Dies Irae -Amantes amentes- Review

Nietzsche, Nihilismus und Nazis. Mal abgesehen von der Alliteration teilen sich diese drei Worte auch das Auslösen von Bewunderung und Faszination in manchen Kreisen der modernen, japanischen Unterhaltungsmedien. Etwas, das fürs westliche Publikum, vor allen das deutsche, ein wenig entfremdend wirken kann: „Wo bleibt die kritische Auseinandersetzung? Wo ist die Thematisierung des Holocausts?“, denkt sich der politisch korrekte Bürger. Oftmals ist dies, denke ich, auch gut. Geschichte sollte einem nicht vorgaukeln es besser zu machen, schließlich haben die meisten Königreiche eine doch recht kurze Halbzeit genießen dürfen. Als Deutscher ist man aber mehr oder weniger gezwungen diesen Standpunkt einzunehmen, denn heroische Nazis sind für uns ein Oxymoron. Umso interessanter ist es wieviele Freiheiten Firmen, bei Dies Irae ist dies light, sich in der Anime, Manga und VN-Branche nehmen. Das Stigma zur Thematisierung des Dritten Reichs scheint dort praktisch nicht vorhanden zu sein. Ist es dem östlichen Zeitgeist also gleichgültig? Auch wenn dies ein sehr spannendes Thema ist, werd ich mich nur nebensächlich damit befassen. Schließlich ist das hier ein Review und kein TEDtalk.

„Let the curtains rise on tonight’s Grand Guignol”

Räumen wir erstmal ein paar Dinge ein: Wer sich den Eintrag zu Dies Irae auf vndb angeschaut hat wird erkannt haben, dass es sich hierbei um ein sehr LANGES Erlebnis handelt. Das rührt daher, dass die Visual Novel in Form mehrerer Routen zu verschiedenen Zeitpunkten veröffentlicht wurde. Da ich aber nunmal ein Baka-Gaijin bin habe ich mir das kostenlose „Dies Irae – amantes amentes -“ besorgt, von welchem diese Review auch handelt. Ich empfehle aber jedem, der vorhat sich das Spiel mit allen Routen zu besorgen, die vorgesehene Route-Order herauszusuchen. Diese ist nämlich nicht verpflichtend, jedoch sollte Dies Irae in einer bestimmten Weise durchgespielt werden, um das Maximum aus dem Spielerlebnis herauszuholen. Das hatte bei mir auch für Verwirrung gesorgt.

Weiterhin ist der Hauptunterschied zum Original-Release, dass in der Steam-Version die H-Szenen nicht vorhanden sind. Es mag jeder für sich selbst entscheiden, ob man damit leben kann oder nicht. Mit ein wenig Finesse beim Suchen sollte man aber in der Lage sein den offiziellen 18+ Patch für die Steamfassung zu finden. Ich bevorzuge nunmal All-Ages.

Die VN bietet mehrere Routen zur Auswahl, darunter Kei, Rea, Kasumi und Marie. Ausgehend welche Route man wählt gelangt man zu anderen Verlaufsmöglichkeiten der Handlung. Dazu gehört mit welchem Mädchen man ins Bett steigt und auch, meiner Meinung nach, essentieller Side Story-Content, der als Auftakt für den unterliegenden, tiefgehenden Handlungsstrang dient. Dies war für mich einer meiner Lieblingsaspekte, die Dies Irae zu bieten hatte.

Setting:

Hauptschauplatz der Handlung ist die moderne japanische Stadt Suwahara City in der Protagonist – Fuuji Ren – und seine beiden Kindheitsfreunde – Kasumi Ayase  – und – Rea Himuro – leben und dort die örtliche Highschool besuchen. Vor der eigentlichen Handlung erfährt man durch eine Rückblende vom ehemaligen Freund Shirou Yusa, welcher nach einem urplötzlichen Kampf mit Fuuji spurlos verschwindet. Im Laufe des Ersten Akts lernen wir ebenfalls den Priester Valeria Trifa, und die Nonne Lisa Brenner kennen, welche sich um die mysteriöse Kirche in der Stadt kümmern, in welcher auch Rea lebt.

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Nebenschauplatz ist Nazi-Deutschland, dessen Geschichte man im Prolog sowie in den bereits erwähnten Side Stories erfährt. Hier wird die Entstehung des Longinus Dreizehn Orden, einer geheimen Vereinigung übernatürlich, starker Menschen beschrieben, untermalt mit passender Atmosphäre und Setting für die 30er- sowie 40er Jahre. Die hier entscheidenden Charaktere entpuppen sich später als Antagonisten in der Gegenwartshandlung. Die Handlung hier ist so interessant und packend, dass man fast hinterfragen muss, wie man SS-Mitglieder so sympathisch machen kann.

Charaktere:

Die Charaktere sind ein weiterer Aspekt bei dem light sich nicht zügelt Geschichte als Stilmittel zu verwenden. Ein Großteil der Charaktere, bezogen auf Namen und Hintergrundgeschichte des Longinus Dreizehn Orden, basiert auf echten Personen. Spitznamen einzelner Charaktere sind ebenfalls historisch-literarischen Ursprungs und meist recht weltoffen. So erkennt der eine oder andere literaturinteressierte Spieler z.B. „Götz von Berlichingen“ oder „Faust“ wieder, aber auch unbekanntere Werke, wie den Nebennamen für das Mittelalterbuch des Hexenhammers „Malleus Maleficarum“ werden regelrecht genamedropped. Für den Pseudointellektuellen wie mich also ein reines Festmahl, vor allem wenn man sich mit der Thematik auseinandersetzt und was der Zusammenhang zwischen hiesigen Charakteren und Original ist. Um nicht zu viel vorwegzunehmen, falls es doch jemand noch spielen will, werde ich hauptsächlich die Personen erwähnen die in den ersten Stunden der Novel eingeführt werden und an der Gesamthandlung mitwirken.

Fuuji Ren:

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Wenn sich Dies Irae von den Genre-Verwandten abhebt, liegt es daran, dass der Hauptcharakter kein typischer Upbeat-Shounenprotagonist mit starkem Moralbewusstsein aber umso schwächeren Gehirnzellen ist. Ihm fehlt selbst das typische Ahoge. Ren ist oft sehr zynisch gegenüber seinen Mitmenschen und zeigt gelegentlich auch keine Skrupel. Sein größter Wunsch von allen ist, dass Normalität in sein Alltagsleben einkehrt, und er wird nicht ruhen bis er dieses Ziel erreicht. Insgeheim besteht eine Verbindung zu einem Charakter namens Mercurius über den wir zunächst sehr wenig erfahren. Dieser sieht aber Ren extrem ähnlich, umso komischer scheint es wenn er Ren als „Zarathustra“ bezeichnet.

Kasumi Ayase

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Kindheitsfreundin von Ren, Rea und dem verschollenen Shirou. Sie ist das ergänzende Pendant zu Ren, humorvoll, airheaded, expressionsreich und voller Tatendrang (Ja, sie hat ein Ahoge).

Rea Himuro

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Teil von Rens Freundeskreis und eine Kuudere mit einem sehr trockenen Sinn für Humor.

Shirou Yusa

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Männlicher Freund von Ren, entschied sich für eine brutale Prügelei mit seinem besten Freund Ren. Status und Standort sind am Anfang des Spiels unbekannt.

Kei Sakurei

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Diese 20-jährige Japanerin ist aus irgendeinem Grund Teil des über 60 Jahre alten Longinus Dreizehn Orden. Sie verfügt wie die anderen Mitglieder ebenfalls über unmenschliche Kraft.

Valeria Trifa

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Ein deutscher Priester, der für sein Alter viel zu jung erscheint. Er nimmt eine Vaterfigur für Rea ein.

Rusalka Schwägerin

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Auch bekannt als „Malleus Maleficarum“ (benannt nach dem „Hexenhammer“) sie ist eine Hexe des Longinus Dreizehn Ordens.

Wilhelm Ehrenburg

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Alias Kaziklu Bey (Türkischer Name für Vlad Dracula), konstant genervter Faustkämpfer des Longinus Dreizehn Orden.

Musik und Visuals

Als ich das Spiel zum ersten mal angeworfen hatte und mit dieser BGM begrüßt, nein sogar angefallen wurde, war mir schon klar, dass ichs hier mit etwas zu tun hab bei dem Leute Spaß dran hatten es zu designen. Gepaart mit den Hintergrundbildern eines brennenden Berlins und den gelegentlichen Gefechtsgeräuschen kann mir niemand erzählen, dass Visual Novels keine Kunstform sind.

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Der Soundtrack ist meiner Meinung nach extrem gut gelungen, und bei so gut wie jeder Situation passend gewählt. Untermalt wird das natürlich durch die CGs und Sprites, welche ich sehr ansehnlich finde. Natürlich meine subjektive Meinung. Es gibt bestimmt genug Individuen, welche die Form von Dies Irae überhaupt nicht mögen und sich lieber Moe-Augen und Ecchi-Brüste anschauen.

Story

Im Prolog wird man in das Berlin aus dem Jahre 1945 während der Besetzung der Soviets versetzt. Die Stadt steht in Flammen und die Mitglieder des mysteriösen Longinus Dreizehn Ordens schlachten verbündete Soldaten ab. Fädenzieher sind der trügerische Mercurius und der allmächtige Lord Heydrich. Die Hintergründe warum genau was passiert sind noch sehr unklar.

In der Gegenwart dreht es sich um Fuuji Ren, welcher nach einem Kampf mit seinem besten Freund Yusa Shirou aus dem Krankenhaus entlassen wird und sich wieder seinem gemütlichen alltäglichen Leben ohne irgendwelche Besonderheiten – einem Hort der Normalität – widmen will. Im Laufe der nächsten Tage wird ihm aber klar, dass etwas nicht stimmen kann. Eine brutale Mordserie in der Stadt beunruhigt ihn und eines Nachts findet er sich konfrontiert mit mehreren komischen Figuren in Nazi-Uniformen, welche unmenschliche Kräfte besitzen: Kaziklu Bey, Malleus Maleficarum und Sakurai Kei. Unbewaffnet muss er sich zurückziehen, nachdem er körperlich sowie psychisch durch die schiere unfassbare Kampfkraft seiner Kontrahenten gepeinigt wird. Während die Morde nicht nachlassen, erlangt er eines schicksalhaften Tages die Kraft von dem schmächtig aussehenden Mädchen Marie, welche es ihm ermöglicht gegen seine übernatürlichen Gegner Widerstand leisten zu können. Die eigentlichen Hintergründe warum er diese Macht erhält und warum er mit solchen Bestien konfrontiert wird, bleiben ihm zunächst unklar.

Geheime übernatürliche Schlachten bei denen es um die Beschwörung eines Objekts der Begierde geht, Kindheitsfreunde, Schulsetting, und ein etwas suspekt erscheinender Priester. Wer noch ein Novize ist, was das Thema VNs angeht, oder bisher einfach keine Zeit/Lust hatte alle 3 Routen von Fate/stay night zu spielen wird wahrscheinlich überrascht sein, wie viele Parallelen hier in der Handlung existieren.

Diese Vergleiche gehen so weit, dass sich im Internet Parteien gebildet haben, von denen die eine Seite dem Masadaverse, Beschreibung für das Universum von Masada Takashi, und die andere für das Nasuverse, Fate-Universum, geschrieben von Kinoko Nasu, einsetzt. Beide Universen haben ihre eindeutige Berechtigung, da sie das pejorativ genannte Chuunige-Genre weiträumig geprägt haben.

Diese Parallelen sind so vielfältig, dass das Wort „Inspiration“ fast schon nicht umfassend genug ist um den Einfluss der Type-Moon Novel zu beschreiben. Keinesfalls seh ich das als Negativpunkt, schließlich gibt es bestimmt Geschichten mit ähnlichen Konzepten die lange vor FSN veröffentlicht wurden, das übersteigt aber leider mein historisches Wissen über japanische Schmuddelspiele.

Um in keiner beliebigen Reihenfolge ein paar Beispiele zu nennen:

Spoiler
  • Die Priester Valeria Trifa (Dies Irae) und Kotomine Kirei aus FSN sind am Anfang beide recht gutmütig und hilfreich unterwegs, ihre Hintergründe werden aber im Verlauf des Spiels immer geheimnisvoller, ihre Ziele eben so
  • Kasumi (Dies Irae) und Sakura(FSN) begehen beide bei Nacht halbunwissentlich blutrünstige Amokläufe um ihren „Hunger“ zu stillen
  • Gekämpft wird mit mythologischen Objekten, eben so haben die Kontrahenten des Protagonisten mythologisch, geschichtlichen Hintergrund
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Kritik

Auch wenn es sich in dieser Review anhört als ob ich dieses Spiel einfach nur grandios und klasse fand, gibts bei so gut wie allem Mängel. Das was mir nach über 50 Stunden Spielerlebnis und dem Komplettieren von zwei aus vier Routen eindeutig aufgefallen war, ist die unübersichtliche und verwirrende Natur der Story in manchen Dialogen. Klar, eine komplexe Hintergrundstory mit subtilem Worldbuilding ist meiner Meinung nach besser als ein fünfstündiger Lehrabschnitt der Developer in der Exposition, um dem Spieler die Story zu erklären. Spätestens aber, wenn dann scheinbar-unwichtiger-Charakter-der-eigentlich-extrem-wichtig-ist in einem Nebenmonolog dann von Sonnenkindern, Ahnenerben und Ghettos redet ist man doch recht am Kopfschütteln. Am Anfang und sogar gute 20 Stunden in der Story drin, ist das ja sogar noch verständlich, aber wenn man selbst am Ende der Route noch einiges nicht versteht, lässt das doch einen sauren Nachgeschmack. Klar könnte gesagt werden, dass man fauler Sack doch einfach den Rest durchspielen soll, aber in dem Moment war es auf jeden Fall extrem antiklimaktisch.

Fazit

Ich spreche hier eindeutig für einen Kreis an Leuten meine Empfehlung aus. Dazu gehören die, die Spaß an VNs wie Fate oder Ähnlichem hatten, die gute Visuals und Musik schätzen, nordische Mythologie sowie europäische Geschichte interessant finden und natürlich die Leute die denken sie seien jetzt Philosophen, weil sie die ersten 10 Seiten von Also Sprach Zarathustra gelesen haben.

Die Sache mit den Nazis…

Es ist ja kein Geheimnis, dass in Dies Irae ein großer Teil der Charaktere auf den Nationalsozialismus anspielt – auf die Prävalenz in japanischen Medien bin ich ja schon eingegangen. Aber sollte man sich jetzt schlecht fühlen weil man einen oder mehrere Charaktere des LDO aus Dies Irae interessant oder cool findet? Oder wenn man überhaupt Gefallen an Dies Irae hat? Ich, zum Beispiel, finde Kaziklu Bey vom Charakter her sehr unterhaltsam, eine Eigenschaft die ihm unter anderem auch eine Side Story einheimste, bei der aus seiner Sicht erzählt wird. Aber er ist unter anderem auch Massenmörder und xenophob. Ich würde trotzdem sagen, dass das Sympathisieren mit kontroversen Charakteren im Grunde nicht verwerflich ist. Wenn doch wäre das Guilt-by-Association. Beispielsweise, wenn man im echten Leben mit einem Ku-Klux-Klan-Mitglied befreundet wäre, würde das einen auch nicht notwendigerweise zu einem Rassisten machen. Natürlich wird einem das gelegentlich von Leute eingeredet, aber ich selbst habe damit kein Problem.

Nun kommt aber die eigentliche Problemfrage: Ist es okay, dass hier Nazis überhaupt sympathisch dargestellt werden? Wer sich irgendwelche Filme zum 2. Weltkrieg anschaut wird offensichtlich die überraschend fehlende Menschlichkeit vieler Wehrmachtsoldaten, SS-Mitgliedern usw. bemerken. Schließlich war jeder, der sich passiv dem System Deutschlands zu diesem Zeitpunkt untergeordnet hat mitverantwortlich an den Verbrechen, die an Minderheiten und anderen europäischen Völkern begangen wurden. Aber ich sage, dass sie (zumindest der Großteil) immer noch Menschen waren, gelacht haben wie Menschen, geweint haben wie Menschen und gelebt haben wie Menschen. In diesem Sinne finde ich es sogar gut wie das Studio light hier Charaktere darstellt. Als letztes muss natürlich kommen, dass Konzentrationslager und andere Gräueltaten keine Zentralaspekte des Spiels sind, denn jedes mal wenn es um Nazideutschland geht muss es ja auch um KZs, Judenverfolgung und andere Dinge gehen. Sie werden offensichtlich als böse Machenschaften klassifiziert, egal was für ein sympathischer Kamerad dahinter stecken möge.

Ich hab selbst noch von niemandem mitbekommen, dass man sich darüber aufgeregt hat wie hier mit den Themen umgegangen wird. Nehmen wir aber mal an, dass aus irgendeinem Grund in einem hypothetischen Szenario Dies Irae in die Fänge des Bundestags gerät und dieser entscheiden muss, ob es verfassungswidrig ist. Erstens hoffe ich, dass sie nicht die 18+ Version genommen haben, zweitens hoffe ich dass die Details beachtet werden, von denen es recht viele gibt. Mal abgesehen davon dass die eine BGM die ich oben verlinkt hab „Holocaust“ heißt und eindeutig eine Anspielung auf besagten ist, diesen also nicht verleugnet, ist die Tatsache, dass die Nazis in dem Spiel hier immer noch die Antagonisten sind nicht zu vergessen.

Post Author: Kayihan

Moin, ich heiße Kayihan und bin auch bekannt als der Typ mit dem komischen Namen. Ich bin vergleichsweise noch ein Anfänger wenn es ums Visual Novels geht, und wünsche meinen Horizont durch das Schreiben meiner Artikel zu erweitern. Vielen Dank fürs lesen und viel Spaß noch auf der Seite :).