keine männlichen Sprecher

 

 

 

 

Da das Spiel älter ist, werden in der Geschichte noch VHS-Kassetten benutzt.

Love Letter ist ein unbekanntes Juwel und ich bin nur durch viele sehr glückliche Zufälle auf dieses Spiel gestoßen.

Ein Grund, warum ich gerne Eroge spiele, die etwas blutiger sind, ist nicht der, dass ich einen Gore-Fetisch hätte (ganz im Gegenteil), sondern dass, wenn die CGs für Blut genutzt werden, sie nicht für sinnlosen Hentai drauf gehen müssen. Da Gore meist in engem Zusammenhang mit Story, Spannung und Horror steht, ist das in meinen Augen die weitaus bessere Alternative zu Szenen, die ohnehin geskippt gehören.

Dieses Spiel entspricht genau dieser These. Man sollte sich nicht von dem Blut abschrecken lassen. Sinn dieser Szenen ist nicht, einen exotischen Fetisch abzudecken, sondern ähnlich wie zum Beispiel bei den Werken von Innocent Grey Spannung, Schrecken und eine unmittelbare, starke Bedrohung beim Spieler auszulösen. Das wirkt positiv aufs Pacing der Geschichte, Langeweile oder Filler gibt es nie, und die Bindung zu den liebenswerten Charakteren ist dadurch besonders stark.
Ein weiterer Pluspunkt ist, dass das Spiel es schafft, allen nervigen Klischees dieses Genres auszuweichen. Es gibt durchaus Momente, wo ich dachte, dass die Story nun in 08/15 SM- oder Rape-Gefilde abdriften könnte, aber es tut dies zum Glück nie. Die Charakterisierung ist konsistent gut und tiefgründig, Gore wird nie zum Selbstzweck stilisiert und die Integrität als Crime-Mystery bleibt durchgängig bestehen.

Ein Engel in Weiß.

Die erste Hälfte des Spiels erinnert an einen Horrorfilm. Merkwürdige Ereignisse, schreckliche Offenbarungen und ein Rennen gegen die Zeit. Das Spiel wäre schon toll gewesen, wenn es dabei geblieben wäre, denn was es hier macht, macht es verdammt gut. Doch nach der ersten Hälfte legt Love Letter fast eine Art Genre-Shift hin, geht noch stärker auf Charaktere, Gefühle und zwischenmenschliche Verbindungen ein, als man es von einem Horror-Spiel erwartet hätte, und belohnt den Spieler dafür, dass er Geschichte und Figuren ernst genommen hat, indem die Story Tiefen offenbart, die weit über gewöhnliche Horrorschinken hinaus gehen.
Man muss das Spiel öfter durchspielen um auch jede Facette der Geschichte begreifen zu können, aber mit jedem neuen Twist ergibt sich ein noch interessanteres Gesamtbild. Und wenn dann das letzte Puzzleteil hinzugefügt wurde, ist das Ergebnis meines Erachtens sehr zufriedenstellend.

Ich kann dieses Spiel nicht genug empfehlen. Der Vergleich zu Kara no Shoujo liegt nahe und in meinen Augen ist Love Letter sogar noch besser, da der Fokus auf die Charaktere und ihre Gefühle hier noch größer ist.
Für mich zweifellos eines der besten Eroge, die ich gespielt habe. Ausdrückliche Empfehlung.

Vielleicht hätte Takuya Chirurg werden sollen. Oder vielleicht besser doch nicht.

Post Author: Tyr