Hinter der Handlung – Gut und Böse in Song of Saya

Anmerkung: dieser Text nimmt keinerlei Rücksicht auf Spoiler. Es wird dringend empfohlen, zunächst die Visual Novel zu lesen. Außerdem wird davon ausgegangen, dass der Leser mit der Handlung und den Charakteren bereits vertraut ist.

Ein guter Roman bietet mehr als nur eine spannende Geschichte mit sympathischen Charakteren. Idealerweise wird der Leser auch mit moralischen Dilemmas konfrontiert, die sich nicht so einfach auflösen lassen, sondern je nach eigenen Standpunkten und Überzeugungen anders interpretiert werden können. „Song of Saya“ schafft genau das und das macht die Visual Novel so gut.

Die Hauptfigur der Geschichte, Fuminori, hat durch eine Gehirnoperation eine tiefgehende Wahrnehmungsstörung. Er sieht die Welt nur noch in alptraumhaften Bildern, Wände voller Blut, Gedärme auf dem Boden und alle Menschen sehen wie Monster aus. Der einzige andere Mensch ist das Mädchen Saya, das bei ihm einzieht. Die beiden werden ein Paar, das sich von der Welt lossagt und nur noch für einander lebt. Im Verlauf der Geschichte begehen die beiden schwere Verbrechen, um Ihre Zweisamkeit vor der als feindlich wahrgenommenen Welt zu bewahren. Das bewegt viele Leser und auch Reviewschreiber dazu, das Paar als die „Bösen“ der Geschichte zu sehen. Ich habe das beim Lesen ganz anders wahrgenommen!

Es lohnt sich offenbar, die moralische Dimension von „Song of Saya“ anhand von einigen relevanten Szenen genauer zu betrachten.

Das für westliche Leser vielleicht kontroverseste Element der Handlung ist die Umwandlung von Fuminoris alter Studienkollegin in eine Sexsklavin. Diese wird von Saya bewusst angelockt, in ein Wesen ihrer Art verwandelt und verliert dabei den Verstand. Fuminori und Saya halten sie dann als eine Art Haustier und haben ihren Spaß. Beim ersten Lesen hat mich dieser Teil der Handlung auch angeekelt, es erschien mir wie eine sinnlose Rape-Pornoszene, dazu im Widerspruch zu Fuminoris Charakter. Warum sollte er sich an Leid und Elend ergötzen, wenn er nur sein Leben mit Saya beschützen will? Beim Nachlesen fügte sich die Szene dann aber doch in das Gesamtwerk ein. Der Punkt ist, dass Saya und Fuminori niemanden sonst als Menschen anerkennen. Alle anderen sind nur Monster und Feinde. Aus ihrer Sicht haben sie eines der Monster domestiziert und nutzen es nun zum Vergnügen, so wie wir einen Wellensittich im Käfig halten würden. Es handelt sich jedoch nicht um eine unbewusste Tat. Fuminori weiß, dass die „Monster“ in Wahrheit Menschen sind und entscheidet sich dennoch dafür, sie nicht mehr als Menschen zu akzeptieren. Für ihn gibt es nur noch Saya.

Im späteren Verlauf der Geschichte kommt es zu einer direkten Konfronation mit einem von Fuminoris früheren Freunden, der Nachforschungen anstellt. Fuminori schubst ihn in einen ausgetrockneten Brunnenschacht und bedauert, dass der Sturz nicht sofort tödlich verlief. Obwohl Fuminori keinerlei Mittleid mehr hat, ist seine Motivation rational: der Schnüffler bedroht sein Zusammenleben mit Saya.

Macht das die beiden Hauptfiguren zu den eigentlichen Monstern? Wenn wir nur die Handlung von außen betrachten, dann ja. Vergewaltigung und Mord, anders kann man es letztendlich nicht nennen. Gen Urobuchi ging es im Subtext aber sicher um etwas anderes, nämlich um die extremistische Liebe der beiden Protagonisten, die auf niemanden mehr Rücksicht nimmt. Diese Liebe ist so gewalttätig und ausschließend, dass die beiden wortwörtlich über Leichen gehen, um sie zu bewahren. Als Metapher ist das wunderschön und romantisch.

„Song of Saya“ hat drei mögliche Enden, aber eines davon sticht besonders hervor, da es die Thematik am konsequentesten zum Abschluss bringt. Es handelt sich dabei um das Ende, in dem Saya die gesamte Menschheit infiziert und in außerirdische Wesen ihrer Art umwandelt. Auch hier ist die textuelle Handlung eigentlich furchtbar: das Ende der Menschheit ist gekommen! Im Subtext jedoch wird das Thema der Visual Novel auf eine fast schon naiv-hoffnungsvolle Weise vollendet: die Liebe hat gewonnen und die feindliche Gesellschaft, die dem Paar nur im Weg stand, zerbricht.

Auch die Bildsprache steht im Kontrast zum eigentlichen Geschehen: kurz bevor die Menschheit in ihrer jetzigen Form ausgelöscht wird, wachsen Saya grüne Flügel, die wunderschön leuchten. Fuminoris Gesichtsausdruck ist erleichtert und hoffnungsvoll. So sieht kein „Bad End“ aus, wie wir es aus Visual Novels sonst kennen, hier lacht kein bartzwirbelnder Schurke.

In „Song of Saya“ steht die Vernichtung der Menschheit für den Sieg der wahren Liebe über die Fesseln der Gesellschaft. Berührender kann eine Liebesgeschichte nicht enden.

Die anfängliche Frage, ob Fuminori und Saya die Antagonisten sind, kann nur richtig betrachtet werden, indem man hinter den Text guckt. Hinter den Morden, dem Sex, dem Kannibalismus und dem Ende der Menschheit geht es in „Song of Saya“ immer um kompromisslose Zweisamkeit, die völlige Hingabe zu dem einen Mädchen, gegen alle Widerstände.

Dass mich diese radikale Romantik anspricht und ich die Protagonisten darum nicht für „böse“ halte, wird ersichtlich. Hier wird aber „Song of Sayas“ große Stärke deutlich: es wird keine Lesart vorgeschrieben. In einem anderen Ende, durch die Wahl des Spielers ausgelöst, sterben Fuminori und Saya vorher. Der Leser wird bis zum Schluss aufgefordert, sich über seinen eigenen Standpunkt Gedanken zu machen. Es ist auch legitim, das Paar als antisoziale Mörder zu interpretieren, die es aufzuhalten gilt. Die Visual Novel kann je nach eigener Anschauung anders gelesen werden. Das macht gute Literatur aus und ist der wichtigste Grund, warum „Song of Saya“ so beeindruckend ist. Es ist schade, dass Visual Novels von diesem Kaliber so selten sind!

Post Author: Cross

Mittlerweile nur noch ein Gast in der Welt der Visual Novels, aber alte Liebe rostet nicht.