Lightning Warrior Raidy I – Review

Stellt euch einen düsteren Turm mit einem weitläufigen Dungeon voller dunkler Ecken, Schätze und fieser Monster vor, in dem ihr skurilen Gestalten begegnet, die unschuldige Frauen gefangennehmen und foltern.

Auf diese Art lässt sich die Handlung von Lightning Warrior Raidy I: Ikazuchi no Senshi Raidy in einem Satz beschreiben. In diesem uralten ZyX-Titel aus PC-98 Zeiten, dessen Windows-Remake von G-Collections (heute ein Teil von JAST) am 7.April.2008 lokalisiert und veröffentlicht wurde, wird unser Kurzzeitgedächtnis und unser Umgang mit simpelsten Battlemechaniken auf die Probe gestellt. Es ist ein sehr einfach gehaltener Dungeon-Crawler, aber hat seinen eigenen Reiz!

Raidy I und II wurden kostenlos von JAST wegen der grassierenden Covid-19 Epidemie für ein Wochenende zum Download angeboten. Wir konnten uns natürlich diese Gelegenheit nicht entgehen lassen und erwarben gleich die ersten zwei Teile der Lightning Warrior Raidy-Reihe. Die Reihe umfasst vier Titel von denen drei lokalisiert erhältlich sind. Raidy 3.5 steht noch in den Sternen. Bis heute hat sich die Raidy-Reihe technisch immer weiter verbessert und ist mit großen Schritten komplexer geworden. Doch genau aus diesem Grund fühlt es sich so nostalgisch an, die ambitionslosen, holprigen Anfänge der Reihe neu zu erleben.

Eine dunkle Höhle – Was wird unsere tapfere Heldin erwarten?

Story:

In einem Dorf tief versteckt im Wald geschieht etwas Ungeheuerliches: Bewaffnete Kriegerinnen tauchen urplötzlich auf und entführen alle Frauen des Dorfes. Es liegt nun an der wunderschönen und ebenso gefährlichen Blitzkriegerin Raidy den gefährlichen, mit Fallen und Monstern gespickten Dungeon zu erforschen; Ebene für Ebene die Bosse zu bezwingen und die gefangenen Frauen zu befreien. Jeder der Ebenenwächter ist darauf aus, Raidy zu versklaven und ihre sadistischen Bedürfnisse ausleben. Um heil den Turm zu erklimmen muss Raidy Hinweise auf die Schwachstellen der Gegner in Erfahrung bringen, neue Waffen und Tränke sammeln und vor allem eins: Grinden bis der Arzt kommt! An der Spitze des Sechs-Etagen Dungeons wartet auf sie die Inkarnation des Sexualtriebs: Der groteske Dämon Cubust. Wird Raidy den tückischen Dungeon bezwingen können?

Technik und Audiovisuelles:

Nach dem Download von Raidy wird der Spieler feststellen, dass das Spiel mehrere .exe Dateien besitzt. Es ist wichtig, dass euch zwischen Vollbild- oder Fensterclienten entscheidet, denn ohne manuell daran rumzupfuschen und Dateien auszutauschen werden die gespeicherten Spielstände nicht übertragen. Vorsicht ist also geboten und man sollte die Verknüpfung am Besten auf den Desktop speichern.

Dafür, dass das Spiel schon viele Jahre auf dem Buckel hat, sieht es nicht schlecht aus. Die Kerker haben eine düstere Atmosphäre und sind in Dämmerlicht getüncht. Nach dem Durchstreifen der Korridore wird man aber definitiv etwas  Abwechslung benötigen. Mit Ausnahme der letzten Ebene, ist das Verlies visuell komplett gleich gestaltet. Dies ist wohl Absicht, da es zur Orientierungslosigkeit beitragen soll.

Der Soundtrack des Spiels ist meiner Meinung nach absolut fantastisch. Ich verlinke euch eine Playlist mit dem gesamten Soundtrack der ersten beiden Teile. Selbst der Verlies OST (Track 6), den man durch den ganzen Spielverlauf zur Genüge hören wird, geht sehr gut ins Ohr.

Lightning Warrior Raidy - Main Theme

Das Voiceacting ist natürlich nicht optimal und der Fakt, dass die JAST Version an einigen Stellen einen ziemlich verzerrten Sound hat ist schlecht. Es hört sich einfach nicht professionell aufgenommen an. Die Synchronsprecher klingen zu weit vom Mikrofon weg. Das wird wohl ein Problem seiner Zeit gewesen sein.

Gameplay:

Wie bereits angesprochen ist Raidy ein äußerst simples Spiel. Das heißt jedoch nicht, dass man ihm nicht seinen gewissen Reiz entlocken kann, indem man es auf eine bestimmte Weise spielt (siehe Sektion unten).

Die meisten RPGs und Dungeon Crawler erlauben es euch mehrere Orte zu besuchen, sowohl zwischen Hub-World und Dungeons zu wechseln. Raidy I hat das alles nicht. Es ist zu 100% ein Dungeon Crawler – Dungeon in Einzahl. In für PC-98 ambitionierter 3D-Perspektive streifen wir Feld um Feld durch die kreisrunden, verschachtelten Ebenen des Dungeons. Anfangs können wir noch nicht einmal eine Karte sehen und das ist genau das richtige Feeling für ein Spiel dieser Art. Man ist blind und komplett orientierungslos bis man die Karte der Ebene gefunden hat. Von Zeit zu Zeit stößt man auf Gegner, die einem an die Wäsche wollen und kloppt sich durch simples Betätigen des Aktionsmenüs durch die Zufallskämpfe.

Combat:

Wer erwartet, dass man Parieren, Blocken oder Zauber wirken kann, der will zuviel von Raidy I. Es wird einem zwar die Möglichkeit zum Verteidigen geboten, aber dann könnte man seine Runde auch gleich verschenken. Es hat keinen sichtbaren Effekt. Schwertangriff, Lightning Slash (Raidy’s Spezialangriff, der mehr Schaden macht, je mehr MP man hat) und HP/MP Tränke sind die einzig nützlichen Optionen. Flüchten kann man auch noch und davon wird man auch einige Male Gebrauch machen, wenn man nicht unnötig seine Tränke verschwenden will. Sobald ein Gegner, den wir übrigens immer 1 gegen 1 bekämpfen, besiegt wird, sehen wir eine aufreizende, sexuell eindeutige Pose als Belohnung für die Auseinandersetzung.

Pro Ebene begegnen wir exakt 3 verschiedenen Gegnern, die wir bis zum Exzess bekämpfen um Geld, Heiltränke, Gegengifte und natürlich Erfahrungspunkte für Level-Ups und Stat-Ups zu sammeln. In unserem Inventar findet sich ein Auswahlmenü für Raidys Ausrüstungsgegenstände – ihr Schwert und verschiedene Kürasse aus diversen Materialien. Darüber hinaus auch ein Menü in dem wir MP und HP Tränke verschiedener Stärke anwählen können um uns von leichten bis schwerwiegenden Verletzungen zu heilen.

Beim Durchstreifen einer Ebene halten wir Ausschau nach versteckten Truhen, doch diese sind in diesem Spiel, wie auch in den meisten anderen Dungeoncrawlern aus der Zeit, in der absoluten Bedeckung. Man streift durch die Korridore und betritt scheinbar leere Räume, bis man bemerkt, dass die Truhen in dem Spiel unsichtbar sind und nur als Events, sollte man auf bestimmte Felder treten, aktiviert werden. Manche Truhen enthalten Tränke, abgelegenere und oft hinter Wänden verborgene Gänge bergen Ausrüstungsgegenstände mit denen das Grinden erheblich beschleunigt wird. Manche Truhen können einen auch vergiften, weshalb man die Gegengifte, die man erhält, nicht verschwenden sollte. Man braucht sie öfter als erwartet. Mimics gibt es keine.

Besonderheiten:

Der Dungeon wird von Ebene zu Ebene zunehmend komplizierter und auch leicht „gimmicky„. Ab Ebene 2 wird man nach unsichtbaren Durchgängen suchen müssen, die man nur findet, wenn man mit dem Kopf durch die Wand rennt. Hinter diesen Wänden finden sich aber oft bessere Schwerter und eine Vielzahl an Tränken, die man verpasst, wenn man nicht jede Ecke erkundet. Noch höher im Turm werden die Ebenen komplizierter. Es gibt nun Drehfelder und Teleporter,  die euch an andere Orte des Dungeons hin- und zurück transportieren. Ein einfacher Durchlauf zu einem Kerker kann sich gerne mal in die Länge ziehen. Ohne Karte seid ihr aufgeschmissen, deshalb sollte die höchste Priorität sein diese zu finden.

Stage-Bosse:

Nach dem Erreichen eines Bosses werden wir mit der kalten Realität konfrontiert, denn keiner der Bosse lässt sich bezwingen ohne seinen Schwachpunkt in Erfahrung gebracht zu haben. Dafür müssen innerhalb des Levels bestimmte Events ausgelöst und mit den Kerkerinsassen gesprochen werden. Es ist von äußerster Wichtigkeit jeden Dialog zu beenden, da man oft erst durch mehrmaliges Auslösen einer Szene den Hinweis erhält. Auch muss man jede „Auswahlmöglichkeit“ durchlesen, bevor es überhaupt in den Kampf mit einem Boss geht. Auswahlmöglichkeiten sind nur kosmetisch; Es gibt nur ein Ende, aber viele Bad Endings.

In den Bad Endings geht es heiß zur Sache, denn Raidy wird selbst zum Opfer der sadistischen Damen des Verlieses. Diese Szenen sind reichlich sexy, aber sehr kurz und führen alle zu einem Game Over und Neustart vom letzten Speicherpunkt. Ironischerweise steht in der beigefügten Spielbeschreibung von G-Collections, dass Raidy ein Spiel ist was einen auch bei einem Game-Over „belohnt“. Kann das nicht abstreiten!

Eigene Meinung:

Raidy I ist ein alter und spartanischer Dungeon Crawler, den man mit modernen Crawlern wie der Etrian Odyssey- oder Shin Megami Tensei-Reihe gar nicht zu vergleichen braucht. Wer ein herausforderndes Abenteuer erwartet, der hat sich einfach zu viel erhofft, bzw. erhält seine Herausforderung auf die nervigste Art und Weise. Die Monster in Raidy I werden euch hart umkloppen, wenn ihr einfach durch die Ebenen rusht, da sie mit Magieangriffen  oft „Fixed Damage“ austeilen, der euch langsam aber sicher die Tränke aus der Tasche leiern wird. Wegrennen und einfache Gegner wie Geister kloppen, bis man sich auf ein ebenbürtiges oder höheres Level gesteigert hat, ist Pflicht.

Stellt euch aufs Grinden ein:

Dies ist die größte Krux von Raidy: Der Schwierigkeitsgrad und die Erfahrungspunkte, die ihr erhaltet variieren nur mit eurem Level. (Formel: Base EXP (-) Raidys Level) Das heißt aber nicht, dass die Gegner mit euch skalieren, sondern dass ihr, wenn ihr unterlevelt seid, nur Chip Damage austeilt oder im schlimmsten Falle eine fatale Treffergenauigkeit habt und dauert abgewehrt werdet. Auf gleichem Level sinkt diese Rate dann auf ein erträgliches Maß ab und wenn ihr überlevelt seid haben die Gegner die niedrigere Trefferrate. Dies führt von Ebene zu Ebene zu intensiven Schwierigkeitsspitzen, die sich nur durch Grinding kompensieren lassen. Gerade, wenn man nur schnurstracks von Ebene zu Ebene läuft und nicht jeden einzelnen Raum erkundet, wird diese Erfahrung einen zur Weißglut treiben.

Generell hat mich das Kampfsystem ziemlich stark gelangweilt, weil es so voraussehbar und frustrierend war. Leute, die schon die alten Dungeon Crawler vor den 2000ern gespielt haben, werden genug von dem traditionellen „Angriff/Items/Magie/Flucht“-System haben und sich nach Innovation sehnen. Selbst damals war dieses System schon ausgelutscht.

Diese gravierenden Probleme lassen Raidy I eher in Arbeit ausarten statt ein positives Erlebnis zu bieten.

Wie man Raidy stattdessen spielen sollte:

Raidy ist kein gutes Spiel. Das haben wir jetzt ausführlich geklärt. Dennoch möchte ich euch ein Spielweise vorschlagen, mit der ihr aus einem simplen Crawler wie diesem, einen gewissen Reiz ziehen und gleichzeitig monotone Grinding teilweise mildern könnt. Es ist ganz einfach: Ihr müsst das Spiel als einen PC-98 Klassiker spielen.

Chad Tyr: Mapping Tool

Unser Staff-Manager Tyr hat seinen Durchlauf von Raidy I mit einem Mapping-Tool verewigt. Ich hingegen habe Stift und Papier bemüht, weil ich technisch nicht so versiert bin. Beide Varianten machen Spaß, deshalb sind sie nur zu empfehlen. Für die faulen unter euch gibt es aber hier einen Guide.

Einfach gesagt bedeutet das, dass ihr entweder eine Mapping-Software oder Stift und Papier zur Hand nehmt und den Dungeon Feld für Feld aufzeichnet. Natürlich könnt ihr, wenn ihr stecken bleibt, immer noch die Karte finden und benutzen, dennoch finde ich es besser, wenn man sich die Karte selbst zeichnet und so langsam aber sicher die Geheimnisse und Geheimwege selbst findet. Diese Art zu Spielen ist nostalgisch, beansprucht Zeit und Konzentration, sowie ein gutes Erinnerungsvermögen und räumliches Denken.

 

Beta Hata: Stift und Papier

Ich vermute sogar, dass man auf diese Weise das Spiel ursprünglich spielen sollte, denn das Rumirren im Dungeon und unausweichliche Kloppen von Monstern auf dem Weg trägt zum korrekten Pacing des Spiels bei und man muss nicht exklusiv im Endstück der jeweiligen Ebene aufleveln. Je dümmer man sich hier anstellt, desto einfacher hat man es beim Aufstieg in die nächste Ebene, weil man schon ordentlich gelevelt ist und eine Handvoll Tränke gefarmt hat. Jeder Aufstieg, der zu früh geschieht, wird euch erfahrungsgemäß mehr Tränke kosten und im schlimmsten Fall das Spiel softlocken, wenn man nicht mehr heilen kann und gleichzeitig dem Tode nahe ist.

Tipp

Auch bemerkt man beim Zeichnen seiner eigenen Karte, dass die Räume ja eigentlich in vorhersehbaren Strukturen und nahezu symmetrischer Kreisform aufgebaut sind. Jetzt muss man nur noch die Geheimwege finden, die sich irgendwo bei den noch nicht kartografierten Lücken befinden müssen.

Meiner Meinung nach mindert es den Spielspaß, wenn man nicht herumirrt, so paradox das auch klingen mag.

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Meiner Meinung nach mindert es den Spielspaß, wenn man nicht herumirrt, so paradox das auch klingen mag.

H-Content:

Wir sollten nicht vergessen, dass Raidy I immer noch ein waschechtes H-Game ist, deshalb wird man mit sexuell aufreizenden Grafiken und Posen noch und nöcher konfrontiert werden. Raidy I orientiert sich am Bondage-Sadomaso (BDSM) Genre und auf jeder Ebene werden wir eine andere Foltermethode sehen. Wem u.A. Kerzenwachs, Auspeitschen, Fesselspiele, Spanking und Yuri-Szenen nicht zu kinky sind, der wird hier voll auf seine Kosten kommen. Die Szenen sind außerordentlich kurz, deshalb werden sie eher als Appetizer und nicht zur vollständigen Fappierungsession genügen

Alternative H-Szene

Es gibt auch noch ein alternatives Ende mit einer H-Szene, die man nur auf eine Weise bekommen kann. Dazu muss man gegen jeden Stage-Boss einmal sterben bzw. das Bad Ending triggern und dann in der letzten Auswahlmöglichkeit bei Endboss dem Bösen Einfluss nachgeben. Aus Komplettierungsgründen sollte man vorher speichern.

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NSFW Beispiel

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Fazit:

Auch wenn man Raidy auf eine weniger frustrierende Weise spielen kann, rettet es das den Titel natürlich nicht vor einer schlechten Bewertung. Raidy 1 ist clunky, frustrierend, grindy, simplistisch und hoffnungslos veraltet. Heute müssen Dungeon Crawler mindestens den Status eines Legend of Grimrock oder Etrian Odyssey erreichen, sonst werden sie nicht gerne gespielt. Ich bin zu verwöhnt um mich mit solchen Pionieren des Genres (zumindest im Ero-Bereich) zu beschäftigen (Tyr allerdings hat über ein dutzend dieser Dungeon Crawler auf seinem PC98 gespielt und genossen).

Für einen Trip-down-memory-Lane ist Raidy I eine Erfahrung, die man sich weitaus besser in anderen Titeln gönnen kann. Wie beispielsweise der direkte Nachfolger Raidy II, der mit Automap und mehreren Dungeons deutlich auf dem vereinfachten System des Vorgängers aufbaut und dieses erweitert oder Raidy III, welches fast schon mit modernen Dungeon-Crawlern mithalten kann.

 

Autor: Hata-tan

Hi, ich heiße Hata-tan oder Ramon (24) und bin ein Student der Japanologie an der Uni Frankfurt am Main. Ich spiele Visual Novels seit 2011 und habe bis dato um die 150 Visual Novels gespielt. Ich werde euch regelmäßig mit News und Reviews versorgen. よろしく~