Bärschwerdebrief: Was darf ein Übersetzer?

Heute ist der Bär mal in himmlischer Mission unterwegs und plaudert ein bisschen aus dem Nähkästchen. Wer gibt sich denn bitte nicht gerne klüger, als er ist? Und heute sind Übersetzungen dran. Offiziell hat der Bär zwar erst wenige (na gut, eine) VNs übersetzt (und bei der einen war er eigentlich auch nur Editor), aber er maßt sich trotzdem mal jahrelange Erfahrung an.

Wenn man mit Übersetzungen arbeitet, dann sollte sich einem immer eine Frage stellen:

„Übersetze ich die Worte oder übersetze ich den Inhalt?“

Die Frage klingt erst einmal seltsam, die Worte sind doch schließlich der Inhalt. Oder etwa nicht? Gibt es da vielleicht doch kleine Unterschiede?

Wie immer sind alle Angaben ohne Gewähr und jegliche Art von Beleidigung oder Verletzung von Gefühlen ungewollt

Vielen angehenden (Hobby-)Übersetzern und denen, die mit ihnen arbeiten, ist anfänglich vermutlich nicht bewusst dass Wort und Inhalt gelegentliche Diskrepanzen aufweisen können, die manchmal einen anderen (Un)Sinn ergeben können.
Jeder kennt die lustigen Bilder mit völlig sinnlosen Übersetzungen, die man von Freunden, Familie oder Kollegen gelegentlich zugeschickt kriegt, mit Klassikern wie Angus Beef → Anus Beef oder Gehacktes vom Kind anstatt vom Rind. Um diese Art von Übersetzung geht es heute (leider) nicht. Jetzt geht es um die ernstere Frage:

„Darf ein Übersetzer kreativ sein?“

Ziemlich nah am Original, wirkt aber trotzdem sehr gelungen was aber auch an der Dramatik und dem Feuer im Hintergrund liegen könnte…

Wenn man auf der Straße 100 Leute fragen würde, dann würden vermutlich mehr als die Hälfte sagen, dass Übersetzer nicht kreativ sein dürfen, sie sollen ja schließlich übersetzen und nichts umdichten.
Die Aufgabe eines Übersetzers ist es so originalgetreu wie möglich zu übersetzen. Das heißt, dass man, wenn möglich alle Eigenheiten des Ausgangstextes übernehmen sollte.

So sollte eine 1:1 Übersetzung bestenfalls nicht klingen, aber man muss zugeben, in Kombination mit Bild und Ton hat es was

Konfrontiert man die gleichen Leute aber mit einem wortwörtlich übersetzten Wortwitz, dann ist die von ihnen geforderte Übersetzung auf einmal schlecht. In diesem Fall ist eine wortgetreue Übersetzung objektiv falsch, da die Intention des Ausgangstextes ein Witz war. Der Übersetzer muss also irgendwie den Witz in der Zielsprache wiedergeben. Ob der Witz nun wortwörtlich übersetzt wird und man hofft, dass die Zielgruppe der Übersetzung gut genug mit der Kultur vertraut ist um diesen zu verstehen, oder man einen ähnlichen Witz aus der Zielsprache nimmt damit die Zielgruppe ihn auf Anhieb versteht, bleibt dem Übersetzer überlassen.
Bei Humor, Nuancen und Andeutungen ist meistens von einer 1:1 Übersetzung abzuraten, da diese sprach- oder kulturspezifisch sind.

Nanaru aus Sankaku Renai zieht über Otakukultur her, aber hat sie Recht?

Besonders ätzend zu übersetzen ist Japanisch mit seinen ganzen verschiedenen Höflichkeitsstufen des Sprechens und Anreden wie -san, -kun, -chan etc., die zwar ähnliche Formen in den Zielsprachen haben aber unter den Japanophilen so große Beliebtheit haben, dass Fackeln und Heugabeln gezückt werden, wenn Onii-chan auf irgendeine andere Art übersetzt wird… Als Übersetzer sollte man also nicht nur mit den Sprachen sondern auch den Kulturen und Subkulturen der Ausgangssprache sowie Zielsprache vertraut sein. Was aber tun, wenn der Ausgangstext ein humoristisches Eroge voller kulturspezifischem Slang ist?
Dann hat man ein verdammt großes Problem. Entweder man pinkelt der einen Hälfte der Zielgruppe ans Bein und lokalisiert den Slang, so wie zum Beispiel Neko Nyan es unter anderem mit Sankaku Renai: Love Triangle Trouble gemacht hat.

Wer kennt diese Problem nicht? Man startet die Steam-Version nur um zu merken, dass da offensichtlich was geschnitten wurde…

Oder man weicht von den Intentionen des Ausgangswerkes ab und übersetzt originalgetreu, verliert aber vermutlich über die Hälfte der Witze, da die Zielgruppe mit dem Material nichts anfangen kann und produziert so eine vermutlich objektiv schlechte Übersetzung. Aber man kann es mit dem Lokalisieren auch ein bisschen übertreiben. So waren in Neko Nyans Übersetzung von Fureraba Friends to Lovers ein paar etliche Fluchwörter zu viel im Text, allein dadurch, dass die Charaktere auf brüske und unhöfliche Art gesprochen haben oder in MangaGamers Evenicle auf einmal Speisen lokalisiert wurden, was absolut keinen Sinn gemacht hat. Oder wenn in If You Love Me, Then Say So! Auf einmal spanisch gesprochen wird, weil im Original gebrochenes Englisch gesprochen wurde.

Comprende, Kollege? Nein? Dann ergeht es einem wie allen anderen

Lokalisation ist halt kein Wundermittel für eine gute Übersetzung. Trotzdem sollte man als Übersetzer einen Text anstreben, der sich in der Übersetzung mindestens genauso gut liest wie der Originaltext. Wenn man in einer Übersetzung das Ausgangswerk verbessern kann, dann sollte man das auch tun. Aber ohne, dass die eigenen Präferenzen die Intentionen des Originalwerkes überdecken.

Langer Rede kurzer Sinn:

Ja, als Übersetzer darf und muss man kreativ sein. Und sollte mit jedem Wort danach streben den Text ein bisschen besser zu machen als das Original. Man sollte so nah am Ausgangstext bleiben, wie es möglich ist, aber so sehr lokalisieren, wie man fähig ist. Man muss versuchen es allen gerecht zu machen und dabei trotzdem noch so arbeiten, dass man selbst sagen kann, dass es gut klingt. Und nebenbei kann man dann auch noch gucken, wo und wie man das Original verbessern könnte.
Klingt schwierig? Ist es auch. Aber niemand, der schon einmal selbst übersetzt hat, sagt, dass übersetzen einfach ist.

Post Author: Kuma

Ein diabolisches Wesen, das Geschichten verschlingt wie andere Luft zum Atmen. Niemand weiß, Wer oder Was Kuma war, bevor er aus dem Wald ausbrach und sich in die Zivilisation stürzte, aber nun ist er hier und er ist gekommen um zu bleiben. Nichts ist vor ihm sicher. Kein Eroge, keine Visual Novel hält diesen Bären davon ab unaufhörlich weiter und weiter zu lesen. In seiner Sucht sind ihm schon unzählige Spiele zum Opfer gefallen. Und es werden stündlich mehr...