„Fragile male Ego“ – Novectacle äußert sich zu kontroverser Lokalisierung

Disclaimer: Ich bin kein Shill von MangaGamer, aber im Rahmen dieses Artikels bewahre ich absolute Neutralität und betrachte nur den Fall an sich.

Der Beruf eines Localizers, oder auch eines Übersetzers ist nicht leicht. Gerade was den Respekt gegenüber des Originaltextes oder im weiteren Sinne die Genauigkeit der Übersetzung angeht, gibt es immer wieder Debatten, die auch schon einmal ausarten können. Dabei ist zu betrachten, dass es allerlei Grund zur Kritik gibt, wenn es eine unterirdische mit Fehlübersetzungen gefüllte Übersetzung auf den Verkaufstresen schafft. Manchmal sind es aber auch nur Kleinigkeiten, die eine flächendeckende Wirkung entfalten können, wie der heutige Fall beweist:

An einem langweiligen Coronatag entschloss sich yukinogatari, ihres Zeichens Übersetzerin von u.A. der historischen Drama-VN A House in Fata Morgana dazu einen Tweet zu posten, in dem sie darauf hingewiesen hat, dass es damals eine Herausforderung war das Wort „Tsundere“ im Kontext einer der Szenen zu übersetzen. Zur Erklärung: Als Tsundere bezeichnet man eine abweisende, gefühlskalte Person, die eine liebenswerte Seite hat, wenn sie erstmal über ihre eigenen Unzulänglichkeiten hinweg ist. Oft sind Tsunderes weiblich, aber auch männliche Tsundere existieren. Der Begriff stammt aus dem Anime-Jargon und ist KEIN alltäglicher Begriff in der japanischen Sprache.

Was zunächst als ein bisschen Selbstlob und Trivialinformation für die Fans geplant war, eskalierte schnell. Einige User begannen diese Entscheidung harsch zu kritisieren. Einige Kommentare, die essentiell ausdrückten: „Warum habt ihr es nicht einfach als Tsundere übersetzt?“ oder „Warum fügt ihr eure feministische Propaganda in Visual Novels ein?“ waren unter dem Post zu lesen. Andere Posts enthielten einfach nur stumpfe Beleidigung.

Als die Attacken dann zu intensiv wurden und der Tweet eine äußerst kontroverse Resonanz erhielt, entschied sich Yukinogatari dazu den Tweet auszuweiten und den Gedankenvorgang hinter der Entscheidung darzulegen. Leider kam sie nicht darum umher einen Teil des Spiels zu spoilern. Der Grund für die Spoiler ist, dass die angesprochene Szene Teil einer Omake-Szene ist, die im Anschluss an das Ending des Spiels gezeigt wird. In dieser wird die 4. Wand gebrochen und die Charaktere lassen über die Geschehnisse des Spiels Revue passieren.

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Jetzt kommen wir zu der Essenz des Ganzen, die das Feuer entfachte. Die Übersetzung, die das Team wählte, war „Fragile male Ego“. Das Problem, was die Leute an dem Ausdruck sehen ist, dass es generell unerwünscht ist politische Statements in Videospiele zu packen. Fragile Male Ego ist ein fester Begriff, der oft in der Presse benutzt wird um männliche Personen zu diffamieren. Die Existenz eines zerbrechlichen männlichen Egos wird aber selbst in feministischen Kreisen angezweifelt und als sexistisches Trope abgestempelt. Da scheiden sich die Geister.

Eigentlich sollte diese Entscheidung seit 2016 schon jemandem aufgefallen sein, aber durch das Posten und das wieder in Erinnerung rufen der spezifischen Zeile ist der Tweet binnen kürzester Zeit explodiert und wurde auch von Seiten, die über solche Kontroversen berichten wie OneAngryGamer und SankakuComplex aufgeschnappt. Auch Videos wurde gemacht z.B von Meinungsblogger Hero Hei. Diese Outlets sind bei leicht konservativ eingestellten Anime- und Japanfans bekannt und dadurch wurde auch die generelle Öffentlichkeit darauf aufmerksam.

Anime Hating localizer changes "Tsundere" to "Fragile Male Ego"

Angriffe und Kritik gegen die Übersetzung schwappten über und auch Novectacle, die Entwicklerfirma von A House in Fata Morgana musste Stellung beziehen. Dabei stellten sie sich ganz klar hinter die Entscheidung der Übersetzerin.

Auch meldeten sich mit der wachsenden Popularität des Posts einige andere Übersetzer und Freelancer, mehr oder weniger mit sarkastischen Bemerkungen.

Nach kurzer Zeit haben sich dann auch die offiziellen Accounts von Novectacle und MangaGamer zu Wort gemeldet, die beteuerten, dass sie hinter der Entscheidung der Übersetzung stehen, dass aber das Original „Tsundere“ war und es ihrer Ansicht nach in den Kontext der Szene passt.

Eigene Meinung:

Übersetzung ist eine schwere Kunst. Man muss mit vielen verschiedenen Faktoren gleichzeitig hantieren und am Ende ist es dennoch falsch, wenn genug Leute es für falsch erachten. Der Job ist teilweise ziemlich undankbar und wird oft nur von Leuten gemacht, die auch mit Passion dabei sind und verstehen, dass Übersetzung mehr ist, als nur das Übertragen von Worten in eine andere Sprache. In A House in Fata Morgana ist meiner Meinung nach die mutmaßliche Agenda nicht fehl am Platz, denn das Spiel behandelt über seine verschiedenen Kapitel die Schicksale von Charakteren, die unter Unterdrückung und genereller Unfreiheit leiden – angefeuert durch Genderdifferenzen.

Nur eine von vielen auf das Geschlecht bezogene Phrasen.

Ich mutmaße, dass Novectacle bewusst ist, dass das Spiel eher an ein weibliches Publikum gerichtet ist. Der Artstyle erinnert sehr an Otome-Games bzw. einen Stil, den Frauen attraktiv finden. Es behandelt unterschwellig und auch offen die Probleme denen Frauen in der Gesellschaft ausgesetzt sind. Aus diesem Grund ist es nicht überraschend, dass in dem Spiel Zeilen eingebaut sind, die Frauen verstehen und mit denen sie sich identifizieren können. Es ist ein großes Unglück, dass der benutzte Begriff „Fragile Male Ego“ in der anglopolitischen Sphäre als Kampfbegriff verwendet wird und somit dem Spiel eine feministische Färbung nachgesagt wird. Wie gesagt, ist das Spiel inhärent schon politisch behaftet, aber anstatt eine neutrale Kritik zu sein wird hier klar gegen den Gegenpol geschossen. Es ist offensichtlich, dass man auch ohne fragiles Ego zu besitzen, sich von diesem Satz als männlicher Leser ein wenig angegriffen fühlen darf. Persönlich hatte diese Zeile keinen Effekt auf mich, deshalb kann ich mich dort nicht hineinfühlen. Mein männliches Ego ist wohl zu solide ;).

Lösungsvorschlag:

Es ist zu spät diese Lösung zu implementieren, da Fata Morganas Lokalisierung schon 4 Jahre her ist und auch schon physische Datenträger im Umlauf sind, aber meiner Meinung nach, wäre es besser gewesen das „male“ zu streichen und es nur in „fragile ego“ zu übersetzen. Jeder, der sich mit Tsunderes näher beschäftigt kann erkennen, dass das „Tsun-sein“ eines Charakters oft aus einem schwachen Ego/Defensive durch die eigene Unsicherheit bedingt, entsteht. Aus diesem Grund passt das „fragile Ego“ gut hier und ist auch eine kreative Möglichkeit. Chapeau an die Übersetzung.

Leider wäre der Teil, der sich auf die Männlichkeit von Jacopo bezieht nicht nötig gewesen. Das hätte man gar nicht erst erwähnen sollen, denn es ist aus dem Kontext der gesamten Handlung ersichtlich. Manchmal ist es besser solche Dinge ungesagt zu lassen. Das muss ein Übersetzer auch begreifen, denn Sprache drückt sich kommunikativ nicht nur in geschriebenem Text aus, manchmal ist das was zwischen den Zeilen steht die wahre Übersetzung.

Wie sollte man Kritik äußern:

Zu guter Letzt möchte ich einen Hinweis geben, wie man am besten Kritik äußern kann ohne gleich das große Drama loszutreten. Zuallererst sollte man davon abschwören Leute direkt anzugreifen, da das dazu führt, dass diese sofort in den Verteidigungsmodus gehen und keine Kritik mehr zulassen. Auch ist es vollkommen neben der Spur die Firma bzw. den verantwortlichen Publisher auf Twitter anzuschreiben und wütend seine Kritik in 240 Zeichen verpackt zu äußern. Erstens ist diese Art des Feedbacks viel zu unpersönlich und kann leicht abgeschmettert werden, zweitens bleibt die Äußerung sehr abstrakt und unpräzise.

Es ist besser, wenn man entweder eine solche Diskussion mit den Verantwortlichen privat hält oder dem Publisher eine E-Mail schreibt. (Diese Kommunikationsmöglichkeit gibt es noch in 2020!). Gerade in der heutigen Gamingszene neigt man dazu seine Kritik so laut und wütend wie möglich zu äußern, wohl in der Hoffnung darauf, dass man gehört wird. Dies führt oft zum Gegenteil und entsprechende Penetranz führt auch desöfteren zum Block. Dass man für Geschrei geblockt wird, zeigt jeder zweite Artikel von OneAngryGamer.

Auch die etablierten Übersetzer haben sich nicht rühmlich verhalten, waren aber auch nicht beleidigend. Vielmehr haben sie sarkastisch ihre Meinung geäußert und die Japanischfähigkeiten der gegenüberliegenden Gruppe angezweifelt. Das ist auch ihr gutes Recht, nur der Ton sollte besser gewählt werden.

Fazit:

Dafür, dass es nur eine Zeile war, die zu kritisieren war, ist das Thema schnell übergeschwappt. Dies zeigt wie penibel ein Übersetzer mit seiner Arbeit sein muss und welche Legitimierung seine Entscheidungen brauchen. Übersetzer haben ein schweres Los, denn sie sind immer Kritik ausgesetzt, egal aus welchem Lager die Kritik kommt; egal wie fundiert diese Kritik sein mag. Yukinogatari hat in diesem Fall Rückgrat bewiesen und stand hinter ihrer Lokalisierung. Dazu erhielt sie auch noch professionelle Unterstützung, die sich vorbildlich verhalten haben ohne das ganze Drama aufzukochen. Alles in allem ist diese Situation für den Moment ohne großen Kollateralschaden gelöst worden, wird aber in den nächsten Wochen unter VN-Fans noch heiß diskutiert bleiben.

Autor: Hata-tan

Hi, ich heiße Hata-tan oder Ramon (24) und bin ein Student der Japanologie an der Uni Frankfurt am Main. Ich spiele Visual Novels seit 2011 und habe bis dato um die 170 Visual Novels gespielt. Ich werde euch regelmäßig mit News und Reviews versorgen. Ich hab meine Finger überall drin ;) よろしく~