Bärschwerdebrief: VNs auf Gaming-Seiten: Ein Bär interviewt sich selbst

Wer heutzutage Videospiel-Journalisten oder deren Seiten verfolgt (ist selber Schuld), der wird öfters merken, dass Visual Novels nicht gerade den besten Ruf genießen. Sie sind sozusagen das „Dorffahrrad“ der Gaming-Presse: Ein jeder war schon mal drauf, obwohl es allgemein bekannt ist, dass die Tat an Niveau mangelt. So vor einiger Zeit mal wieder geschehen auf der Gaming-Seite Kotaku, bei der sich einige Autoren gelegentlich persönliche Wertungen unter dem Schleier der Professionalität anmaßen.

Der Bär dachte sich also, warum nicht auch mal seine 2 Cent zum Thema dazu geben und interviewt sich kurzerhand einfach mal selbst.

Warum genießen VNs in Videospielkreisen den gleichen Effekt, den Ego-Shooter auf Politiker und „Erziehungswissenschaftler“ zu haben scheinen?

Kurze Antwort: Politische Agenda! „In einer Zeit der Toleranz werden Dinge, die nicht dem Weltbild der lautesten Seite entsprechen, nicht toleriert und gehören ausgerottet.“

(Sehr) Lange Antwort basierend auf eine unbestätigten, persönlichen Hypothese: Das alles lässt sich vermutlich auf die gesellschaftlichen Unterschiede zwischen Japan und dem Westen zurückverfolgen. Die heftigsten Reaktionen der Inakzeptanz von Anime, Manga und Visual Novels kommen aus Amerika. Europa und der Rest sind bei Themen außerhalb von Loli/Shota, meiner Erfahrung nach, extrem gelassen.

Die amerikanische Reaktion, vermute ich mal, lässt sich auf den großen Einfluss, den die mittelalterliche christliche Kirche auf die Entwicklung der amerikanischen Gesellschaft hatte, zurückzuführen. Die typisch amerikanische Art in Kombination mit an Zölibat angrenzender Abneigung den Akt der Fortpflanzung in irgendeiner Form zu zeigen (obwohl sie ihn privat ausführen), sorgten für eine Abneigung von nackter Haut in Medien, vor allem in Videospielen, also auch Visual Novels.

Die Ansichten, dass nackte Haut ein Zeichen von Sittenlosigkeit, fehlender Selbstkontrolle und Schamlosigkeit seien, hält sich bis heute in vielen Gruppen und Organisationen, die journalistisch tätig sind. Mittlerweile ist die streng konservative christliche Einstellung weitgehend einer toleranteren gewichen, aber der Umgang mit Dingen, die nicht der eigenen Ansicht entsprechen, blieb jedoch ironischerweise streng konservativ und wird meist mit metaphorischer Waffengewalt abgelehnt.

Japan dagegen ist aufgrund seiner langen historischen Isolation immer extrem hierarchisch: Die momentane Gesellschaft lässt sich ganz gut mit einer Ameisenkolonie vergleichen. Sie harren stur an ihrer Position fest und tun was ihnen die Königin vorschreibt. Die Rollen sind weitgehend festgelegt und werden selten hinterfragt. Das scheint sich aber auch langsam zu ändern.
Japan nutzt seine Unterhaltungsmedien jedoch als Ventil um alles, was sich während der 80-Stunden Woche im Büro ansammelt, rauszulassen.

Das ist vermutlich einer der Gründe warum Anime, Manga, Light Novels und VNs meistens so abgedreht, realitätsfern oder extrem sein können. Alles, was im echten Leben unwahrscheinlich oder unmöglich wäre, wird durch diese Medien ermöglicht. Dass diese Inhalte die politischen oder religiösen Werte des Westens nicht treffen, ist also kein Wunder. Der Westen ist durch Amerika, vor allem Hollywood, geprägt worden und eher Explosionen als Brüste in seinen Medien gewohnt. Lustigerweise ist anzumerken, dass Waffen- und Gewaltverbrechen in Amerika häufiger sind als Sexualdelikte in Japan.

Sind diese negativen Belichtungen, wie sie von vielen Videospielseiten kommen, gerechtfertigt?

Nicht wirklich. Ich bemerke eine gewisse Doppelmoral bei bestimmten Autoren, die sich zwar mit der progressiven Menge gut stellen wollen, aber trotzdem noch über die „dicken Fische“ schreiben wollen. Wenn auf der gleichen Seite ein Open World Shooter, also ein „Amoklaufsimulator“ in höchsten Tönen gelobt wird, während eine Liebesgeschichte zwischen jungen Erwachsenen als sexistisch abgetan wird, nur weil der Liebesakt grafisch dargestellt wird, die Charaktere zu jung aussehen (als ob nicht alle Asiaten für uns Westler wie Kinder aussehen würden) oder weil ein bestimmtes Gender der mittlerweile X³-zähligen Möglichkeiten nicht vertreten ist.

Ich kann die negative Belichtung von Visual Novels aber verstehen, da VNs nicht so viele Klicks wie die „großen“ Genres generieren, wenn man sie featured. Als Autor will man dann doch lieber Artikel schreiben, die viele Kommentare generieren, ganz egal wie negativ sie sind, Hauptsache durch die Kommentare wird eine Diskussion losgetreten, die möglichst viele Kommentare generiert und somit der Seite oder dem Autoren das Gefühl gibt, dass etwas bedeutungsvolles geschrieben wurde.

So werden VNs mit teilweise sehr progressiven oder tiefgründigen Handlungen als „Sexspiele“ abgestempelt, während Spiele, in denen man Supersoldat Nr. 1256374856765432345678765 spielt mit Jubel als „genial“ oder „innovativ“ gelobt werden.

Ein Verbrechen, dem sich Autoren von Kotaku und auch diverse andere Seiten öfter schuldig machen, ist das Verfolgen einer politischen Agenda in ihren Artikeln. Von diesen Autoren wird vehement alles, was nicht deren persönlicher Auffassung entspricht, verfälscht und es werden Inhalte oder Themen vorsätzlich missverstanden oder fehlinterpretiert damit sie dem eigenen Argument dienen können.

Kann diese Behauptung auch begründet werden?

In meinem Beispiel regt sich Kotaku-Autor Nathan Grayson darüber auf, dass sich „LOVE³ -Love Cube-“ und „Custom Order Maid 3D 2 – It’s a Night Magic“ zu den verkaufsstärksten Spielen des Monats Juli auf Steam zählen dürfen. Und allein der Titel des Artikels lässt auf das Fehlen jeglicher Objektivität schließen.
Das ist die Art von Artikel mit der Visual Novels außerhalb der dedizierten Seiten beworben werden: Anime Sexspiele.

Schon im Absatz über LOVE³ wird deutlich, dass sich der Autor nicht mit dem Thema befassen will und daher Steam Reviews nutzt, um seinen Punkt zu verdeutlichen. Für alle, die es nicht wissen: Das sind diese extrem zeichenbegrenzten Slogans, die von fast allen benutzt werden um witzig zu sein oder in der großen Queste für Lacher seinen undankbaren Tod zu finden.

Niemand beachtet oder nimmt solche Reviews ernst, wenn sie unter einem AAA Titel wie Skyrim oder GTA zu finden wären. Aber hier fangen sie auf einmal den Kern des Spiels ein und geben Facetten des Spiels, die ganz zufällig Graysons Meinung untermauern, perfekt wieder.

Im Absatz über COM3D2 greift er wieder auf die Reviews zurück, und meint, dass diese das Hauptproblem von Steam perfekt einfangen. Er meint aber leider nicht die pseudo-coolen, unwitzigen Teenager, die sich im Internet als König des Hügels aufspielen, sondern das Erlauben von AO Spielen.

Die Krone der Ignoranz setzt dem Artikel jedoch der letzte Absatz auf:

“Trotzdem, Sexspiele, besonders die Anime-Sexspiele fahren große Gewinne ein, jetzt da Valve ihnen die Pforten aufgetan hat. Was niemanden überrascht. Diese Spiele zielen hauptsächlich auf die sexuellen Fantasien von Hetero-Männern ab und Steam ist eine von Männern dominierte Plattform. Ich habe bisher noch kein Spiel gesehen, das speziell auf die sexuellen Bedürfnisse von Hetero-Frauen oder LGBTQ-Anhängern abzielt und die gleiche Menge an Erfolg hat. Aber durch Hassreaktionen oder Steams Regeln ist das einfach nicht möglich. Es gibt außerdem kaum solche Spiele auf dieser Plattform.“

Fangen wir am Anfang an. Dass Videospiele eine reine Männerdomäne sein sollen, ist schon lange widerlegt worden. Frauen spielen genauso viel, wenn nicht noch mehr. Wikipedia verweist auf mehrere Statistiken, die auf 50:50 hindeuten, bei textlastigen Spielen sogar auf einen höheren Frauenanteil. Ich weiß, Wikipedia ist keine Quelle, aber allein durch Wikipedia habe ich schon mehr Quellen angegeben als Grayson. Gaming ist 50:50, auch wenn es rapide Abweichungen zwischen den Genres gibt. Und Steam als größte Gaming-Plattform weißt vermutlich ähnliche Verteilungen auf.

Visual Novels sind jedoch extrem zielgruppenorientiert, weshalb es jemandem, der sich nicht mit dem Thema beschäftigt hat, leicht fällt nur die größten Titel zu bemerken. Und das sind nun mal Moege. Die Aussage, dass es keine VNs für Frauen gibt, lässt die Unwilligkeit des Autoren sich mit der Materie, über die man herziehen will, zu befassen, nur zu deutlich werden. Allein bei der Suche nach „Otome“ zeigt Steam schon über 14 Seiten an.

Es gibt diverse Sorten von VNs, die speziell auf Frauen abzielen: Otome Games, die sich eines vergleichbaren finanziellen Erfolges wie „Hetero-Mann-Sexspiele“ erfreuen können, besonders auf Steam. Große Namen wären da zum Beispiel Amnesia oder Hakuoki.

Yaoi, ein Mann x Mann Genre, das besonders auf die weiblicheren Konsumenten abzielt. Bekannte Titel sind DRAMAtical Murder oder Sweet Pool.

Und Yuri, ein Genre das Frau x Frau darstellt, im Gegensatz zum westlichen Gegenstück aber den Fokus eher auf Niedlichkeit legt, um es damit einem breiteren Markt zugänglich zu machen. Beispiele hier sind die „A Kiss for the Petals“-Reihe und „Kindred Spirits on the Roof“, was auf Steam als eines der ersten LGBTQ+ Spiel für Steam gefeiert wurde.

Was bedeutet das also?

Die Kunst Aufruhr zu generieren will also gelernt sein. LGBTQ+ in Kombination mit Gaming eignet sich eigentlich immer um wenigstens ein paar Ausraster zu generieren. Aber Visual Novel sind kein wirkliches „Genre“ an sich, sondern mehr eine Bezeichnung der Präsentationsart. Das wär‘ so als würde man „Filme“ sagen, wenn man nur Action-Filme meint. Dinge zu behaupten, die faktisch falsch sind, sollte jedem Journalisten widerstreben, aber es passiert immer häufiger, dass der Reporterstolz gegen drei Sekunden Ruhm im Auge des Sh*tstorms ausgetauscht wird. Kuma läuft ja auch nicht herum und beschwert sich, dass es nicht genug Stadtbau-RPG-Anime-Dating-Sims mit Bären als Protagonisten gibt und deshalb alle anderen Spiele objektiv schlecht sind. (Doch tut er)

Post Author: Kuma

Ein diabolisches Wesen, das Geschichten verschlingt wie andere Luft zum Atmen. Niemand weiß, Wer oder Was Kuma war, bevor er aus dem Wald ausbrach und sich in die Zivilisation stürzte, aber nun ist er hier und er ist gekommen um zu bleiben. Nichts ist vor ihm sicher. Kein Eroge, keine Visual Novel hält diesen Bären davon ab unaufhörlich weiter und weiter zu lesen. In seiner Sucht sind ihm schon unzählige Spiele zum Opfer gefallen. Und es werden stündlich mehr...