Game Streaming: Eine Zukunft für Visual Novels?

Die Art und Weise wie wir heutzutage unsere Medien erfahren, befindet sich in einem kontinuierlichen Wandel. Vor etwa 19 Jahren wurde mit Valves Steam-Klienten der digitale Vertrieb von Videospielen für die Masse tauglich gemacht, während Firmen wie Netflix mit dem Anbieten von Streaming-On-Demand Abos eine ganze Industrie wandelte. Physische Medien im Videospielsektor verlieren seither immer mehr an ihrer finanziellen Relevanz und die meisten Konsumenten bevorzugen den digitalen Kauf. Die Vorteile sind deutlich: Einerseits findet man wegen der zentralisierten Natur von Plattformen wie Steam nahezu direkt die gewünschte Ware an einem Ort, anstatt die verschiedenen Geschäfte durchforsten zu müssen. Besonders die VN-Szene profitierte sehr davon. Heutzutage kriegen sie, wie viele andere unbekanntere Videospiele, praktisch mit Steams Fokus auf Rabattaktionen und personalisierten Kaufempfehlungen per Algorithmus, mehr Aufmerksamkeit denn je. Neue Vertriebsmodelle wie Abonnements und Streaming dringen aber schon jetzt in den Mainstream ein, und könnten in naher Zukunft auch VNs beeinflussen.

Visual Novels und Abonnements

Der Gaming-Sektor versucht mit allen Mitteln momentan Videospiele nach einem Abo-Modell zu vertreiben, wie es schon gang und gäbe bei der Film- und Serienindustrie ist. Erste erfolgreiche Angebote gibt es schon. Beispielsweise Microsofts Xbox Game Pass, in dem einem für einen monatlichen Beitrag von 10 Euro Zugriff auf über 100 Titel gewährt wird. In keinem dieser Angebote sind aber Visual Novels wiederzufinden. Einzig und allein in Sonys japanischem Playstation-Now-Angebot lassen sich VNs von den großen Publishern wie MAGES entdecken.

Außer VA- 11 Hall-A sind VNs auf dem Gamepass vergeblich zu finden.

Der Grund für das Fehlen von VNs auf diesen Plattformen ist simpel. Ihr Angebot an Titeln ist an die große Masse gerichtet, wo Multiplayer-Erfahrungen wie ein Forza Horizon 4 oder Dead by Daylight präferiert werden. Zusätzlich wird die Situation schwieriger gemacht, mit dem Desinteresse der Publisher/Entwickler ihre Titel im Westen vernünftig zu veröffentlichen. Klar, kaum einer wird einen Game Pass plötzlich abonnieren, um spezifisch VNs zu spielen. Was aber möglich wäre, ist, dass Spieler beim Durchsuchen von neuen Titeln auch bereit sind ins kalte Wasser zu springen, und sich auch mal an noch unbekannte Genres wagen. Als Beispiel nehme ich mal meinen Bruder; jemand der sich normalerweise nur für Strategiespiele begeistern konnte, fing nun nach dem Durchforsten des Game-Pass-Katalogs auf einmal an Spiele wie Nier: Automata anzufangen. Immerhin zahlt man so oder so für die inkludierten Titel, womit die Hemmschwelle des Ausprobierens deutlich geringer ist, als sie es bei einem normalen Kauf wäre.

Nvidia Geforce Now

GeForce Now ist eines dieser Angebote, dass es euch ermöglicht die Spiele, die ihr auf Plattformen wie Steam, Epic Store oder Uplay erworben habt, über Nvidias Infrastruktur auf beliebige Endgeräte zu streamen. Der Vorteil ist ersichtlich: Ihr seid nicht komplett ans Streaming gebunden und habt die Wahl, eure erworbenen Titel auch lokal auf einem PC zu spielen. Hinzu kommt, dass GeForce Now (in seiner Basisversion) kein Geld von euch verlangt. Ihr müsst bevor ihr mit dem Spielen anfangt ein paar Minuten warten, um einem „Rig“ zugeteilt zu werden und ihr seid pro Sitzung auf eine Spielzeit von einer Stunde beschränkt. Es besteht nur ein wirkliches Problem. Wie beim Game Pass ist die Auswahl an verfügbaren Titeln begrenzt. Kurioserweise befinden sich aber ein paar VNs im Angebot. Die Anzahl ist zwar begrenzt, und selbst Einsteiger des Mediums haben die meisten Titel die verfügbar sind, bereits erlebt, es ist aber doch zumindest etwas.

Das momentane Angebot an VNs auf GeForce Now

Damit ist es mehr ein kleines nice-to-have VNs wie Steins;Gate/ 0 oder die Danganronpa-Reihe auf dem Service zu haben. Es bietet damit einen Ausblick darauf, was eigentlich möglich wäre. Viele VNs sind nämlich durch ihre statische Präsentation ideal für diese Art von Service. Dadurch, dass sich kaum etwas in einer Szene bewegt, benötigt ein Encoder viel weniger Daten um ein sauberes Bild an euch zu senden. Das Ergebnis ist eine – für Videospiel-Streamingverhältnisse sehr zufriedenstellende Übertragung – die sich kaum von einem nativen Spielerlebnis unterscheidet. Mir fiel in meinen Probestunden einzig und allein auf, dass der Stream für einen kurzen Moment sehr verpixelt war, wenn sich der Hintergrund ändert, oder das Pause-Menü geöffnet wird. Das lässt sich aber damit erklären, dass der Encoder des GeForceNow-Streams wahrscheinlich wegen dem statischen Inhalt in eine Art „Datensparmodus“ meistens läuft, und die plötzliche Bewegung im Bild dies dann offensichtlich macht.

Ihr müsst je nach Uhrzeit mal etwas mehr oder weniger warten, um einen Rig zu finden

Neben diesem Manko habe ich aber wenig zu kritisieren. Ihr könnt es ohne Probleme über euren Internetbrowser z.B. Chrome ausprobieren, und die Bedienungen der Streams über Smartphones funktioniert auch ohne große Schwierigkeiten. Klar, bei einem Spiel, wo präzise Bewegungseingaben gefordert werden, ist es eine Pflicht einen Controller mit dem Smartphone zu verbinden. Ich pauschalisiere hier aber mal und behaupte, dass dies bei VNs nicht wirklich von Nöten ist.

Steam Remote Play

Es gibt aber nicht nur externe Streaming-Angebote, sondern auch lokale. Valves Steam-Client bietet nun schon seit einer geraumen Zeit eine Remote-Play-Funktion an. Man kann entweder das Bild des Hosts an einem anderen PC auf dem Steam Installiert ist streamen, sein Smartphone über die Steam-Link-App mit dem Host-PC verbinden, oder für die paar Menschen, die es damals kauften die Set-Top-Box namens Steam Link nutzen. Zwar suggeriert der Name, dass die Streamingfunktionalität sich nur auf Steam-Applikationen beschränkt. Dies ist aber nicht der Fall. Denn wenn ihr einmal mit dem Host-PC verbunden seid, könnt ihr ganz einfach SteamsBig Picture“-Oberfläche verlassen, indem ihr oben rechts auf den „Ausschaltknopf“ drückt und dann auf „>Big Picture Minimieren“ klickt, woraufhin ihr den gesamten PC nutzen dürft. Eine andere Möglichkeit, die Steam auch bietet, ist das Hinzufügen von „Nicht-Steam-Applikationen“ in eure Steam-Bibliothek. Damit könnt auch innerhalb der Steam-Oberfläche VNs starten, die ihr nicht auf Steam erworben habt.

Der Big-Picture-Modus erlaubt euch in einem Konsolenähnlichen Interface eure Titel zu verwalten.

Ich probierte für meinen Test diesmal Chaos;Head PC aus – über die Steam-Link-App für Android. Ich fügte die .exe Datei einfach meiner Steam-Bibliothek hinzu, und startete das Spiel über die Big-Picture-Oberfläche. Das Spiel wechselte sofort in den Vollbildmodus und alles funktionierte so, wie ich es erwartet habe. Wie bei GeForce Now zuvor, funktioniert die Bedienung des Spiels ohne Beschwerden. Der Touchscreen fungiert gleichzeitig als Maus und wichtige Tasten wie Enter, Escape, oder Taste zum Öffnen des Steam-Overlays sind direkt anwählbar. Wer aber seinen Host-PC vom Wohnzimmer-PC/Konsolen-Setup aus streamen will, kann über Steams Big-Picture-Oberfläche beim Host-PC einen Controller wie den Dualshock 4 so konfigurieren, dass dieser als eine Tastatur erkannt wird. So könnt ihr je VN/Spiel eine eigene Belegung einrichten.

Dadurch, dass es sich hier um einen lokalen Stream handelt, müsst ihr einiges mehr bedenken, um eine für optimale Erfahrung gewährleisten zu können. Idealerweise sollte der Host und das Empfängergerät sich im selben Netzwerk befinden. Zusätzlich empfehle ich jedem, die Nutzung einer LAN-Verbindung per Ethernet. Damit ist die Wahrscheinlichkeit für plötzliche Performanceeinbrüche viel geringer, als bei einer WLAN-Verbindung. Aber auch in meinem Worst-Case-Experiment, wo ich meinen alten Dual-Core-Laptop als Host-PC mit meinem Smartphone über das Wlan verbunden hatte, war die Qualität akzeptabel.

Ich setzte die Auflösung herunter, um einen stabilen Stream zu garantieren und dadurch, dass ein Smartphone-Bildschirm viel kleiner als ein üblicher PC-Monitor, merkt man kaum den Qualitätsverlust. Die PC-zu-PC zu Streaming-Funktion wiederum macht es ein wenig deutlicher, dass wir es hier mit einem Stream zu tun haben und Artefakte im Bild werden etwas deutlicher. Trotzdem war ich vollkommen zufrieden mit dem Ergebnis und wünsche mir nur, dass der eigentliche Steam-Big-Picture-Modus auf dem die Remote-Play-Funktion aufbaut nicht andauernd hängen bleibt, oder an komischen Bugs leidet. Dies sollte aber mit der Veröffentlichung des überarbeiteten Big-Picture-Modus, der zusammen mit dem Valves neuester Handheld-Konsole, dem Steam Deck verfügbar gemacht wird, behoben werden. Damit erweist sich Steam-Remote-Play als eine gute Möglichkeit, innerhalb des eigenen Haushalts seine VNs zu streamen, ohne dabei viele Kompromisse eingehen zu müssen.

PlayStation Remote Play

Sony war tatsätzlich einer der ersten Konsolenhersteller, die auf dem Streaming-Zug aufsprangen, mit Angeboten wie Playstation Now und den lokalen Streaming-Fähigkeiten ihrer Geräte. Schon mit der PlayStation Vita konnte man das Bild der eigenen PlayStation 4 übertragen, und damit in den Genuss von grafisch intensiven Titeln auf einem Handheld kommen. Dies war in 2013 definitiv ein Alleinstellungsmerkmal der Konsole gewesen. Doch wie vieles im Leben hatte diese Funktion der Vita ein Problem … Es funktionierte einfach mal ganz und gar nicht. Unter realistischen Bedingungen variierte die Qualität des Streams massiv. Manchmal lief es okay, und auf einmal wird man rausgeschmissen, weil der Stream urplötzlich instabil wurde. Bei anderen Versuchen nahm sich die Funktion einen kompletten Urlaub. Doch wir sind nun im Jahre 2021, die Vita starb praktisch schon mit ihrer Veröffentlichung, und das Remote-Play-Feature von Sony ist nun aus seinen Kinderschuhen herausgewachsen, statt ein Gimmick für eine fehlgeschlagene Konsole zu sein. Die Funktionalität ist seit geraumer Zeit auf iOS, Android, PC, und der PlayStation 4 verfügbar.

Die Android-App von Sony ist nach einem Update auch mit der PS5 Kompatibel

Ihr könnt auf iOS, Android und dem PC entscheiden Verbindung mit einer PS4/PS5 aufzunehmen auf dem euer Playstation-Network-Account angemeldet ist. Wer eine PS4 und PS5 besitzt kann auch seine PS4 als einen spirituellen Nachfolger zur Playstation TV (eine Minikonsole von Sony, die sogar noch schlimmer als die Vita floppte) nutzen, und die PS5 über die PS4 nutzen. Ich besitze jedoch – wie der Rest der Menschheit – keine PS5, weshalb ich diesen Aspekt nicht testen kann. Die Remote-Play-App selbst egal auf Android oder Windows-Systemen ist simpel aber intuitiv. Die Nutzung auf dem PC verlangt aber nach dem Anschließen eines DS4/5 Controllers während ihr auf dem Handy digitale Eingaben nutzen könnt. Es wäre wünschenswert gewesen, dass man die verschiedenen Knöpfe des Dualshocks/Dualsense an der Tastatur mappen dürfte. Immerhin funktioniert das bei Steam.

Der Stream ist – verglichen mit dem, was Valve einem bietet –merkbar schlechter. Öfters entstehen komische Artefakte, wo Teile des Bildes für einen Moment verschwinden und der Input-Lag, den ich eigentlich fürs VNs Spielen als nicht störend empfinde, ist hier selten konstant. Das Kernproblem liegt darin, dass bis zu 90% der Erfahrung genießbar ist, doch wenn diese 10% Instabilität auftauchen, ziehen sie das gesamte Erlebnis runter. Ich gehe mal soweit und würde behaupten, dass VNs in dem Fall eine der wenigen Spielarten sind, bei der die Funktion der Sony-Konsolen in realen Situationen überhaupt Sinn macht. Dabei sei angemerkt, dass meine heimische Internetverbindung alles andere als effizient ausgebaut ist. Deswegen sehe ich es schon als eine Notwendigkeit, für einen optimalen Stream, eine Verbindung per Ethernet zu nutzen.

Fazit

Videospiel-/VN-Streaming ist definitiv in seinen Kinderschuhen. Die verschiedenen Anbieter werden in Zukunft ihre Angebote verbessern und durch neue Funktionen erweitern. Natürlich gibt es Bedenken, wie es mit der Präservierung von Videospielen aussieht, wenn sie an Abo-Angebote wie Game Pass gebunden sind und das typische „Netflix-Problem“: Also, dass man wegen der großen Auswahl an Titeln beim kleinsten Bisschen Langeweile das Spiel beendet und zu etwas anderem überwechselt. Funktionen wie Steam Link oder Angebote wie GeForce Now sind aber der ideale Zusatz, die mit den Vorteilen der neuen Möglichkeiten kommen, ohne dabei dem Konsumenten aktiv etwas wegzunehmen. Ich muss auch gestehen, dass ich als technikaffiner Mensch sowieso mehr eine Ausnahme darstelle, mit meinem Verlangen meine VNs überall zur jeder Zeit zu Lesen/Spielen. Doch so wie viele nostalgisch in die Vergangenheit blicken, so schadet es nicht zur Abwechslung auch optimistisch in die Zukunft zu schauen.

Autor: Caps

Hi, ich bin Caps. Ich bin eher durch Zufall auf Visual Novels gestoßen. Eigentlich wollte ich einen Roman bestellen, jedoch empfahl mir der Amazon Algorithmus Steins;Gate Elite und nach ein paar hundert Stunden, in mehreren verschiedenen SciADV-Ablegern, kann ich mich als Fan des Mediums betiteln. In naher Zukunft will ich auch andere Werke außerhalb des SciADV-Spektrums lesen. El Psy Con....Kongroo!!