Chaos;Head: Das Di-Sword-Problem

Zuallererst, will ich sagen, dass ich momentan noch nicht Chaos;Child durchgelesen habe und noch nicht dazu kam mich mit Robotics;Notes zu befassen. Außerdem empfehle ich euch zumindest Chaos;Head PC gelesen zu haben, denn dieser Kommentar ist eher für die gedacht, die schon Head/Child komplettiert haben. Es ist jedoch möglich den Artikel zu lesen, ohne Vorwissen über Chaos;Head/Child und Steins;Gate zu haben.

Ein kurzer Überblick

Wenn ich ehrlich sein kann, bin ich kein großer Kritiker, jedoch habe ich mit Chaos;Head und dem dazugehörigen Nachfolger Chaos;Child ein kleines aber irgendwie schon großes Problem. Aber ehe ich darauf eingehe, erkläre ich sicherheitshalber, was überhaupt Chaos;Head und Chaos;Child ist.

Chaos;Head ist zusammen mit Chaos;Child, Steins;Gate , Robotics;Notes und dem kommenden Anonymous;Code Teil der Hauptspiele des ScienceAdventure-Universums. Ein Franchise, das mit Chaos;Head seinen Ursprung hat und damals mit Nitro+ und 5pb in Kooperation entstand und nun alleine von 5pb bzw. dem Publisher Mages Inc., produziert wird. SciAdv könnte man in seiner Struktur mit dem Marvel Cinematic Universe vergleichen. Im Hauptfokus der Reihe steht Science-Fiction-Handlungen sehr realitätsnah zu erzählen – die einzelnen Werke sind jedoch eher indirekt miteinander verbunden. So werden öfter Antagonisten wie das „Kommitee der 300“ franchiseübergreifend erwähnt. Größtenteils jedoch, können Abschnitte des Franchises wie Steins;Gate und dessen Nachfolger problemlos isoliert genossen werden, obwohl S;G chronologisch nach C;H geschieht.

Ohne die eigentliche Handlung im Detail vorwegzunehmen, das Hauptelement der Chaos;Reihe ist, dass in unserer Welt sogenannte „Gigalomaniacs“ existieren. Das sind Menschen, die ihre Wahnvorstellungen in die Realität zu übertragen können (ich erspare uns mal die „wissenschaftlichen Erklärungen“). Aber, um von dieser Fähigkeit Nutzen zu machen, benötigen Gigalomaniacs ein Di-Sword. Es handelt sich hierbei um ein „Schwert“, welches es dem Gigalomaniac überhaupt ermöglicht seine Fähigkeiten zu nutzen. Denn es bedarf eines hohen Konzentrationsvermögens, um eine Wahnvorstellung zu verwirklichen. Aus diesem Grund muss ein Gigalomaniac sich vollständig auf sein Di-Sword fokussieren, damit die Wahnvorstellung Teil der Realität wird. Di-Swords sind grundsätzlich nur für Gigalomaniacs sichtbar, sie können, aber wenn es der Nutzer will, auch der Teil der Realität werden, wodurch das Di-Sword zu einem echten Schwert wird und dementsprechend tödlich ist.

Der stilistische Aussetzer

An und für sich finde ich das Konzept der Gigalomaniacs echt interessant und es war schon in Chaos;Head sehr gelungen. Mein Dorn im Auge sind jedoch die Di-Swords, oder eher die Erscheinung der Di-Swords. Dies ist eher ein Gedanke, der von denjenigen kommt, die zuallererst mit der Steins;Gate-Reihe anfingen und im Anschluss sich mit Chaos;Head/Child befassten. Die Di-Swords sind einfach fehl am Platz und passen absolut nicht in das eher grundierte ScienceAdventure-Universum. Sie werden zwar, ähnlich wie die aus Steins;Gate bekannte „Telewelle (vorläufig)“, auch erklärt, in ihrer Funktion, zu einem gewissen Grad jedoch, bleiben gewisse Fragen unbeantwortet. Beispielsweise, warum die Di-Swords immer die Form eines Schwertes annehmen und nicht die von etwas Spezifischem, das der Gigalomaniac verlangt.

Ein weiteres Problem wäre, dass die Di-Swords die Erwartungen gegenüber Chaos;Head/Child in die falsche Richtung lenken. Denn nicht nur der Artstyle ist eher von der generischen Seite, auch geben die Di-Swords in Kombination mit den Teenager-Schülerinnen einen eher unoriginellen Eindruck ab, eher etwas das ich auf den ersten Blick überspringen würde, hätte mein Freund und Kollege Nitro mir die VN nicht voller Leidenschaft empfohlen. Zwar nutzt Chaos;Head in den letzten Kapiteln diese Erwartungen zu seinem Vorteil, in denen jegliches Gefühl einer generischen Handlung, zerstört wird. Dies geschah aber auf Kosten der thematischen Konsistenz von ScienceAdventure.

Dazu kommt noch, dass für mich zumindest wegen den Di-Swords beide Höhepunkte der Chaos;Reihe ein wenig versaut wurden. Denn, anstatt den ganzen Fokus daraufzusetzen, dass zwei gegenüberstehende Gigalomaniacs versuchen durch eine Wahnvorstellung nach der anderen, den Verstand des Gegenübers zu überlisten, wird am Anfang und am Ende die Lesezeit damit verschwendet, dass uns erzählt wird, wie die Kontrahenten sich gegenseitig in einem Schwertkampf – der genauso gut einem Fantasy-Anime entsprungen sein könnte, gegeneinander bekämpfen und das interessante Mindgame geschieht erst gegen Mitte.

Es wirkt einfach wie Filler und ist eine verpasste Chance, mehr interessante Szenarien zu zeigen.

Wie hätte man es anders machen können?

Etwas das mich auch stutzig macht ist, dass Di-Swords die Leseerfahrung nicht sonderlich aufwerten. Denn sind wir mal ehrlich, würden wir die Regel rausnehmen, dass die Gigalomaniacs ein Di-Sword bräuchten, um Wahnvorstellungen in die Realität zu übertragen, würde die gesamte Geschichte grundsätzlich immer noch funktionieren. Zwar ist eines der wichtigsten Handlungselemente aus Chaos;Head, dass der Hauptcharakter Nishijou Takumi sein Di-Sword „findet“, jedoch verläuft diese Suche praktisch simultan zu dem Punkt, an dem seine Kräfte als Gigalomaniac erwachen, wodurch nur wenige Umschreibungen nötig wären.

Aber behaupten wir mal wir brauchen etwas Externes wie ein DI-Sword. Ich tue mal das offensichtliche und nutze den obligatorischen Inception-Vergleich. Wie wäre es, wenn Gigalomaniacs eher persönliche Gegenstände oder auch Personen brauchen, damit eine Wahnvorstellung real wird. Zwar ist es auch genau wie die Di-Swords eine sehr sinnfreie Regel, aber man hätte dadurch Takumis Suche nach seinem „Auslöser“ viel besser in seine Charakterentwicklung implementieren können. Natürlich ist dies eine schnelle Idee aus meinem Kopf, aber solch eine eher kleine Änderung hätte für mich die Geschichte ein großes Stückchen origineller gemacht. Vielleicht hätte man seine Beziehung mit Rimi damit einbinden können.

Die „Telewelle (vorläufig)“ kann es besser

Manch einer könnte sich aber fragen, was die Telewelle (vorläufig) aus Steins;Gate so anders macht, wenn man sie mit den Di-Swords vergleicht. Ganz simpel. Steins;Gate ist in seiner Science-Fiction deutlich raffinierter und wendet viel mehr Zeit auf, dass gesamte Drumherum mit den Weltlinien, der Telewelle (vorläufig) und den D-Mails zu erklären.

Klar, vom reinen Aussehen her ist die Telewelle (vorläufig) auf dem ersten Blick auch etwas absurd, aber eher in eine andere Richtung als die Di-Swords. Die Telewelle (vorläufig) ist zwar eine Zeitmaschine, sie sieht aber ziemlich unspektakulär, ja beinahe zu schäbig aus, für die weltweit erste Zeitmaschine, dessen Existenz Katastrophale Folgen in sich birgt. Diese Herangehensweise lässt die Ereignisse in Steins;Gate in seiner eigenen Art „glaubhafter“ erscheinen, als Chaos;Head/Child, weil keine fantastisch aussehenden Elemente hinzugefügt wurden.

Die Telewelle (vorläufig) lockt alleine Interesse mit ihrer Funktionsweise und ergänzt deswegen die Fähigkeit, die Okabe in Steins;Gate hat – nämlich sich an vorherigen World-Lines zu erinnern – perfekt.

Warum gibt es überhaupt Di-Swords?

Was könnte also am Ende der Grund sein, dass ein offensichtlich komischer Stilbruch mit den Di-Swords begangen wurde. Es kann gut möglich sein, dass Chaos;Head anfangs eher in isolierter Form angedacht war. Denn das originale Chaos;Head hat sich als „Delusional Science Novel“ beschrieben. Was man sich also erdenken kann wäre, dass Chaos;Head, als ein selbständiges Franchise konzipiert wurde und man sich erst während der Entwicklung von Chaos;Head Noah – eine Neuauflage von C;H – dazu entschied, das Werk mit Steins;Gate zu verbinden. Denn erst mit Chaos;Head Noah wurde zum ersten Mal das ScienceAdventure-Universum. das wir heute kennen mit der Überschrift „A Delusional Science Adventure“ erwähnt. Dies hat nur den Nachteil gehabt, dass gewisse Elemente von Chaos;Head wie die Di-Swords eher in einem isolierten Universum mehr Sinn gemacht hätten, als in einem sehr detailversessenen wie ScienceAdventure.

Warum die Di-Swords ein Hindernis werden (könnten)

Diese Entscheidung trägt aber die Konsequenz, dass wenn ScienceAdventure seinen „Avengers Endgame“-Ableger bekommen sollte, der extrem starke Fantasiekitsch der Di-Swords im Kontrast zu den eher „realistischeren“ Elementen von Steins;Gate, Robotics;Notes und dem kommenden Anonymous;Code negativ auffallen kann. Es wird also noch schwieriger sein, mit dem „Endgame“ ganze drei bis vier grundverschiedene Themenbereiche des ScienceAdventure-Universums zusammenzuführen. Hier könnten die Gigalomaniacs durch ihre Di-Swords die Glaubhaftigkeit der Handlung runterziehen, wenn die verschiedenen Phänomene nicht vernünftig miteinander verbunden werden.

Es bleibt also abzuwarten wie in zukünftigen ScienceAdventure-Titeln mit den Gigalomaniacs und den Di-Swords umgegangen wird. Auf einen weiteren Ableger der Chaos;-Reihe können wir nämlich nicht hoffen, weil man sich durch die schwachen Verkaufszahlen von Chaos;Child dazu entschied einen thematischen Nachfolger zu Steins;Gate zu produzieren. Das Lustige an diesem Dilemma ist, dass selbst Chiyomaru Shikura, der Schöpfer der ScienceAdventure-Reihe, behauptet er sei kein großer Anhänger von Fantasyelementen und lege einen sehr großen Wert darauf, dass alles sehr realitätsnah bleibt.

Man könnte beinah sagen, dass die komische Atmosphäre der Chaos;Reihe mit den Gigalomaniacs und deren Di-Swords des Franchises Fluch und Segen ist.

Autor: Caps

Hi, ich bin Caps. Ich bin eher durch Zufall auf Visual Novels gestoßen. Eigentlich wollte ich einen Roman bestellen, jedoch empfahl mir der Amazon Algorithmus Steins;Gate Elite und nach ein paar hundert Stunden, in mehreren verschiedenen SciADV-Ablegern, kann ich mich als Fan des Mediums betiteln. In naher Zukunft will ich auch andere Werke außerhalb des SciADV-Spektrums lesen. El Psy Con....Kongroo!!