Hata kommentiert: Contentwarnungen und ihre Probleme

Dieser Post könnte Content beinhalten, den Leute nicht mögen könnten. Jeder Leser sollte sich dem bewusst sein und diesen Text nicht lesen, wenn er keine wahren Aussagen, unverblümte Sprache oder ein wenig politische Inkorrektheit vertreten möchte.

Na. Kommt euch so ein Disclaimer bekannt vor? Jeder, der sich nach 2010 dem Internet genähert hat, wird wissen, dass es hier stetig „politisch korrekter“ und „sicherer“ wird, je weiter die Zeit voranschreitet. 2007 haben wir noch herzhaft in Bilderbrettern und Foren über offensive Dinge gelacht und unsre Scherze gemacht, weil wir wussten, dass es in den Kreisen, in denen wir verkehrten, keine Probleme verursachen wird. Spulen wir ein paar Jahre und diverse Entwicklungsstadien erzeugt durch Social Media vor und wir merken, dass diese lockere Atmosphäre sich immer mehr in paranoide Angst gewandelt hat, für seine Aussagen und möglich offensive Haltung zurechtgewiesen zu werden. In einer solchen Welt hat sich leider auch das Schlagwort des „Triggerns“ eingenistet. Auf Englisch bedeutet dieser Begriff soviel wie „auslösen“ und bezieht sich in seiner kontemporären Benutzung darauf, dass man durch gewisse Signale und Aussagen Leute „triggern“ kann. Dieses Konzept basiert auf einer wirklichen Begebenheit, nämlich kann man bei Leuten, die unter posttraumatischem Stress leiden, ihr Trauma durch gewisse Trigger auslösen. Heutzutage wird es auch als pejorativer Begriff verwendet, dessen Bedeutung so verändert ist, dass sie schon mit „verärgert sein“ konvergiert.

Was hat das mit Visual Novels zu tun, fragt ihr euch?

Ganz einfach! Visual Novels sind zum größten Teil unbestreitbar japanische Spiele und wie wir es von den Japanern gewohnt sind, herrschen dort andere Prinzipien und Moralvorstellungen davon, was in fiktionalem Content erlaubt sein sollte oder nicht. Natürlich erlaubt Japan nicht alles und die Regelungen sind äußerst konfus. So kann man in Japan keine unzensierten Genitalien zeigen. Doch wenn man sie zensiert, dann ist das so, als würde das Gesetz ein Auge zudrücken und annehmen es fände keine Penetration statt – somit wird seit Jahren diese Lücke vom Pornobusiness ausgenutzt. Auch gibt es in japanischen Spielen Wortzensuren, die wir im Westen so niemals durchsetzen würden. Diese haben aber meist mit Copyrights zu tun oder sind krude Wörter, die in Japan eine viel stärkere Wirkung zeigen als hier. Beispielsweise sind die abwertenden Begriffe für Genitalien Ma*ko und Ch*npo in vielen, aber nicht allen, japanischen Werken zensiert, da es eine Blacklist gibt, in denen Worte aufgelistet sind, die Japan in seinen Medien nicht so ohne weiteres zulässt. Diese deckt sich zu Teilen mit der Blacklist von Worten, die nicht im Fernsehen gesagt werden dürfen. (Thema für ein anderes Mal.)

Neben diesen marginalen Zensurbedingungen hat Japan aber auch vieles, was im Westen als anrüchig oder gar geschmacklos angesehen wird. Vergewaltigung, öffentliche Bloßstellung, unverhältnismäßige Brutalität, Körpermodifizierung und auch Werke, die vom Laien als kinderpornographisches Material betrachtet werden können. Ohne zu bewerten kann man sagen, dass es kein Wunder ist, wenn sich darüber Leute im Westen, die mit einem anderen Moralkompass aufgewachsen sind, aufregen könnten.

Was ist mein Problem?

Problematisch wird es nur, wenn man als Publisher solcher Spieler erkennt, dass die Spiele, die man veröffentlicht, solchen kruden Inhalt haben, und man aus Vorsorge ganze Blogposts verfasst, bei denen man die wichtigsten Punkte der Spiele spoilert – nur um ein paar Leute zu beschwichtigen, die mit solchem Material ohnehin Probleme gehabt hätten. In diesem Post möchte ich nur ein paar Situationen nennen, bei denen die Contentwarnung eher störend ist und seine negative Wirkung entfaltet.

Seit es Steam Greenlight gab und Steam seine willkürlichen Zensurregelungen pflegt, muss jeder Publisher und Developer sein Spiel beim Einstellen in den Markt beschreiben. Die Bedingungen um ein Spiel in den Marktplatz zu bekommen sind Fixkosten von 100€ für den Titel und im Falle eines Spiels, was nicht jugendfrei bewertet wird, muss es einen zusätzlichen Verifizierungsprozess bestehen, der manchmal Monate dauern kann. Mit dem Wissen über die momentanen Regelungen auf Steam scheitert es meist an Sexual Content in einem Schulsetting, da dieser automatisch mit Kindesmisshandlung/Ausnutzung verbunden wird.

Über Zensur in Videospielen wurde seit Monaten schon viel, viel Internetcontent verfasst. Da aber vieles von dem Wissen nur reine Gerüchteküche war, haben wir auf VNInfo nicht allzu viel darüber berichtet, es war dennoch nahezu täglich ein extensives Discordthema gewesen. 

Beispiele:

Schauen wir uns jetzt einfach mal ein paar Contentwarnungen an. Ich ziehe hier drei Beispiele zu Rate: The House in Fata Morgana, Corpse Party – Sachikos Birthday Bash und zuletzt Evenicle. Alle drei Spiele haben ausführliche Contentwarnungen, aber machen unterschiedliche Dinge falsch.

A House in Fata Morgana

Wo fange ich hier an? Die Contentwarnung zu A House in Fata Morgana ist eine Zumutung, denn sie spoilert das gesamte Spiel von oben bis unten. MangaGamer hatte hier am 12.06.2016 eine Contentwarnung auf ihren eigenen Blog gepostet und in diesem recht ausführlichen Blog haben sie alle moralisch verwerflichen Dinge des Spiels aufgelistet.

Es ist aber nicht nur beim Auflisten geblieben, denn man hat sich auch noch gedacht, dass man doch noch hinzufügen könnte in welchen Kapiteln diese Szenen stattfinden. Ich empfehle unter allen Umständen sich den Blog zu Fata Morgana nicht anzusehen, während man noch spielt. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass ich Fata Morgana jetzt in naher Zukunft nicht weiterspielen möchte, da ich eine wichtige Portion des Mysterys schon kenne. Wem das egal ist, der kann sich den Beitrag hier ansehen.

Corpse Party: Sweet Sachikos Hysteric Birthday Bash

Das heute erst veröffentlichte Corpse Party-Spinoff besitzt auch eine ausführliche Contentwarnung, die meiner Meinung nach viel zu offensichtlich Elemente des Spiels preisgibt, die man sich mit ein bisschen Vorwissen und Kombinationsgabe aus Geschehnissen und Beziehungen den anderen Teile gut erschließen kann. Diese Contentwarnung lautet wie folgt:

Ich meine, in einem Spiel wie Corpse Party ist es logisch, dass da nicht Friede, Freude, Eierkuchen herrscht und man die ein oder andere verstückelte Leiche anschauen muss, aber auch diese Contentwarnung ist viel zu detailliert und zu genau. Interessanterweise fällt das Spiel hier nicht unter Kindesmissbrauch, obwohl es in einem Schulsetting stattfindet. Diese Warnung gibt auch Infos darüber, dass es lesbische Tendenzen in dem Spiel geben wird und auch Tentakel eingesetzt werden. Aber was mich hier am meisten stört, ist, dass man Begriffe wie „Bitch“ oder „Fuck“ jetzt schon als Slurs bezeichnet. Wir sind mittlerweile an dem Punkt angelangt, an dem nicht einmal mehr eine Beleidigung benutzt werden darf ohne, dass dafür jemand an den Pranger gestellt wird. Darüber hinaus stört mich, dass das von einer amerikanischen Plattform eingesetzt wird – Leute die dafür bekannt sind am laufenden Band zu fluchen!

Die Entwicklung mit dem Word-Policing ist äußerst gefährlich, meiner Meinung nach. Es fängt damit an, dass man offensichtliche rassistisch und klassistisch motivierte Slurs nicht sagen durfte. Langsam wandelt es sich aber schon zu alltäglichen Beleidigungen hin. Zum gegenwärtigen Punkt darf man nichtmal mehr Dummkopf oder Idiot sagen, weil das ja „ableistisch“ oder „sanahistisch“ sein soll. (Begriff, der sich pejorativ gegen geistig zurückgebliebene und Irre richtet…) Man sieht wo das hinführt…

Evenicle

Jetzt muss ich aber mal eine gute Sache nennen. Die Contentwarnung von Evenicle ist ein gutes Beispiel im Gegensatz zu den oben genannten:

Evenicle ist ein Spiel, bei dem ich mich frage, wie MangaGamer das ohne jede Zensur auf Steam bekommen hat. Mein erster Gedanke war dabei, dass sie einfach nicht erwähnen, dass es Vergewaltigung und andere böse Dinge in Evenicle gäbe, aber nach einem Blick auf die Warnung fällt auf… dem ist nicht so. Das Spiel ist äußerst lang und hat für jeden, ob Black Ero Fetischist oder Vanilla Harem-Fan, eine Szene dabei. MangaGamer macht es hier richtig, indem sie zwar sagen, was in dem Spiel vorkommt, aber sie signalisieren weder, dass diese Dinge falsch seien oder spezifizieren mit welchen Charakteren diese Handlungen stattfinden. Ich glaube, dass der Mensch so ausgerichtet ist, dass er sich eher Dinge merkt, die herausgehoben werden, als eine Fülle von gleichberechtigten Schlagwörtern wie in diesem Beispiel.

Positives:

Außerdem bringt mich dies zu einem Positivpunkt für gut geschriebene Contentwarnungen. Die Warnungen können auch den komplett gegenteiligen Effekt hervorrufen und dem Spieler, der speziell auf der Suche nach Games mit Fetischinhalt oder politisch inkorrekten Inhalten ist, helfen. Aus dieser Richtung betrachtet könnten die Publisher und Entwickler gezielt eine Zielgruppe anziehen, die sie nur indirekt ansprechen wollen – sogenannter Fetischbait.

Auch sind Contentwarnungen wichtig, wenn es beispielsweise darum geht einen Epileptiker davor zu warnen, dass in dem Spiel Elemente sind, die Anfälle verursachen können. In jedem Eroge, egal ob Westen oder Japan, gibt es am Anfang des Spiels eine allgemeine Contentwarnung, die meistens aussagt, dass alle handelnden Charaktere das 18. Lebensjahr überschritten haben. Auch wenn das oftmals einfach Zweckmäßig genutzt wird, schützt es die Entwickler vor der eisernen Hand des Gesetzes und sollte deshalb nicht abgeschafft werden.

Wenn wir schon vom Gesetz sprechen, dann liegt übrigens nahe, dass die Developer diese Dinge spezifizieren müssen, um im Falle eines juristischen Verfahrens auf der sicheren Seite zu sein. Ich bin mir aber sicher, dass, selbst wenn das der Fall wäre, es nicht nötig ist, jede Kleinigkeit hervorzuheben. Dies macht man schon aus Überzeugung.

Fazit:

Bei Contentwarnungen kommt es darauf an, wie man sie formuliert. Eine Contentwarnung sollte nur da sein, um die Steam-Verifizierungsbedingungen zu erfüllen und dem Spieler indirekt einen Ruck zu geben, was für einen Content sie in dem jeweiligen Spiel erwarten könnten. Beide Fälle, den Spieler abschrecken oder anziehen, sind legitim.  Man schlägt aber dann über die Stränge, wenn man versucht so sehr in die Defensive zu gehen, dass man sich gezwungen sieht Teile des Spiels im Voraus aufzulösen und somit dem interessierten Spieler, der auch nur lässig durch die Spielebeschreibung scrollt, gleich die Lust auf das Mystery zu nehmen, weil er unvorhergesehen gespoilert wurde. Persönlich fände ich es am besten, wenn die pflichtmäßige Contentwarnung so schleierhaft wie möglich formuliert wird um die idiosynkratische Spielerfahrung so gut es geht zu erhalten.

Dies war auch mal ein Beitrag, der etwas mehr aus einer persönlichen Mission entstanden ist. Wollt ihr weitere Artikel wie diese auf unserer Seite neben den klaren Fakten und Releases? Diskutiert doch in den Kommentaren und erzählt uns von euren Erfahrungen mit Content Disclaimern. Screenshots sind auch erwünscht!

Post Author: Hata-tan

Hi, ich heiße Hata-tan oder Ramon (23) und bin ein Student der Japanologie an der Uni Frankfurt am Main. Ich spiele Visual Novels seit 2011 und habe bis dato um die 80 Visual Novels gespielt. Ich werde euch regelmäßig mit News und Reviews versorgen. よろしく~