Erster Eindruck: The Sekimeiya: Spun Glass

Vor kurzem berichteten wir über die Veröffentlichung der Kickstarter-Visual-Novel The Sekimeiya: Spun Glass von Trinitite Team am 6. Mai 2021. Nicht lange nach dessen Freischaltung auf Steam und itch.io, wurden auch die Keys an die angemessenen Kickstarter-Backer verteilt, die sich für die PC-Version entschieden hatten – darunter auch ich, Nitro.

Ich habe jetzt seit Veröffentlichung knapp neun Stunden in The Sekimeiya: Spun Glass verbracht, bereits fleißig gerätselt und gelesen. Damit habe ich zwar noch ein großes Stückchen Story vor mir liegen, aber kann genauso gut schon einmal meine bisherigen Eindrücke und Gedanken teilen. Ohne viel groß drumherum und ganz informell fange ich jetzt auch schon an.

Aller Anfang ist schwer

Im Vergleich zu den Visual Novels, die ich bisher so gelesen habe, fand ich mich sehr schnell schon mitten im Geschehen. Es gibt zwar eine Hinführung zu den Hauptereignissen, aber ein traditionelles Vorstellen der Charaktere und ihrer Motive fällt eher aus. Allgemein wird ein Großteil der Charaktere erst im Laufe der ersten Stunde vorgestellt, bis sich dann eine Normalsituation bildet.

Atsuki und Shiroya stehen Schlange für eine Juwelenausstellung der Ashiya-Familie. Diese genießt hier im Dorf Yushibana nicht gerade das beste Ansehen. Scheinbar sind die beiden früh genug losgegangen und sind so die ersten, die den neusten Fund der Ashiya zu sehen kriegen werden: das Sekimeiya.

Es ist ihnen zwar früh ermöglicht einen Blick auf das Juwel zu erhaschen, doch kurz bevor der Vorhang gelüftet wird, passiert es: Der Raum füllt sich mit Rauch und alle fallen in Ohnmacht. Nach dem Wiedererwachen finden sie sich mit 5 (oder 6?) (oder etwa doch 7?!) weiteren Personen im nun abgeriegelten Gebäude gefangen, so ziemlich ohne Kontaktmöglichkeit zur Außenwelt.
Viele Fragen werden aufgebracht, aber nur wenige beantwortet. Einige werden auch einfach nach hinten verschoben und so bleibt doch so einiges auch eigentlich irrelevantes offen, was nicht offen bleiben muss. Nicht alles in einer Mystery-Geschichte muss ein Mysterium sein und die Einsatzpunkte mancher Informationen zu dem Leser noch unbekannten Personen und Ereignissen hätten ruhig anders platziert werden können.

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Features, Features, Features

Bevor ich aber zum eigentlichen Knackpunkt der Geschichte komme, möchte ich noch einmal das Textsuchtool ansprechen. Dieses finde ich nämlich richtig klasse. Manchmal war ich mir einfach nicht mehr sicher was ein Charakter vor zwei Stunden gesagt hat. Und manchmal haben die Kurzfassungen innerhalb des ebenfalls wunderbaren Notizbuches auch nicht ganz gereicht. In solchen Momenten konnte ich mit dem Textsuchtool schnell und einfach an die Informationen gelangen, die ich gerade brauchte. Diese Möglichkeit spielt, genau wie erwartet, eine maßgebliche Rolle im Mystery-Aspekt – zu diesem aber gleich mehr.

Das Notizbuch erwies sich ebenfalls schnell als hilfreich. Wie schon gesagt, beinhaltet es eine kurze Zusammenfassung der letzten Ereignisse, zu denen man sich dann jeweils Notizen machen kann. Es ist sogar möglich Text fett zu markieren oder etwa farbig machen.

Die Minimap lässt einen außerdem immer genau wissen, wo man sich gerade befindet.

Recht früh hat The Sekimeiya: Spun Glass einen zum Theorienaufstellen und Hinterfragen eingeladen. Einen Hinweis hier, eine Aussage da – ich habe viel Spaß damit, mir zu überlegen, was hinter allem stecken könnte und habe mir fleißig Notizen dazu gemacht. Der Anfang vermittelte mir sehr stark das Bild einer ontologischen Mystery-Geschichte, dies änderte sich jedoch als das Gimmick der Visual Novel eingeführt wurde.

Zeitreisen I

Es ist ein sehr kompliziertes Werkzeug, welches zwar viele Möglichkeiten mit sich bringt, aber auch genau deswegen leicht zum Untergang des Erlebnisses führen kann. Verschiedene Zeitlinien, mögliche Paradoxa und wie erklärt man überhaupt, dass Zeitreisen möglich sind?

Als großer Fan von Steins;Gate, begann hier ein ganz interessanter Abschnitt für mich, da ich mich auf jeden Fall für dieses Werkzeug begeistern kann, wenn es denn richtig angewendet wird. Ab hier lässt sich jedoch jegliche Ontologie fast schon aus dem Fenster schmeißen, denn ab sofort muss alles infrage gestellt und mit Zeitlinien gedacht werden. Da es jedoch schier unendliche Möglichkeiten gibt, wie etwas geschehen sein könnte, ist es schier unmöglich, durch reguläre Deduktion auf die ultimative Wahrheit zu gelangen.

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Irre komplex. Zeitreisen, nicht wahr?

Das ist ein Aspekt, den The Sekimeiya: Spun Glass mit der Infinity-Reihe teilt. Diese begannen ebenfalls vermehrt mit Mystery- oder Thriller-Elementen. Ab dem Punkt, an dem die Scifi-Elemente eingeführt wurden, hat man die Geschichte eher erlebt als daran teilgenommen. Es wird ein sehr kompliziertes Netz an Ereignissen und möglichen Erklärungen gesponnen, das es für den Leser nun zu entwirren gilt. Und doch wird manchmal noch eins obendrauf gesetzt und eine neue Ebene an Möglichkeiten eingeführt. Der Leser, sowie auch Atsuki, werden sich langsam aber sicher bewusst, dass es nie so einfach war, wie gedacht.

Zeitreisen II

The Sekimeiya: Spun Glass hat sich zumindest bisher sehr darum bemüht logisch und konsistent zu bleiben. Es gibt sich große Mühe die Möglichkeiten von Zeitreisen auch voll auszuschöpfen und dem Leser näherzubringen. Auf diese Weise ist es, trotz der größeren Schwierigkeit so selbst zur Wahrheit zu gelangen, dem Leser auf jeden Fall möglich die Richtung, Logik und auch Grenzen hinter den Ereignissen zu verstehen und sie in die eigenen Denkprozesse mit einzugliedern. Und das macht richtig Spaß.

Gewisse Möglichkeiten werden aufgebracht, die ich niemals in Erwägung gezogen hätte, weil ich noch nicht richtig mit Zeitlinien gedacht hatte und mit jedem Schritt komme ich dem Mysterium näher. Es ist als hätte man jegliche Elemente aus allen drei Infinity-Titeln entnommen und in diese Geschichte einfließen lassen. Als Leser ist es wirklich spannend dabei zu sein, auch wenn ich mir wünschen würde, dass man als Leser etwas mehr involviert sein könnte.

Bisherige Kritik

Mein größtes Problem bisher liegt stark im Zusammenhang mit der Gewohnheit des Spiels Antworten auf gewisse Fragen weit nach hinten zu verschieben. Früh fiel der Name Miiya – Wer ist das? Was ist mit ihr passiert? Warum ist das wichtig? Dann wurde aufgegriffen, dass Miiya wohl verstorben ist – Was ist passiert? Woran ist sie gestorben? Welche Rolle spielte diese Person für die Protagonisten? Und folglich wurde viel später erklärt, dass sie in einer Explosion ums Leben kam – Was war da los? Wieso ist eine Schülerin in so einen Vorfall verwickelt? Wie kam es in einem Dorf in den Bergen zu so einer Explosion?

Das Infodumping folgt erst eine ganze Weile, nachdem Miiya das erste Mal aufgebracht wurde.

Der Fakt, dass es Stunden gebraucht hat, bis ein einziges eigentlich unwichtiges Detail geklärt werden konnte, hat mich schon frustriert. Genauso auch das Ableben von Naomi. An den Wänden ist Blut, sie hat eine Wunde am Kopf, aber so wirklich interessiert hat es niemanden, wie es zu so einer brutalen Ausgangslage kommen kann. Hauptsache rätseln, wer habe sie denn umgebracht, ganz egal, ob ein Schüler oder ein Alter Mann überhaupt in der Lage wäre, eine erwachsene Frau so gegen den Kopf zu schlagen oder gegen eine Wand zu stoßen, sodass überall Blut klebt.
Es ist doch sehr unzufriedenstellend, wenn gewisse Details, die einen schon eher interessieren, so in den Hintergrund geschoben werden.

Vermutlich werden im Rest der Visual Novel noch einige weitere Fragen der Art aufkommen und ich befürchte, dass nicht alle geklärt oder eben wieder verschoben werden, wenn sie es doch gar nicht müssten.

Ein paar nette Worte

Der Soundtrack gefällt mir bislang sehr gut. Es gibt keine zu repetitiven Stücke und ich finde, die vermittelten Emotionen sind gut angesetzt. Die Umsetzung und auch Platzierung der einzelnen Stücke funktioniert allgemein zufriedenstellend.

Wenn es um die Charaktere geht, so finde ich bisher eigentlich alle, auch mit ihren Fehlern und unschönen Seiten, recht angenehm und nicht zu eindimensional gefasst. Ich bleibe gespannt auf die kommenden Interaktionen. Einige Charaktere sind offener, andere zeigen sich verschlossen und mysteriös – ein recht ausgeglichener Cast, der weder zu still, noch zu laut ist.
Bei Katei könnte sich aber ruhig noch bisschen mehr Hirnleistung zeigen…

Katei glaubt, dass sich die ganze Gruppe gegen ihn verschworen hat… Ist das alles etwa nur eine Fassade?

Wenn es um das Writing allgemein geht, gibt es nur kleinere Dinge, die ich bisher auszusetzen hätte. Stellen, an denen ich mir mehr Details gewünscht hätte und ähnliches. Abgesehen davon, war es mir aber immer gut möglich mich in die Szene hineinzuversetzen. Emotionen werden eher treffend beschrieben und der allgemeine Verlauf der Geschichte scheint gut auf einer Bahn zu verlaufen. Wohin, weiß ich aber noch nicht so ganz.

Gespannt bin ich auf die Auflösungen der offenen Fragen und des Täters. Wie diese umgesetzt sind, ob ich all das verstehen werde und was das Spiel mir noch so an den Kopf werfen wird? Wer weiß. Von dem, was ich bisher gelesen habe, bin ich doch eher optimistisch.

Was steht noch vor mir?

Ich habe derzeit keine Ahnung, was mich noch alles erwarten wird. Wie sich die Geschichte in den kommenden Ereignissen entfalten wird, steht noch absolut in den Sternen. Ich kann mir aber so langsam eine grobe Richtung ausmachen, in die sich das Geschehen entwickeln könnte. Die Motive des Täters sind derzeit noch komplett unklar, ganz egal welcher der acht Charaktere es nun war (oder auch nicht).

Jegliche Theorien, die ich aufstellen könnte, würden sonstige Rahmen von Internetbeiträgen sprengen. Die Menge an Details und Szenarien, die man beachten müsste für eine annehmbare und widerspruchsfreie Theorie, ist viel zu groß als, dass ich mich dessen in konkreter Form außerhalb von schwirrenden Gedanken in meinem Kopf hingeben könnte. Ja, so komplex ist das Ganze. Oder, so kann es zumindest sein. Vielleicht habe ich ja ein großes Detail bereits verpasst, haha.

Es ist zumindest bisher kein perfektes Werk, aber eines, bei dem ich mich freue, abends weiterlesen zu können. Diese ersten paar Stunden haben mir schon gut gefallen. Bisher kann ich, vor allem auch an weitere Infinity-Genießer, klar sagen: The Sekimeiya: Spun Glass hat echt schon was zu bieten.

Autor: Nitro

Yo, ich bin Nitro oder auch Bastian, ich bin 21 Jahre alt und ein Riesenfan von Science Adventure! Zurzeit studiere ich an der TU Darmstadt mit dem Ziel Mathe- und Physiklehrer an Gymnasien zu werden. Anschluss zu Visual Novels fand ich in meiner Jugend und während mein Backlog an gelesenen Werken nicht ganz so groß ausfällt, befasse ich mich gerne ins tiefste Detail und aus verschiedenen Blickwinkeln mit dem was vor mir liegt. El Psy Kongroo!